Das Wichtigste in Kürze
Die hessenschau-Reportage „Neue Freikirche in Frankfurt: jung und bibeltreu?“ vom 22. Oktober 2026 (auf YouTube abrufbar) ist ein Beispiel für faire Berichterstattung über eine religiöse Gemeinschaft bzw. Freikirche. Sie lässt die Vive Church Frankfurt ausführlich selbst sprechen, ordnet mit Fachleuten ein und stellt kritische Fragen. Dabei verzichtet sie vollständig auf das Etikett „Sekte“.
Der Beitrag zeigt, dass kritischer Journalismus ohne Stigmatisierung möglich ist. Statt einer Schublade bekommen Zuschauerinnen und Zuschauer Kriterien an die Hand.
Worum es in der Reportage geht
Die knapp achtminütige Reportage begleitet einen Sonntagsgottesdienst der Vive Church Frankfurt, den die Gemeinde „Celebration“ nennt. Pastor Henok Worku hat die Gemeinde 2024 gegründet. Die Gemeinde gehört zur Vive Church aus den USA mit weltweit 20 Standorten und ist in Deutschland ein eingetragener Verein.
Im Zentrum steht eine offene Frage: Warum zieht die Freikirche Hunderte junge Erwachsene an, während andere Kirchen Mitglieder verlieren? Und ist sie so modern, wie sie auftritt? Der Beitrag zeigt rund 70 Ehrenamtliche bei der Vorbereitung, Lobpreis, eine alltagsnahe Predigt und den starken Auftritt der Gemeinde in den sozialen Medien.
Was die Berichterstattung fair macht
Die hessenschau verbindet Nähe und Distanz, ohne vorab zu urteilen. Fünf Merkmale fallen besonders auf:
- Die Gemeinde spricht selbst. Pastor, Ehrenamtliche und Mitglieder erklären in eigenen Worten, was ihnen die Gemeinde bedeutet. Ihre Aussagen werden nicht ironisch gebrochen.
- Selbstbild und Nachfrage stehen nebeneinander. Wo die Gemeinde Offenheit betont, fragt das Team gezielt nach, wie das in der Praxis aussieht. So wird geprüft, nicht unterstellt.
- Fachleute ordnen ein. Eine Forscherin zu Freikirchen in sozialen Medien und ein Religionssoziologe erklären Wirkung und Spannungsfelder. Sie liefern Kontext statt Schlagworte.
- Vergleich statt Abwertung. Die Haltung zu queeren Menschen wird an der evangelischen Kirche in Hessen gemessen. Das macht Unterschiede sichtbar, ohne die Gemeinde abzustempeln.
- Kein Schlussurteil. Der Beitrag endet mit Fakten zu Rechtsform, Standorten und Wachstum. Das Urteil überlässt er dem Publikum.
Auch das Publikum nimmt den Beitrag so wahr: Die beiden obersten Kommentare unter dem Video loben ihn als fair (Stand 25. Oktober 2026).
Kein Sekten-Etikett: Warum das Fehlen des Stigmas zählt
Das Wort „Sekte“ fällt in der gesamten Reportage kein einziges Mal. Es steht weder im gesprochenen Text noch im Titel, in der Videobeschreibung oder in den Schlagwörtern. Die hessenschau spricht von „Freikirche“, „Glaubensgemeinschaft“ und „Community“, also in neutralen, beschreibenden Begriffen.
Das ist mehr als eine Stilfrage. Der Sektenbegriff ist unscharf und emotional aufgeladen. Schon die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zu „sogenannten Sekten und Psychogruppen“ empfahl 1998, ihn wegen seiner stigmatisierenden Wirkung nicht mehr zu verwenden. Wer eine Gemeinschaft so bezeichnet, fällt ein Urteil, bevor die Fakten auf dem Tisch liegen. Treffender ist es, von gesellschaftlich stigmatisierten Gruppen zu sprechen, wenn es um die Wahrnehmung solcher Gemeinschaften geht.
Die hessenschau geht einen besseren Weg. Eine Religionswissenschaftlerin nennt im Beitrag konkrete Warnsignale: absolute Wahrheitsansprüche, die Forderung nach Kontaktabbruch zu Familie und Freunden und übermäßige finanzielle Forderungen. Eine konservative Haltung allein sei dagegen kein Zeichen für eine problematische Gemeinschaft. Damit ersetzt der Beitrag ein Etikett durch nachprüfbare Kriterien, die für jede Gemeinschaft gelten, auch etablierte Kirchen.
Kritische Fragen ohne Vorverurteilung
Fair heißt nicht unkritisch. Die Reportage spricht zwei heikle Themen offen an und lässt die Gemeinde jeweils antworten.
- Sexualethik und queere Menschen: Ein Predigtausschnitt zur Ehe von Mann und Frau eröffnet die Frage, ob queere Menschen Platz in der Gemeinde haben. Der Pastor betont, alle seien willkommen. Ein Religionssoziologe berichtet, dass offen homosexuell lebende Menschen keine Leitungsrollen übernehmen können. Beide Seiten kommen zu Wort.
- Geld und Spenden: Der Beitrag zeigt den Spendenaufruf im Gottesdienst. Den biblischen Zehnten geben laut Pastor freiwillig etwa 20 bis 30 Prozent der Mitglieder. Seine allgemein gehaltene Antwort auf die Frage nach der Höhe der Einnahmen bleibt ungeschnitten stehen.
So entsteht Transparenz, ohne dass der Beitrag Motive unterstellt oder Antworten verkürzt.
Häufige Fragen
Was ist die Vive Church Frankfurt?
Die Vive Church Frankfurt ist eine Freikirche, die Pastor Henok Worku 2024 gegründet hat. Sie gehört zur international tätigen Vive Church aus den USA mit 20 Standorten und ist in Deutschland ein eingetragener Verein.
Wird die Vive Church in der hessenschau als Sekte bezeichnet?
Nein. Der Begriff „Sekte“ kommt im Beitrag nicht vor. Die hessenschau verwendet neutrale Begriffe wie Freikirche und Glaubensgemeinschaft.
Welche Kritikpunkte spricht der Beitrag an?
Die Reportage thematisiert die Haltung der Gemeinde zu queeren Menschen in Leitungsrollen und die Spendenpraxis mit dem biblischen Zehnten. Zu beiden Punkten kommen die Gemeinde und Fachleute zu Wort.
Woran erkennt man laut Beitrag problematische Gemeinschaften?
Die im Beitrag befragte Religionswissenschaftlerin nennt absolute Wahrheitsansprüche, geforderten Kontaktabbruch zu Familie und Freunden sowie übermäßige finanzielle Forderungen. Eine konservative Haltung allein gilt nicht als Warnsignal.
Wo kann man die Reportage sehen?
Der Beitrag ist am 22. Oktober 2026 auf dem YouTube-Kanal der hessenschau erschienen und dauert 7:48 Minuten.
Fazit: So geht faire Religionsberichterstattung
Die hessenschau zeigt mit ihrer Reportage über die Vive Church Frankfurt, wie Journalismus über religiöse Gemeinschaften gelingen kann. Sie hört zu, fragt nach, ordnet ein und verzichtet auf stigmatisierende Etiketten. Gerade weil der Beitrag kritische Punkte nicht ausspart, gewinnt sein Verzicht auf das Wort „Sekte“ an Gewicht. Er sollte Maßstab für künftige Berichte über Freikirchen und andere Glaubensgemeinschaften sein.