Zum Inhalt springen

Zwischen Glaubensfreiheit und Verschwörungsnetzwerk: Die Organische Christus Generation um Ivo Sasek

Die Organische Christus Generation um Ivo Sasek steht in der Kritik. Was Aussteiger, Behörden und die OCG selbst sagen – eine Einordnung.

Zwischen Glaubensfreiheit und Verschwörungsnetzwerk: Die Organische Christus Generation um Ivo Sasek
KI Symbolbild, Grok

Eine neue Reportage von RiffReporter beschreibt die Organische Christus Generation (OCG) als weltweit vernetzte Gruppe, die Verschwörungserzählungen verbreitet. Aussteiger berichten von Kontrolle und Gewalt, Behörden sehen antisemitische Tendenzen. Die OCG weist die Vorwürfe zurück. Eine Einordnung.

Es ist ein Samstag im bürgerlichen Berlin-Charlottenburg. In einem Fotostudio verfolgen rund drei Dutzend Menschen auf einer Leinwand die Übertragung der „Anti-Zensur-Konferenz“. Mit dieser Szene beginnt die Reporterin Joana Rettig ihre am 20. Oktober 2026 bei RiffReporter erschienene Recherche über Ivo Sasek und die Organische Christus Generation. Ihr Befund: Ein früherer Kfz-Mechaniker aus der Schweiz habe sich als Prophet inszeniert, ein kleines Medienimperium aufgebaut und vernetze Verschwörungsgläubige weit über den deutschsprachigen Raum hinaus.

Der Text ist scharf formuliert – und er trifft auf eine Gruppe, die seit Jahren im Fokus von Medien, Kirchen und Behörden steht. Für eine sachliche Bewertung lohnt es sich, die Vorwürfe, die Belege und die Gegenpositionen getrennt zu betrachten.

Wer ist Ivo Sasek, was ist die OCG?

Ivo Sasek, Jahrgang 1956, stammt aus Zürich und ist Laienprediger. Im appenzellischen Walzenhausen gründete er 1984 zunächst eine Drogenrehabilitationsstätte. Aus der dortigen Gemeinschaft entwickelte sich Ende der 1990er-Jahre die Organische Christus Generation. Der Name verweist auf das biblische Bild vom Leib Christi: Die Gemeinschaft versteht sich als „Organismus“, geleitet von Aposteln und Propheten; Sasek sieht sich selbst in der Rolle eines Apostels. Eine formelle Mitgliedschaft gibt es nicht, die Gruppe spricht von „Herzensverbindlichkeit“.

Nach Angaben der Bundesregierung aus dem Jahr 2020 zählt die Bewegung etwa 2.000 bis 3.000 Anhängerinnen und Anhänger, vor allem in der Schweiz, in Deutschland und in den Niederlanden. Ihre öffentliche Wirkung reicht jedoch deutlich weiter. Dafür sorgen vor allem zwei Plattformen: das Internetportal Klagemauer.tv (Kla.TV), das sich selbst als Aufklärungsplattform bezeichnet und in zahlreichen Sprachen sendet, sowie die 2007 gegründete Anti-Zensur-Koalition (AZK), die regelmäßig Konferenzen mit Gastrednern veranstaltet.

Die Vorwürfe: Kontrolle, Gewalt, Verschwörungserzählungen

Im Zentrum der RiffReporter-Recherche steht eine Aussteigerin, die im Text Claudia Müller heißt. Sie schildert, wie ihre bayerische Freikirche in Mertingen sich um das Jahr 2000 der OCG anschloss. Sie berichtet von Isolation vom sozialen Umfeld, von Teufelsaustreibungen und davon, dass kritische Fragen als Sünde gegolten hätten - typisches Sekten-Narrativ, das aber nicht immer stimmen muss. Ergänzt wird ihr Bericht durch den evangelischen Weltanschauungsbeauftragten Matthias Pöhlmann, der die OCG seit ihren Anfängen beobachtet - und oft weniger weiss, als er sagt. Er beschreibt Kla.TV als Scharnier zwischen religiös Suchenden, Verschwörungsideologen und Rechtsextremen.

Diese Darstellung steht nicht allein. Drei Söhne Saseks haben die Gemeinschaft verlassen und in einer Dokumentation des Schweizer Fernsehens SRF von körperlicher Züchtigung mit einer Bambusrute berichtet. Die Erziehungslehre der OCG, die körperliche Strafen befürwortete, war bereits 2001 Gegenstand eines Zeitungsberichts im „Tages-Anzeiger“ und beschäftigt Medien seither immer wieder.

Auch staatliche Stellen haben sich geäußert. Die Bundesregierung erklärte 2020 in ihrer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage, die OCG und ihr Gründer verbreiteten Verschwörungsmythen mit Tendenzen zu Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und Holocaustleugnung; sie bescheinigte der Bewegung einen „eher sektenartigen Charakter“. Auf AZK-Konferenzen traten in der Vergangenheit unter anderem die verurteilte Holocaustleugnerin Sylvia Stolz und der Verschwörungsautor David Icke auf. Für Aufsehen sorgte zudem eine Datenbank mit rund 3.800 Profilen von Politikern und Persönlichkeiten, die 2020 nach einem Hackerangriff öffentlich wurde.

Die Gegenposition: Was die OCG sagt

Ivo Sasek weist den Vorwurf des Rassismus und Antisemitismus zurück. Interviewanfragen von SRF und ORF lehnte er ab, äußerte sich aber schriftlich: Er sieht sich als Opfer einer Kampagne der Massenmedien. Die bekannt gewordene Personendatenbank diene, so Sasek, ausschließlich der internen Orientierung darüber, welche Haltung Volksvertreter einnähmen. Kla.TV und die AZK verstehen sich nach eigenem Anspruch als Gegenöffentlichkeit zu etablierten Medien.

Rechtlich ist ein Punkt festzuhalten: Im Zusammenhang mit dem Auftritt von Sylvia Stolz auf einer AZK-Konferenz wurde Sasek vom Vorwurf der Rassendiskriminierung und der Beihilfe zur Holocaustleugnung freigesprochen. Wer der OCG strafbares Verhalten vorwirft, muss diese Unterscheidung zwischen moralisch-politischer Kritik und gerichtlich festgestellter Schuld beachten.

Einordnung: Wo Kritik ansetzt – und wo sie Grenzen hat

Der Fall OCG berührt ein Spannungsfeld, das für die Religionsfreiheit grundlegend ist. Glaubensinhalte – auch solche, die die Mehrheitsgesellschaft für abwegig hält – stehen unter dem Schutz von Artikel 4 des Grundgesetzes und Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention. Eine apokalyptische Weltdeutung, eine strenge Bibelauslegung oder ein autoritäres Gemeindemodell sind für sich genommen kein Rechtsverstoß. Ebenso deckt die Meinungsfreiheit auch Positionen, die als falsch oder provokant gelten.

Die Grenze verläuft dort, wo Handeln die Rechte anderer verletzt. Gewalt gegen Kinder ist in Deutschland seit dem Jahr 2000 durch das Recht auf gewaltfreie Erziehung ausdrücklich untersagt – unabhängig davon, ob sie religiös begründet wird. Volksverhetzung und die Leugnung des Holocaust sind strafbar. An diesen Maßstäben muss sich jede Gemeinschaft messen lassen, und an ihnen sollte sich auch die öffentliche Debatte orientieren.

Daraus ergeben sich zwei Anforderungen an eine faire Berichterstattung. Erstens verdienen Aussteigerberichte Gehör; sie sind oft die einzige Quelle für das Innenleben geschlossener Gruppen. Sie bilden aber eine Perspektive ab, die durch persönliche Erfahrungen geprägt ist, und müssen durch weitere Belege und Aussagen auch von Mitgliedern und Neutralen gestützt werden. Im Fall der OCG ist das in Teilen geschehen, etwa durch die übereinstimmenden Schilderungen mehrerer Familienmitglieder - die allerdings auch ausgestiegen sind.

Zweitens ist die Wahl der Begriffe nicht neutral. Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ empfahl bereits 1998, auf den pauschalen Sektenbegriff zu verzichten, weil er unscharf und emotional aufgeladen ist und sehr unterschiedliche Gruppen über einen Kamm schert. Präziser ist es, konkret zu benennen, was einer Gruppe vorgeworfen wird: hier etwa die Verbreitung von Verschwörungserzählungen, antisemitische Tendenzen und Berichte über Gewalt in der Erziehung.

Fazit

Die RiffReporter-Recherche reiht sich in eine lange Serie kritischer Berichte über Ivo Sasek und die Organische Christus Generation ein. Die Vorwürfe sind gewichtig und werden von mehreren unabhängigen Quellen gestützt – von Aussteigern über Kirchenvertreter bis zur Bundesregierung. Zugleich bestreitet die OCG zentrale Punkte, und nicht jeder Vorwurf ist gerichtlich bestätigt. Eine offene Gesellschaft muss beides leisten: den Glauben auch unbequemer Gemeinschaften zu schützen und Rechtsverletzungen – insbesondere gegenüber Kindern – konsequent zu verfolgen. Für die Debatte heißt das: klare Fakten statt pauschaler Etiketten.

Häufige Fragen zur OCG

Was ist die Organische Christus Generation? Eine christlich-fundamentalistische Bewegung, die der Schweizer Laienprediger Ivo Sasek Ende der 1990er-Jahre in Walzenhausen (Appenzell Ausserrhoden) begründete. Sie hat nach Behördenangaben etwa 2.000 bis 3.000 Anhänger.

Was ist Kla.TV? Klagemauer.tv ist das Internetportal der OCG. Es versteht sich als Aufklärungsplattform; Kritiker und die Bundesregierung werfen ihm die Verbreitung von Verschwörungserzählungen vor.

Was ist die Anti-Zensur-Koalition (AZK)? Ein 2007 von Sasek gegründetes Konferenzformat, das Rednerinnen und Rednern abseits etablierter Medien eine Bühne bietet. Kritisiert wird, dass dort auch Holocaustleugner auftraten.

Ist die OCG verboten? Nein. Die OCG ist nicht verboten. Die Bundesregierung hat sich 2020 jedoch kritisch zu ihr geäußert.

Quellen

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

Alle Artikel

Weitere in Schweiz

Alle anzeigen

Weitere von Michael Langhans

Alle anzeigen