FOREF Deutschland hat mit freundlicher Genehmigung von Human Rights Without Frontiers auf Basis von deren Artikel über die Shincheonji Kirche in Frankreich diesen Artikel übersetzt, auf Deutschland angepasst und erweitert.
Der Originalartikel ist von Hans Noot, stellvertretender Direktor von Human Rights Without Frontiers (Menschenrechte ohne Grenzen)
Human Rights Without Frontiers hat bereits verschiedene Forschungsdokumente über die Shincheonji-Kirche Jesu in Frankreich veröffentlicht. Alle Artikel von FOREF Deutschland zu Shincheonji finden Sie mit dem gleichnamigen Tag hier.
Dieses Dokument behandelt ein Thema, das viele Medien fast nie präzise erklären; diese weichen lieber auf ein Sektennarrativ und teils offenkundig falsche "Missverständnisse" aus.
Was sind die tatsächlichen Lehren von Shincheonji?
Dieses Dokument soll den deutschen Medien helfen, bestimmte Fragen im Zusammenhang mit der von der Shincheonji-Kirche gelehrten Theologie zu behandeln. In Deutschland gibt es 3 Standorte von 3 Stämmen, wobei FOREF im regelmäßigen Kontakt mit dem Frankfurter Tempel des Simon Stammes steht.
Vorwort für Journalisten
Bevor im Folgenden auf einige spezifische Lehren eingegangen wird, hier einige Worte zur Entstehung dieses Dokuments und zu den Gründen für diese Untersuchung.
Ein Großteil dessen, was die Öffentlichkeit über Shincheonji in Deutschland weiß, stammt aus Aussagen ehemaliger Mitglieder, die von den Medien weit verbreitet wurden, sowie aus dem Buch "Die Seelenfänger von Shincheonji" von Oliver Koch und Johannes Lorenz. Das Buch gibt sich "wissenschaftlich", ohne Hypothesen zu bilden, und nimmt das Ergebnis in den ersten Kapiteln vorweg. Konkrete Erfahrungsberichte sind wichtig und verdienen Aufmerksamkeit, sind aber wie zu meist zu hinterfragen nach Erlebnisbasiertheit. Prüft man einige Behauptungen oder gar Fragen von Journalisten, offenbart sich oft schreckliche Unkenntnis der Materie. Zum Beispiel offenbart eine ARD Recherche die Frage nach einem Mitglied Sandra P. - die nach uns vorliegenden Informationen aber nie über Bibelkurse hinaus engagiert war und insbesondere diese nicht allesamt erfolgreich beendet hat - was Voraussetzung für eine "Mitgliedschaft" wäre. Alleine der Begriff Mitglied belegt fehlende Detailkenntnis, da Mitglieder des Tempels "Saints", also "Heilige" heißen.
Gleichzeitig ist das offene Bekenntnis zur Mitgliedschaft bei Shincheonji in Deutschland nach wie vor mit einer realen, persönlichen und sozialen Stigmatisierung verbunden. Dies erklärt sich zum Teil durch die Berichterstattung in Deutschland und Südkorea über die komplexen Beziehungen der Mutterkirche zu einigen anderen christlichen Gemeinschaften und den politischen Behörden.
Diese Stigmatisierung ist einer der Gründe, warum viele "Heilige" (englisch "Saints") der Kirche oft wenig geneigt sind, sich öffentlich über ihr Verhältnis zur Kirche zu äußern. Wir hatten bereits in dieser nicht repräsentativen Analyse erhebliche Probleme aufgedeckt, die Mitglieder der Kirche aufgrund ihrer Mitgliedschaft und des Sekten-Narrativs erleiden.
Das bedeutet, dass wichtige Stimmen in der Debatte oft völlig fehlt: die der Shincheonji-Kirche in Frankfurt und Deutschland selbst sowie neutrale Freunde, Familien und Menschen und deren Sichtweise. Dies beeinträchtigt auch die theologische Wahrnehmung, denn darüber, was sie nach ihren Angaben lehren, wird kaum berichtet.
Das vorliegende Dokument versteht sich als Ergänzung zu bestehenden Berichten, nicht als alleingültiger Ersatz dafür.
Wir stützen uns direkt auf die offiziellen Dokumente von Shincheonji, auf Gespräche mit der Frankfurter Gemeindeleitung und mit "Heiligen", um ihre Theologie nach ihren eigenen Begriffen zu beschreiben. Dadruch soll das Bild rund und jede Seite der Medaille aufgezeigt werden.
Wir hoffen, dass unser Beitrag sowie die Ressourcen von HRWF nützliche Referenzen bietet, wenn das nächste Mal über Shincheonji berichtet wird — zusätzliche und neutrale Quelle, aus denen geschöpft werden kann, parallel zu den anderen verfügbaren Dokumenten, auch einseitigen von Aussteigern und Weltanschauungsexperten. Wir bitten Sie, Fakten zu hinterfragen und zu prüfen.
Die behandelten Themen wurden anhand der von HRWF ausgewählten, in den in den französischen Medien geläufigen Missverständnissen, ausgewählt und um in Deutschland spezifische Probleme erweitert. Sie zielen darauf ab, einen unparteiischen Journalismus zu fördern.
Weder HRWF noch FOREF befürworten oder beurteilen auf Grund der uneingeschränkten Religionsfreiheit die theologischen Wahrheitsansprüche irgendeiner Religion.
Ziel ist es lediglich, sie präzise zu beschreiben. Eine ungenaue Beschreibung kann reale, negative Konsequenzen für das Leben der Mitglieder einer Gemeinschaft haben. Dieses Dokument ordnet sich daher in den Rahmen unserer Hauptanliegen ein: die Menschenrechte und insbesondere die Freiheit, die Religion eigener Wahl zu haben oder gar keine zu haben.
Der Name der Kirche: Was bedeutet Shincheonji?
Der vollständige und offizielle Name dieser religiösen Gruppe in ihrer Herkunftssprache lautet „Shincheonji, Kirche Jesu, der Tempel des Zeltes des Zeugnisses“, aber in Deutschland und Europa wird sie gewöhnlich nur „Shincheonji-Kirche“ oder "Shincheonji" genannt.
„Shincheonji“ (신천지) ist ein Begriff, der „neuer Himmel, neue Erde“ bedeutet und aus dem letzten Buch der Bibel stammt.
Die Kirche lehrt, dass dieser neue Himmel und diese neue Erde keinen physischen Ersatz des Planeten darstellen, sondern eine symbolische Beschreibung einer neuen Gemeinschaft sind. In ihrer Theologie repräsentiert der neue Himmel die Kirche und die neue Erde die neue Gemeinschaft, die zu ihr gehört.
Kirche Jesu
Der Name „Kirche Jesu“ ist genau deshalb in ihrer Bezeichnung enthalten, um auszudrücken, dass Jesus — und nicht Lee Man-hee — als das Haupt dieser Kirche angesehen wird. Ein häufiges Missverständnis wird hierdurch entkräftet. Lee Man-hee ist eben keine "Inkarnation" von Jesus oder von Gott.
Laut der Kirche handelt es sich dabei nicht bloß um ein Aushängeschild, sondern um ein zentrales Element ihrer Lehren.
Ist Shincheonji eine „apokalyptische Kirche“?
Da sich die Lehren der Kirche hauptsächlich auf das letzte Buch der Bibel, die „Offenbarung des Johannes“, konzentrieren, bezeichnen Presseartikel in Europa Shincheonji regelmäßig als sogenannte „apokalyptische Sekte“. Leser stellen sich daher oft vor, dass Shincheonji eine massive Zerstörung am Ende der Zeiten prophezeit.
Das ist nicht die Lehre von Shincheonji. Tatsächlich betrachtet die Kirche dieses Buch der Bibel nicht als Warnung vor einer bevorstehenden Katastrophe, die man fürchten müsste, sondern als eine Offenbarung von Gottes Plan zur Wiederherstellung der Schöpfung.
Hier ist eine sprachliche und kulturelle Verwirrung anzumerken. Das Buch der Apokalypse in der Bibel wird im Englischen als „The Book of Revelation“ (Das Buch der Offenbarung) bezeichnet. In diesem Sinne gilt die Lehre von Shincheonji: die Offenbarung.
Sind die Lehren über das Ende der Zeiten beängstigend?
Shincheonji predigt weder Unheil noch Zerstörung. Ihre Mitglieder nennen die Zeit, in der wir derzeit leben, „das Zeitalter der Erfüllung“ — eine Epoche, in der Gott laut ihren Aussagen kommt, um unter den Menschen zu wohnen, und nicht, um sie zu zerstören.
Im Herzen dieses Glaubens steht eine Passage aus der Offenbarung des Johannes, die von einem „tausendjährigen Reich Christi“ spricht, das von anderen oft als Millennium bezeichnet wird. Shincheonji lehrt, dass dieser Zeitraum von tausend Jahren am 14. März 1984 begonnen hat — dem Tag der Gründung der Kirche.
Christen sind sich im Allgemeinen nicht einig über die Bedeutung dieses „tausendjährigen Reiches“ oder darüber, wann es stattfinden wird. Traditionelle Kirchen debattieren seit Jahrhunderten über diese Frage und vertreten unterschiedliche Standpunkte. Obwohl die spezifische Behauptung von Shincheonji, die diesen Zeitraum im Jahr 1984 ansetzt und auf die eigene Kirche zentriert, ungewöhnlich ist, ist die zugrundeliegende Debatte keine Erfindung der Kirche — es handelt sich um eine langjährige Diskussion innerhalb des Christentums.
Wird Lee Man-hee als Gottheit verehrt? Wahr oder falsch?
Der heute 95-jährige Gründer Lee Man-hee wird in den Medien häufig so dargestellt, als behaupte er, Gott oder der auf die Erde zurückgekehrte Jesus zu sein. Das entspricht nicht den Lehren der Shincheonji-Kirche.
Shincheonji lehrt, dass Lee Man-hee ein von Jesus gesandter prophetischer Bote ist und kein göttliches Wesen. Er ist ein Mensch, der die Bedeutung der in der Offenbarung des Johannes enthaltenen Prophezeiungen verstanden hat und die Verantwortung trägt, diese zu erklären und zu lehren.
Ist die Shincheonji-Kirche ein Club mit Exklusivrecht auf das Heil? Kommen nur die 144.000 Personen in den Genuß der Rettung?
Die Offenbarung des Johannes erwähnt eine Gruppe von 144.000 Personen. Eine weit verbreitete Fehlinterpretation behauptet, Shincheonji lehre, dass nur diese Anzahl von Menschen gerettet werden könne und alle anderen verdammt seien.
In Wirklichkeit unterscheidet die Lehre von Shincheonji zwei verschiedene Gruppen: die 144.000, die eine besondere priesterliche Funktion innehaben, und eine separate, weit größere Gruppe, die als die „große Schar in weißen Kleidern“ bezeichnet wird und ebenfalls gerettet wird. Auch dies ergibt sich ihrer Auffassung nach so aus der Offenbarung. Nach den eigenen Begriffen der Kirche agieren die 144.000 als „Priester“, während die Gesamtheit der Gläubigen als das Volk desselben Reiches beschrieben wird.
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