Am 27. Oktober 2026 hat das team.recherche des SWR auf tagesschau.de unter dem Titel „Junge Menschen im Sog der Sekten“ in Textform über Shincheonji, Scientology und andere Gemeinschaften berichtet. Wie bereits letztes Jahr sehen wir mit Besorgnis die zunahme von Artikeln über gesellschaftlich stigmatisierte Gruppen im Vorfeld von christlichen Festen und leider auch die Nutzung des Begriffs "Sekte". Den TV Beitrag in der Mediathek werden wir gesondert besprechen.
Der Bericht enthält zu Shincheonji mindestens mehrere Darstellungen, die nach Kenntnis von FOREF so nicht zutreffen: Die zitierte Frau P. war nie Mitglied der Shincheonji Kirche Jesu – und der zitierte Weltanschauungsbeauftragte Oliver Koch war über die jüngsten Veränderungen bei Shincheonji Frankfurt informiert, ohne dass diese im Beitrag vorkommen. Dass Informationen aus anderen Quellen mit (behaupteten) Erfahrungen in Frankfurt verknüpft werden, halte ich auch für illegitim.
Kurz zusammengefasst:
- Frau P. hat nach den FOREF vorliegenden Informationen nie alle Bibelkurse abgeschlossen. Das ist Voraussetzung, um „Heilige“ (Saint), also Mitglied, zu werden.
- Shincheonji kann zu internen Erfahrungen einer Person, die nie Mitglied war, keine Auskunft geben. Der Satz, Shincheonji lasse Fragen unbeantwortet, erweckt deshalb einen falschen Eindruck.
- Shincheonji Frankfurt hat im September 2026 eine öffentliche Grundsatzerklärung zu Menschenrechten und Demokratie abgegeben, sich mit Weltanschauungsbeauftragten beider großen Kirchen getroffen und lädt zu einem offenen Familiengottesdienst am 8. November 2026 ein.
- Herr Koch wurde über einige Änderungen informiert. Im SWR-Beitrag findet sich davon nichts.
- Die Einladung von Herrn Koch zum Familiengottdesdienst ist bis heute unseres Wissens nach nicht beantwortet,
Was der SWR berichtet
Der Beitrag von Marah Göttsch und Philipp Reichert verbindet eine Umfrage mit Einzelfällen. Laut einer repräsentativen infratest-dimap-Umfrage im Auftrag des SWR fühlen sich 69 Prozent der 18- bis 34-Jährigen durch Krisen stark oder sehr stark belastet; über alle Altersgruppen sind es 58 Prozent. Die Soziologin Claudia Neu wird mit der Einschätzung zitiert, es herrschten „goldene Zeiten für Sekten“. Darauf, dass der Sektenbegriff nicht zu verwenden ist, geht man natürlich nicht ein.
Zu Shincheonji schildert der Beitrag den Weg von Frau P., die während der Corona-Pandemie über christliche Instagram-Gruppen zu einem Bibelkurs gekommen sein soll. Der SWR beruft sich zudem auf zugespieltes internes Schulungsmaterial und zitiert Oliver Koch, Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Kirche, mit Kritik an verdeckter Missionierung. Am Ende des Absatzes steht der Satz, Shincheonji Frankfurt lasse konkrete Fragen zu den Vorwürfen unbeantwortet.
Weitere Teile behandeln Scientology Stuttgart auf TikTok, die Lage der Beratungsstellen in den Bundesländern und die Forderung der Grünen-Politikerin Misbah Khan nach Bundesmitteln für Prävention, worauf wir gesondert eingehen werden.
Frau P. war nie Mitglied – warum „Fragen unbeantwortet“ nicht trägt
Frau P. war nach den FOREF vorliegenden Informationen zu keinem Zeitpunkt Mitglied von Shincheonji. Sie hat die Kurse nicht abgeschlossen. Gleichzeitig scheint sie ja die Bibelkurse abgebrochen zu haben, was allerdings den Schluss induziert, dass sie sehr wohl wusste, woran sie teilnimmt.
Das haben wir bereits am 26. September 2026, also einen Monat vor Erscheinen des SWR-Beitrags, öffentlich gemacht. In unserem Beitrag „Shincheonji-Kirche in Deutschland: Einige Missverständnisse in den Medien“ heißt es:
„Zum Beispiel offenbart eine ARD Recherche die Frage nach einem Mitglied Sandra P. – die nach uns vorliegenden Informationen aber nie über Bibelkurse hinaus engagiert war und insbesondere diese nicht allesamt erfolgreich beendet hat – was Voraussetzung für eine ‚Mitgliedschaft‘ wäre.“
Wer bei Shincheonji Mitglied werden will, muss drei aufeinander aufbauende Bibelkurse erfolgreich abschließen und sich dann der Gemeinde anschließen. Erst dann spricht man von „Heiligen“ (Saints). Darauf hat FOREF auch in der Analyse „Die Rolle von Sekten‚experten‘ am Beispiel von Simon Garrecht“ hingewiesen: Manche „Aussteiger“ haben diese Stufe nie erreicht und können daher nicht aus dem Gemeindeleben berichten.
Daraus folgt zweierlei:
- Die Anfrage an Shincheonji ging von einer falschen Voraussetzung aus. Eine Gemeinschaft kann zu Erlebnissen eines Mitglieds, das es nie gab, nichts Konkretes erklären.
- Der Satz, Shincheonji Frankfurt lasse Fragen unbeantwortet, vermittelt den Eindruck von Verweigerung. Tatsächlich lag der Mangel in der Frage, nicht in der Antwort. Und: Dass Frau P. nie Mitglied war, wurde beantwortet - neben anderen Informationen. Dem Leser wird das nicht mitgeteilt. Es werden schlicht Unwahrheiten verbreitet.
Das schmälert nicht, was Frau P. subjektiv erlebt hat. Es bedeutet aber: Ihre Schilderung betrifft bestenfalls die Phase der Bibelkurse, nicht die Religion selbst. Ein journalistisch sauberer Beitrag hätte diese Unterscheidung treffen müssen. Und: Wenn wir über "verdecktes" Missionieren sprechen, ist es ein unauflösbarer Widerspruch, wenn Frau P. eine Gemeinschaft verlässt, die sie nicht kennen dürfte, wenn es wirklich "verdeckt" wäre. Nach unseren Informationen erfahren Schüler in den Bibelkursen definitiv nach einiger Zeit, wo sie mitmachen,
Wir selbst von FOREF würden uns hier auch mehr Offenheit wünschen, wie es die Zeugen Jehovas bei ihren Infoständen machen, z.B. durch ein erkennbares Logo.
Was Herr Koch weiß – und der Presse nicht sagt
Oliver Koch wurde über einige Veränderungen bei Shincheonji Frankfurt informiert. Im SWR-Beitrag beschreibt er die Gemeinschaft dennoch so, als habe sich seit Jahren nichts bewegt. Das halten wir gegenüber Journalisten und Lesern für nicht ehrlich.
Welche Veränderungen gemeint sind, ist auf foref.info öffentlich dokumentiert:
Datum | Veränderung | FOREF-Beitrag |
|---|---|---|
29.09.2026 | Treffen von Vertretern Shincheonji Frankfurts mit zahlreichen Weltanschauungsbeauftragten beider großen Kirchen; Bibelkurse stehen Pastoren, Priestern und Theologen offen | |
27.09.2026 | Öffentliche Grundsatzerklärung zu Menschenrechten, Demokratie, Religionsfreiheit und familiären Beziehungen auch außerhalb der Gemeinde | |
26.09.2026 | Einladung zum offenen Familiengottesdienst am 08.11.2026 für Familien, Freunde und alle Interessierten |
In der Grundsatzerklärung bekennt sich Shincheonji Frankfurt ausdrücklich zur freiheitlich demokratischen Grundordnung und zur Familie. Die Erklärung bindet nach ihrem Wortlaut Leitung, Mitarbeitende und Mitglieder sowie den Unterricht des Zion-Christlichen Missionszentrums. Zum Vorwurf der verdeckten Missionierung hat Shincheonji schon gegenüber dem hr erklärt, man bekenne sich offen zu Shincheonji, wenn Interessenten nach den Hintergründen fragen.
Über den Inhalt des Treffens am 29. September besteht eine Vertraulichkeitsvereinbarung, an die sich FOREF hält (auch wenn wir hiervon nicht umfasst sind). Gerade deshalb wäre es an den Weltanschauungsbeauftragten, gegenüber der Presse zumindest zu erwähnen, dass Gespräche stattfinden und Shincheonji Angebote gemacht hat, die aber bisher nicht angenommen wurden. Wer als Experte zitiert wird und diesen Stand kennt, ihn aber nicht nennt, gibt den Lesern ein unvollständiges Bild.
Wer sich selbst ein Bild machen möchte: FOREF hat die Frankfurter Gemeinde im Juli besucht. Das Sektennarrativ ließ sich dort nicht ansatzweise nachvollziehen. Der Familiengottesdienst am 8. November steht jedem offen – auch Herrn Koch und den Redakteuren des SWR. Aber ich fürchte, dazu sind sie zu feige, man müsste danach ja sein eigenes, überkommenes Weltbild ändern - oder wissenschaftlich-transparent arbeiten und viele falschen Webartikel abändern.
Die andere Seite der Medaille
Der SWR stützt sich bei Shincheonji auf eine Einzelperson, zugespieltes Material und einen Weltanschauungsbeauftragten, der Mitautor des Buches „Die Seelenfänger von Shincheonji“ ist. Der Fernsehbeitrag ist noch unbekannt. Stimmen heutiger Mitglieder, ihrer Familien oder neutraler Beobachter fehlen. Drei FOREF-Beiträge zeigen, warum das zu einem schiefen Bild führt.
1. Übergriffe gegen Mitglieder werden nicht erfasst. In unserer laufenden Erhebung „Übergriffe gegen Mitglieder von Shincheonji systematisch erfasst“ steht in 83 Prozent der Fälle ein Kontaktabbruch im Mittelpunkt – fast immer ausgehend von Familie, Ex-Partnern oder Freundeskreis, nicht von den Mitgliedern. Angehörige stützen sich dabei meist auf Internetrecherche und Presseartikel statt auf eigene Gespräche. Die Erhebung ist nicht abgeschlossen und nicht repräsentativ; sie zeigt aber, dass „Isolation“ oft von außen kommt.
2. Einzelne Aussteigerberichte ergeben kein Gesamtbild. Im Beitrag „Zur Weitergabe ungeprüfter Aussteigerberichte“ haben wir beschrieben, wie Berichte ohne eigene Wahrnehmung über Beratungsstellen und Medien zu „Fakten“ werden. Zuletzt haben wir dasselbe Muster am Beispiel einer Freikirche aufgezeigt: „Warum ein einzelner Aussteigerbericht kein Gesamtbild ergibt“.
3. Der Begriff „Sekte“ ersetzt die Prüfung. Schon die Enquete-Kommission des Bundestages empfahl 1998, auf den Begriff weitgehend zu verzichten (BT-Drs. 13/10950). Der SWR verwendet ihn dennoch in Überschrift und Text, ohne ihn zu definieren. FOREF spricht deshalb von gesellschaftlich stigmatisierten Gruppen und hat die Gründe im Arbeitspapier „‚Sekte‘ als Kampfbegriff“ dargelegt.
Was am SWR-Bericht berechtigt ist
Die Sorge um junge Menschen in Krisenzeiten ist berechtigt, und die Umfragezahlen verdienen Aufmerksamkeit. Auch die Frage, wie gut Beratungsangebote in den Ländern ausgestattet sind, ist legitim. Wer junge Menschen schützen will, braucht aber genaue Fakten: wer Mitglied ist und wer nicht, was sich verändert hat und was nicht. Pauschale Etiketten schützen niemanden – sie treffen die Menschen, die sich frei für ihren Glauben entschieden haben. Wir bieten dem SWR an, die hier genannten Punkte in einem Gespräch zu klären. Ein solches Gesprächsangebot wurde ohnehin in anderem Zusammenhang getätigt, von Herrn Reichelt aber nicht angenommen.
Und: Wenn man wie die zitierten Menschen bereits Sorge hat, dass jemand Mitglied einer Religion oder Kirche wird, und sich hier hinter dem Verfassungsschutzauftrag versteckt, der hat das Grundgesetz und die Weimarer Reichsverfassung ebenso wenig verstanden wie die Grundrechtecharta der EU.
Häufige Fragen
Was hat der SWR am 27. Oktober 2026 über Shincheonji berichtet? Das team.recherche des SWR berichtete auf tagesschau.de über junge Menschen als Zielgruppe religiöser und weltanschaulicher Gemeinschaften. Zu Shincheonji schilderte der Beitrag den Fall von Frau P. und zitierte den Weltanschauungsbeauftragten Oliver Koch. Der TV Beitrag ist noch unbekannt.
War Frau P. Mitglied von Shincheonji? Nein. Nach den FOREF vorliegenden Informationen hat Frau P. nicht alle Bibelkurse abgeschlossen. Das ist Voraussetzung, um „Heilige“ und damit Mitglied der Gemeinde zu werden.
Warum hat Shincheonji die Fragen des SWR nicht beantwortet? Die Anfrage setzte voraus, dass Frau P. Mitglied war. Zu internen Erfahrungen einer Person, die nie Mitglied war, kann eine Gemeinschaft keine konkreten Angaben machen.
Was hat sich bei Shincheonji Frankfurt 2026 geändert? Shincheonji Frankfurt hat im September 2026 eine öffentliche Grundsatzerklärung zu Menschenrechten und Demokratie veröffentlicht, sich mit Weltanschauungsbeauftragten getroffen und lädt am 8. November 2026 zu einem offenen Familiengottesdienst ein.
Warum spricht FOREF nicht von „Sekten“? Der Begriff ist unscharf und stigmatisierend. Die Enquete-Kommission des Bundestages empfahl 1998, darauf weitgehend zu verzichten. FOREF spricht von gesellschaftlich stigmatisierten Gruppen. Auch Presse, insbesondere solche die staatlich bezahlt wird, sollte sich an die Vorgaben der Enquete Kommission halten.
Quellen und weiterführende FOREF-Beiträge
- Junge Menschen im Sog der Sekten – tagesschau.de / SWR, 27.10.2026
- Shincheonji-Kirche in Deutschland: Einige Missverständnisse in den Medien – FOREF, 26.09.2026
- Die Grundsatzerklärung zu Menschenrechten und Demokratie von Shincheonji Frankfurt – FOREF, 27.09.2026
- Transparenz bei Shincheonji (Frankfurt) – FOREF, 01.10.2026
- 08.11. Familiengottesdienst Shincheonji Frankfurt – FOREF, 26.09.2026
- Übergriffe gegen Mitglieder von Shincheonji systematisch erfasst – FOREF, 21.09.2026
- Zur Weitergabe ungeprüfter Aussteigerberichte – FOREF, 08.10.2026
- Freikirche verlassen: Warum ein einzelner Aussteigerbericht kein Gesamtbild ergibt – FOREF, 26.10.2026
- Die Rolle von Sekten„experten“ am Beispiel von Simon Garrecht – FOREF
- „Sekte“ als Kampfbegriff – FOREF, 01.03.2026
- Besuch bei Shincheonji in Frankfurt am Main – FOREF, 28.07.2026
- Initiative Peace City 069 – hessenschau.de