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Christliche Influencer bei Panorama 3: Wo der NDR recht hat – und wo er pauschalisiert

Christliche Influencer bei Panorama 3: Wo der NDR recht hat – und wo er pauschalisiert
Symbolbild, KI generiert (Claude)

Am 22. Oktober 2026 hat NDR Info den Panorama-3-Beitrag „Radikal im Namen Gottes? Wie christliche Influencer den Glauben politisieren“ veröffentlicht. Er zeigt junge Männer aus Hannover, die in sozialen Medien für die alte lateinische Messe werben und teils gegen die eigene Kirche mobil machen. FOREF hat den rund acht Minuten langen Beitrag ausgewertet. Unser Ergebnis: Die dokumentierten Drohungen gegen die katholische Jugend verdienen eine klare Verurteilung. Mehrere Bewertungen des Beitrags halten einer genauen Prüfung jedoch nicht stand.

Worum geht es im Panorama-3-Beitrag?

Der Beitrag beginnt in der Kirche St. Clemens in Hannover. Dort bereitet die Gemeinde ein Konzert unter dem Motto „Bunt statt Braun“ vor. Gemeindesprecher Rüdiger Wala erklärt, man wolle für Demokratie und Vielfalt werben und queeren Menschen zeigen, dass sie willkommen sind.

Sonntags feiert in derselben Kirche die Petrusbruderschaft die Messe im alten Ritus auf Latein. Laut Panorama 3 finden viele Besucher das schlicht schön. Die alte Liturgie ziehe aber auch Menschen mit radikalen Ansichten an.

Im Mittelpunkt steht eine kleine Gruppe junger Männer, die online als „Katholisch Hannover“ auftritt. Der Beitrag zeigt Videos, die die Gründer vom Katholikentag gepostet haben. Darin werfen sie der Kirche vor, sich von der wahren Lehre abgewandt zu haben, und kritisieren Regenbogenfahnen. Wer queere Sexualität nicht als Sünde ansehe, sei ein Handlanger des Teufels; dasselbe gelte für Menschen, die Kinder über sexuellen Missbrauch aufklären. In einem Video heißt es: „Jetzt ist die Zeit gekommen, wo klar Schiff gemacht werden muss.“

Nach Angaben des NDR gibt es ähnliche Gruppen etwa in Düsseldorf und im Saarland. Sie bestünden erst seit fünf bis sieben Monaten, seien gut vernetzt und erreichten mit ihren Videos mehrere Zehntausend Menschen.

Lisa Holzer von der Katholischen Jungen Gemeinde (KjG) berichtet von massiven Bedrohungen. Im Netz werde die Todesstrafe für Mitglieder gefordert und behauptet, die KjG sexualisiere Kinder. Auf Veranstaltungen seien Mitglieder körperlich angegriffen worden; inzwischen gebe es Sicherheitskonzepte für Kinder- und Jugendfeste.

Christoph Grotepass, Theologe bei der Beratungsstelle Sekten-Info NRW, beschreibt soziale Medien als Brandbeschleuniger des christlichen Fundamentalismus. Er sieht in diesen Milieus zum Teil demokratiegefährdende Glaubenssätze, etwa antiliberale, homophobe und islamfeindliche Äußerungen. Katholisch Hannover lehnte ein Interview ab, bekannte sich aber schriftlich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Das Bistum Hildesheim teilte mit, man habe mit einzelnen Akteuren über Grenzüberschreitungen gesprochen.

Was Panorama 3 zu Recht anprangert

Wer Todesstrafen fordert, Jugendliche bedroht oder Menschen körperlich angreift, kann sich nicht auf Religionsfreiheit berufen. Artikel 4 des Grundgesetzes schützt den Glauben und seine Ausübung, nicht die Einschüchterung anderer. Das gilt ausnahmslos.

Auch die Herabsetzung von Missbrauchsprävention als Werk des Teufels ist nicht hinnehmbar. Gerade die katholische Kirche hat erlebt, welchen Schaden Schweigen über Missbrauch anrichtet. Wer Aufklärung diffamiert, schadet Kindern. Allerdings steht die katholische Kirche nach wie vor in der Kritik, insbesondere seitdem der Papst die Verantwortung auf die Menschen abschob und institutionelle Probleme in Frage stellt.

FOREF misst hier mit demselben Maß wie bei allen Gemeinschaften. Wir verurteilen Gewalt gegen Zeugen Jehovas, gegen Mitglieder von Shincheonji oder gegen Freikirchen. Ebenso klar verurteilen wir Drohungen und Angriffe gegen die KjG. Wie schnell Worte in Gewalt umschlagen können, haben wir bereits hier beschrieben.

Wo der Beitrag pauschalisiert: fünf kritische Punkte

1. Die Bildregie stellt die alte Messe unter Verdacht. Frauen mit Schleier, junge Menschen, lateinische Liturgie: Diese Bilder leiten den Teil über Radikalität ein. Die Petrusbruderschaft ist eine 1988 von Rom errichtete Gemeinschaft päpstlichen Rechts und voll in die katholische Kirche eingebunden. Der Beitrag zeigt nicht, dass sie mit den Videos etwas zu tun hat, und lässt sie nicht zu Wort kommen. Der Satz, viele fänden die Messe einfach schön, ändert wenig an einer Dramaturgie, die Ritus und Radikalität miteinander verknüpft.

2. Wer droht, bleibt offen. Die Drohungen gegen die KjG folgen im Schnitt direkt auf die Videos aus Hannover. Der Beitrag belegt aber nicht, dass Katholisch Hannover oder die Schwestergruppen Absender der Todesstrafen-Forderungen oder Täter der Angriffe sind. Ist das so, hätte es gesagt werden müssen. Ist es nicht so, entsteht beim Publikum ein falscher Eindruck. Beides ist journalistisch unbefriedigend und damit abzulehnen.

3. Die Videobeschreibung geht weiter als das Video. Auf YouTube heißt es, Beratungsstellen registrierten einen deutlichen Anstieg von Fällen mit fundamentalistischem Hintergrund. Im Beitrag selbst fällt dazu keine Zahl. Belegt ist nur die Einschätzung eines einzelnen Theologen. Auch die Aussage, die Gruppen lehnten gesellschaftliche Vielfalt ab, wird nicht für alle gezeigten Akteure nachgewiesen.

4. Eine Sektenberatungsstelle bewertet katholische Gläubige. Sekten-Info NRW berät nach eigener Beschreibung zu neuen religiösen und weltanschaulichen Gemeinschaften und sogenannten Psychogruppen. Dass ausgerechnet diese Stelle als Gutachterin über junge Katholiken auftritt, zeigt, wie dehnbar das Sekten-Raster geworden ist. Die Enquete-Kommission des Bundestages hat schon 1998 empfohlen, auf den Begriff „Sekte“ zu verzichten (Einordnung). Ohnehin ist diese Beratungsstelle bereits in der Vergangenheit mit wenig differenzierten, teils offen falschen Aussagen, jedoch niemals wissenschaftlich-transparent aufgefallen.

Problematisch ist hier vor allem die fehlende Trennschärfe. Dass homosexuelle Handlungen Sünde seien, ist geltende Lehre der katholischen Kirche (Katechismus Nr. 2357). Derselbe Katechismus verlangt Achtung gegenüber homosexuellen Menschen und verbietet ungerechte Diskriminierung (Nr. 2358). Wer bereits das Bekenntnis zu dieser Lehre als „homophob“ und „demokratiegefährdend“ einstuft, trifft Millionen Gläubige. Maßstab muss das Verhalten sein: Drohung, Hetze, Gewalt. Nicht die Glaubensüberzeugung.

Das gilt auch für das gezeigte Wahlvideo, nach dem Deutschland nur durch eine christliche Mission zu wahrer Größe finde. Das ist eine zugespitzte politische Meinung. Sie ist von der Meinungsfreiheit gedeckt, solange sie nicht darauf zielt, anderen ihre Rechte abzusprechen.

5. Wichtige Stimmen fehlen. Weder die Petrusbruderschaft noch junge Besucher der alten Messe noch die Religionswissenschaft kommen zu Wort. Die einzige Fachstimme kommt aus der Sektenberatung. Dass Katholisch Hannover ein Interview ablehnte, ist ihre Entscheidung. Ihre schriftliche Stellungnahme gibt der Beitrag nur bruchstückhaft wieder.

Was der Beitrag gut macht

Panorama 3 lässt die Betroffenen der Drohungen ausführlich sprechen und holt Stellungnahmen der Gruppe und des Bistums ein. Der Beitrag räumt ein, dass die alte Messe für viele einfach schön ist. Und er endet mit der richtigen Frage: Rüdiger Wala räumt ein, dass die Kirche junge Männer nach Firmung und Schule kaum noch erreicht. Diese Selbstkritik ist wertvoller als jedes Etikett. Dass faire Berichterstattung über Glaubensgemeinschaften möglich ist, zeigt etwa die hessenschau über die Vive Church Frankfurt - im selben zeitlichen Rahmen.

FOREF-Einordnung: Handlung statt Bekenntnis

Wir haben bereits beim ARD-Feature „Heilige Krieger“ betont, dass konservativ nicht gleich rechtsextrem ist. Der Panorama-3-Beitrag bestätigt diese Sorge. Er dokumentiert reale Bedrohungen. Er rahmt sie aber so, dass traditionelle Frömmigkeit und Radikalität ineinander verschwimmen.

Für die Berichterstattung über christliche Influencer schlagen wir drei Maßstäbe vor:

  1. Konkrete Handlungen benennen und belegen, wer sie begangen hat.
  2. Kirchliche Lehre, politische Meinung und Hetze sauber trennen.
  3. Die Gruppen und ihr Umfeld selbst zu Wort kommen lassen, nicht nur Beratungsstellen.

Wer jungen Gläubigen signalisiert, dass schon ihre Liturgie verdächtig ist, treibt sie zu denen, die tatsächlich radikal sind. Wer dagegen klar zwischen Bekenntnis und Bedrohung unterscheidet, schützt die KjG und die Religionsfreiheit zugleich.

FAQ

Worum geht es im Panorama-3-Beitrag „Radikal im Namen Gottes?“? NDR Info berichtet über junge katholische Influencer, etwa die Gruppe „Katholisch Hannover“, die für die alte lateinische Messe werben und teils gegen eine liberale Kirche, die KjG und queere Menschen auftreten.

Ist die alte lateinische Messe radikal? Nein. Die Messe im alten Ritus ist eine von der katholischen Kirche erlaubte Form der Liturgie. Die Petrusbruderschaft, die sie in Hannover feiert, ist eine von Rom anerkannte Gemeinschaft.

Sind Drohungen aus religiösen Motiven durch die Religionsfreiheit geschützt? Nein. Artikel 4 Grundgesetz schützt Glauben und Glaubensausübung, nicht Drohungen, Hetze oder Gewalt gegen andere.

Was kritisiert FOREF am NDR-Beitrag? Die Bildregie verknüpft traditionelle Liturgie mit Radikalität, die Urheber der Drohungen bleiben unklar, eine Sektenberatungsstelle ist die einzige Fachstimme und kirchliche Lehre wird nicht klar von Hetze getrennt.

Was ist Sekten-Info NRW? Ein Verein mit Sitz in Essen, der zu neuen religiösen und weltanschaulichen Gemeinschaften, sogenannten Psychogruppen sowie zu Salafismus berät. Wir halten diesen Verein für wenig überzeugend, oftmals inhaltlich falsch und manipulativ, was auf Basis von uns bekannten Gerichtsaktenbestandteilen, Verhaltensweisen der Führungspersonen in der Vergangenheit und Urteile belegbar ist. Ohnehin wird hier der Rahmen des eigenen Fokus überschritten.

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

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