Kurz zusammengefasst: Auf der OSZE-Konferenz zur menschlichen Dimension in Warschau (5. bis 15. Oktober 2026) hat die Europäische Vereinigung der Zeugen Jehovas körperliche Angriffe, Morddrohungen und Vandalismus gegen ihre Mitglieder in Frankreich dokumentiert. Human Rights Without Frontiers (HRWF) hat die Vorfälle am 21. Oktober 2026 öffentlich gemacht. Für FOREF zeigt der Fall ein Muster, das weit über Frankreich hinausreicht: Gewalt gegen gesellschaftlich stigmatisierte Gruppen findet kaum öffentliche Aufmerksamkeit – und wird durch das Sekten-Narrativ und einseitige Aussagen sogenannter Sektenexperten begünstigt.
Was in Warschau berichtet wurde
Die Europäische Vereinigung der Zeugen Jehovas wertete die geschilderten Taten als eindeutigen Ausdruck religiös motivierter Feindseligkeit. Sie richteten sich gegen Gläubige bei ihrer öffentlichen Religionsausübung und gegen religiös genutzte Gebäude. Zu den dokumentierten Fällen gehören:
- Saulnières, März 2026: Zwei Zeugen Jehovas wurden von einem feindseligen Mann angegriffen, während sie mit anderen über ihren Glauben sprachen.
- Mai 2026: Zwei weitere Zeugen wurden bei ihrer religiösen Tätigkeit Opfer eines gewaltsamen Angriffs.
- Nancy: Ein Ehepaar wurde beim Predigtdienst körperlich angegriffen und mit dem Tod bedroht, falls es wiederkomme.
- Douarnenez, Juli 2026: Unbekannte besprühten alle vier Außenwände des Königreichssaals mit Graffiti.
Die Betroffenen haben Anzeige erstattet. Die Zeugen Jehovas fordern, dass religiös motivierte Gewalt und Diskriminierung gegen ihre Mitglieder ermittelt und verhältnismäßig sanktioniert werden. Aus unserer Sicht muss ein Exempel statuiert werden, das dem hohen Gut der Religionsfreiheit und der friedlichen Natur von Zeugen Jehovas Rechnung tragen würde.
Die Fälle sind keine Ausreißer. Nach Daten der Zeugen Jehovas, die im Mai 2026 bei einem OSZE/ODIHR-Workshop zu antichristlicher Hasskriminalität in Rom vorgestellt wurden, gab es 2025 in Frankreich 101 dokumentierte Vorfälle – mehr als in jedem anderen westeuropäischen Land. Darunter waren telefonische Morddrohungen gegen Königreichssäle und die französische Zentrale, Einbrüche und Schmierereien an Gotteshäusern sowie ein angezündetes Fahrzeug auf dem Parkplatz eines Königreichssaals in Cergy-Pontoise.
Aufklärungsarbeit von HRWF
Dass diese Vorfälle überhaupt eine breitere Öffentlichkeit erreichen, ist maßgeblich das Verdienst von Human Rights Without Frontiers (HRWF) in Brüssel und ihres Direktors Willy Fautré. HRWF dokumentiert seit Jahrzehnten beharrlich, sachlich und quellengestützt Verletzungen der Religions- und Weltanschauungsfreiheit im OSZE-Raum – gerade dort, wo andere wegsehen, weil die Betroffenen als unbequem gelten.
FOREF arbeitet seit vielen Jahren eng mit HRWF zusammen: bei gemeinsamen Interventionen auf den OSZE-Konferenzen in Warschau ebenso wie bei der internationalen Kampagne für die Opfer erzwungener Glaubensabkehr in Japan. Wir danken HRWF ausdrücklich für diese unverzichtbare Arbeit. Ohne sie blieben viele Opfer unsichtbar. Und genau hierüber muss mehr gesprochen werden: Die Verantwortung der Presse, Weltanschauungsbeauftragten und der Gesellschaft für Gewalt, die aus Intoleranz und Unkenntnis erwächst.
Warum Gewalt gegen gesellschaftlich stigmatisierte Gruppen so selten Thema ist
Über Gewalt gegen große Religionsgemeinschaften außerhalb Europas wird zu Recht immer berichtet. Gewalt gegen Mitglieder kleinerer, als „Sekte“ etikettierter Gemeinschaften in Europa bleibt dagegen meist unter dem Radar, insbesondere wenn es nur Drohungen oder leichte Gewalt sind.
Aus Sicht von FOREF hat das mehrere (falsche) Gründe:
- Das Etikett ersetzt das Mitgefühl. Wer als Mitglied einer „Sekte“ gilt, wird selten als Opfer wahrgenommen, sondern eher als Teil des Problems.
- Die Berichterstattung ist einseitig. Medien und Weltanschauungsexperten berichten häufig über Vorwürfe gegen Gemeinschaften, kaum über Übergriffe auf deren Mitglieder.
- Das religiöse Motiv wird selten erfasst. Ein Angriff beim Predigtdienst taucht in Statistiken oft als gewöhnliche Körperverletzung auf.
- Betroffene schweigen. Viele fürchten, dass eine Anzeige ihnen weitere Stigmatisierung einbringt. Und: Sie müssten sich als Mitglieder einer solchen Organisation offenbaren.
Deshalb spricht FOREF bewusst nicht von „Sekten“, sondern von gesellschaftlich stigmatisierten Gruppen. Der Begriff benennt das eigentliche Problem: nicht die Gemeinschaft, sondern die gesellschaftliche Zuschreibung, die ihre Mitglieder schutzlos macht und Schaden begünstigt.
Wie das Sekten-Narrativ Gewalt befeuert
Gewalt entsteht nicht im luftleeren Raum. Wer eine Gemeinschaft immer wieder öffentlich als gefährlich, manipulativ oder „undemokratisch“ darstellt, senkt die Hemmschwelle für Übergriffe. Frankreich zeigt das exemplarisch:
Aussagen der Behörde "Mission interministérielle de vigilance et de lutte contre les dérives sectaires" über die Zeugen Jehovas falsch, unbelegt oder rechtswidrig .
- Die staatliche MIVILUDES (Mission interministérielle de vigilance et de lutte contre les dérives sectaires) stuft die Zeugen Jehovas als Gemeinschaft mit hohem Risiko ein. Im April 2026 beriefen sich Gegner genau darauf, als sie sich öffentlich gegen die Gedächtnisfeiern der Zeugen Jehovas in mehreren französischen Städten stellten.
- Das Verwaltungsgericht Paris hat die MIVILUDES seit Juni 2024 in sieben Entscheidungen gerügt. Unter anderem stellte es fest, dass Aussagen der Behörde über die Zeugen Jehovas falsch, unbelegt oder rechtswidrig waren.
- Der OSZE-Länderbesuch in Frankreich bemängelte eine unklare Methodik der MIVILUDES, das Fehlen einer Definition „sektiererischer Abweichungen“ und die diskriminierenden Folgen offizieller Etikettierung.
Beobachter sehen einen direkten Zusammenhang zwischen der hohen Zahl an Übergriffen in Frankreich und den anhaltenden Medienkampagnen sowie den Berichten der MIVILUDES.
Auch im deutschsprachigen Raum wirkt dieser Mechanismus. Einseitige Aussagen von Sektenexperten und Weltanschauungsbeauftragten stützen sich oft auf ungeprüfte Aussteigerberichte, ohne die Betroffenen selbst anzuhören. Wissenschaftlich längst widerlegte Konzepte wie die „Gehirnwäsche“-These werden weiter verbreitet. Das Ergebnis ist ein Klima, in dem Angehörige, Nachbarn oder Fremde glauben, gegen Mitglieder einer „Sekte“ sei vieles erlaubt. Mehr dazu in unserem Dossier Das Sekten-Narrativ.
Kein französisches Einzelphänomen: Toru Goto und Shincheonji
Wie weit die Folgen eines stigmatisierenden Narrativs reichen können, zeigen zwei Fälle, über die FOREF bereits berichtet hat.
Toru Goto (Japan): Am 11. September 1995 wurde der damals 31-jährige Anhänger der Vereinigungskirche von Angehörigen und professionellen Deprogrammierern in eine verschlossene Wohnung in Tokio verschleppt. Erst nach 4.536 Tagen – mehr als zwölf Jahren – kam er frei, abgemagert auf 39 Kilogramm. „Du hast keine Menschenrechte“, soll ihm der führende Deprogrammierer gesagt haben. 2015 bestätigte der Oberste Gerichtshof Japans, dass die Gefangenschaft rechtswidrig war. Seit Ende der 1960er-Jahre sollen in Japan mehr als 4.300 Menschen auf ähnliche Weise entführt worden sein – über Jahrzehnte als „Familienangelegenheit“ abgetan. 👉 4.536 Tage in Gefangenschaft – Der Mann, der sich weigerte, seinen Glauben aufzugeben
Shincheonji (Deutschland): FOREF hat begonnen, Übergriffe gegen Mitglieder von Shincheonji in Deutschland systematisch zu erfassen. Die erste Stichprobe zeigt: In 83 % der Fälle steht ein Kontaktabbruch durch Familie, Ex-Partner, Freundeskreis oder frühere Kirchengemeinde im Mittelpunkt. Hinzu kommen psychischer Druck – in zwei Fällen bis hin zu Suiziddrohungen als Druckmittel –, finanzieller Druck und vereinzelt körperliche Gewalt. Wo gemeinsame Kinder betroffen sind, wird der „Sekten“-Vorwurf gezielt in Sorgerechtsverfahren eingesetzt. Auffällig: Die Ablehnung beruhte fast immer auf Internetrecherchen, Presseartikeln oder Berichten Dritter – nicht auf eigener Anschauung. 👉 Übergriffe gegen Mitglieder von Shincheonji systematisch erfasst
Der gemeinsame Nenner aller drei Fälle: Die Gewalt geht nicht von der stigmatisierten Gruppe aus, sondern richtet sich gegen ihre Mitglieder. Und sie wird durch ein Etikett gerechtfertigt, das zuvor öffentlich verbreitet wurde.
Was jetzt geschehen muss
FOREF unterstützt die Forderungen der Zeugen Jehovas in Warschau und richtet folgende Appelle an Politik, Behörden und Medien:
- Religiöse Motive erfassen: Polizei und Justiz sollen religiös motivierte Taten auch gegen kleine Gemeinschaften als Hasskriminalität erfassen und an das OSZE/ODIHR-Hate-Crime-Reporting melden.
- Keine Etiketten ohne Methode: Staatliche Stellen dürfen Gemeinschaften nicht ohne transparente, überprüfbare Kriterien als gefährlich einstufen.
- Beide Seiten hören: Medien, Sektenberatungsstellen und Weltanschauungsbeauftragte müssen die Betroffenen selbst anhören, bevor sie öffentlich urteilen und Verantwortung für das Übernehmen, was unausgewogene und falsche, vorallem aber reisserische Berichte anrichten.
- Sprache korrigieren: Der unscharfe und emotional aufgeladene Begriff „Sekte“ sollte durch „gesellschaftlich stigmatisierte Gruppen“ ersetzt werden – wie es bereits die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages nahelegte.
- Übergriffe melden: Betroffene können Vorfälle anonym und kostenlos über das FOREF-Hinweisgebersystem melden.
Häufige Fragen
Was wurde auf der OSZE-Konferenz in Warschau 2026 zu Frankreich vorgetragen? Die Europäische Vereinigung der Zeugen Jehovas berichtete auf der OSZE-Konferenz zur menschlichen Dimension (5. bis 15. Oktober 2026) über körperliche Angriffe, Morddrohungen, Vandalismus und Brandstiftung gegen Zeugen Jehovas in Frankreich, unter anderem in Saulnières, Nancy und Douarnenez.
Wie viele Übergriffe auf Zeugen Jehovas gibt es in Frankreich? Nach Daten der Zeugen Jehovas wurden 2025 in Frankreich 101 Vorfälle dokumentiert – die höchste Zahl in Westeuropa.
Was ist die MIVILUDES? Die MIVILUDES ist eine französische Regierungsbehörde gegen „sektiererische Abweichungen“. Sie steht wegen intransparenter Methodik in der Kritik und wurde vom Verwaltungsgericht Paris seit 2024 mehrfach gerügt.
Was sind gesellschaftlich stigmatisierte Gruppen? FOREF verwendet den Begriff statt „Sekte“ für religiöse und weltanschauliche Gemeinschaften, deren Mitglieder wegen öffentlicher Zuschreibungen Ausgrenzung, Diskriminierung oder Gewalt erfahren.
Wo können Betroffene Übergriffe melden? Über das anonyme und kostenlose FOREF-Hinweisgebersystem.
Quellen
- HRWF: FRANCE: Violence against Jehovah’s Witnesses denounced at the OSCE in Warsaw (21.10.2026)
- HRWF/CAP LC: FRANCE: Religions: Judicial condemnations, continuing opacity & media stigmatisation (Oktober 2026)
- HRWF: FRANCE: When ‘anti-cult deviances’ clash with human rights (10.04.2026)
- Bitter Winter: Hate Crimes Against the Jehovah’s Witnesses in Western Europe (Mai 2026)
- FOREF: 4.536 Tage in Gefangenschaft – Toru Goto
- FOREF: Übergriffe gegen Mitglieder von Shincheonji systematisch erfasst