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Liebe als Maßstab: Die Gemeinschaftscharta von Go&Change

Liebe als Maßstab: Die Gemeinschaftscharta von Go&Change
Liebe als Symbolbild, KI generiert, Gemini

Am 13. Oktober 2026 hat die Entwicklungsgemeinschaft für Lebensqualität Go&Change in Lülsfeld eine Gemeinschaftscharta beschlossen. Sie verbindet ein ausdrückliches Bekenntnis zu Grund- und Menschenrechten mit einem Selbstverständnis, in dessen Mitte ein einziges Wort steht: Liebe. Doch wofür genau steht Go&Change eigentlich?

Eine Gemeinschaft mit einem klaren Anliegen

Go&Change entstand im Sommer 2015, als sich eine Handvoll Freunde zusammentat, um eine Frage nicht theoretisch, sondern im gelebten Alltag zu beantworten: Wie können Menschen die Trennung zwischen sich überwinden und so zusammenleben, dass die Lebensqualität für alle steigt? Nach einer ersten Gemeinschaftswohnung in Halle zog die Gruppe im Frühjahr 2017 in das ehemalige Kloster Maria Schnee im unterfränkischen Lülsfeld.

Heute leben dort nach eigenen Angaben etwa ein bis zwei Dutzend Menschen zusammen. Auf ihrer Website fassen sie ihr Ziel in einem Satz zusammen: „Unser höchstes Anliegen ist es, eine Kultur zu schaffen, die auf Liebe ausgerichtet ist.“ Das weitläufige Gelände teilen sie mit Ponys, Eseln, Ziegen, Schafen, Hühnern, Pfauen und vielen weiteren Tieren, die bewusst nicht als Nutztiere gehalten werden. Klostergarten und Obstwiese sind naturnah angelegt.

Liebe als höchster Wert

Die Charta beschreibt Liebe nicht als romantisches Gefühl, sondern als Grundqualität des Menschseins: als Bedürfnis, als Antrieb und als Fundament jedes gelingenden Miteinanders. Deshalb sei sie für die Gemeinschaft ein hoher, vielleicht der höchste anzustrebende Wert.

Praktisch heißt das, allem in sich selbst und in der Welt mit einer liebevollen Haltung zu begegnen. Go&Change nennt das, sich selbst und andere „zu Ende zu lieben“ – auch dort, wo es schwer wird. Die Gemeinschaft schreibt, sie scheitere lieber an dem Versuch, als aufzugeben, ohne es versucht zu haben. Liebe geben und Liebe annehmen gehören dabei untrennbar zusammen.

Bemerkenswert ist, wie weit dieser Liebesbegriff gefasst ist. Er gilt ausdrücklich nicht nur nach innen, sondern auch gegenüber Andersdenkenden, gegenüber Menschen, die die Gemeinschaft verlassen haben, und gegenüber öffentlichen Kritikern. Liebe, so die Charta, schließe niemanden aus.

Liebe braucht Freiheit

Als Gegenpol und Ergänzung zur Liebe nennt die Charta den freien Willen – eines der wichtigsten Güter, die es zu schützen gilt. Jeder Mensch trage die volle und nicht verhandelbare Verantwortung für sein eigenes Leben, seine Entscheidungen und sein Handeln. Die Mitglieder ermutigen einander, sich zu allen wichtigen Fragen eine eigene, begründete Meinung zu bilden und sie auch auszusprechen.

Daraus folgt ein Gedanke, der für eine spirituell geprägte Gemeinschaft bemerkenswert klar formuliert ist: Die eigene Entwicklung kann einem niemand abnehmen – kein Guru, kein Heiler, kein spiritueller Lehrer und kein Erlöser. Folgerichtig entbinden auch Anweisungen leitender Personen niemanden von der eigenen Prüfung. Machtmissbrauch, Verantwortungsabgabe und Schattenhierarchien will die Gemeinschaft gezielt sichtbar machen und auflösen.

Siebzehn Bekenntnisse zu Grund- und Menschenrechten

Der erste Teil der Charta ist eine Grundsatzerklärung, die sich an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der Europäischen Menschenrechtskonvention, der EU-Grundrechtecharta und dem Grundgesetz orientiert. In siebzehn Abschnitten bekennt sich Go&Change unter anderem zu:

Go&Change betont, dass kein Gesetz diese Erklärung verlangt. Sie sei vielmehr der Versuch, selbst einen Maßstab zu benennen, an dem man die Gemeinschaft messen kann – und an dem sie sich messen lassen will.

Innenarbeit: ehrlich, fordernd, liebevoll

Der zweite Teil der Charta beschreibt in vier Säulen, wie Go&Change lebt: gesunde Beziehungen, gesunde Kulturarbeit, gesunde Organisation und gesunde Ausrichtung.

Im Zentrum steht die sogenannte Innenarbeit: die bewusste und liebevolle Auseinandersetzung mit den eigenen Prägungen, Ängsten und Mustern, auch mit dem, was aus der Herkunftsfamilie mitgebracht wurde. Dazu gehört eine Kultur transparenter Kommunikation, in der die Mitglieder ihre tiefsten Ängste ebenso teilen wie ihr größtes Glück. Echte Wertschätzung bedeutet für die Gemeinschaft, positive wie kritische Wahrnehmungen offen auszusprechen und gemeinsam zu klären, was hinter einer Situation steckt.

Die Charta verschweigt nicht, dass diese Arbeit anstrengend sein kann. Sie beschreibt sie aber zugleich als zutiefst sinnstiftend – und als Weg zu mehr Freiheit, Verbundenheit und Lebensfreude. Getragen wird sie von dem, was Go&Change seinen „Stamm“ nennt: einer Gemeinschaft, die über die Kernfamilie hinaus füreinander da ist und der Vereinzelung in der modernen Gesellschaft bewusst etwas entgegensetzt.

Dazu passt die Offenheit für unterschiedlichste Quellen – von alten Weisheitstraditionen über moderne Wissenschaft bis zu Kunst, Handwerk und Philosophie – und der Mut, gesellschaftliche Tabuthemen wie Macht, Geld, Sexualität, Tod oder psychische Gesundheit offen zu besprechen.

Verbindlich statt nur Papier

Damit die Charta kein schöner Text bleibt, regelt ihr letzter Teil die Umsetzung. Sie bindet die Gemeinschaft, ihre Leitung, alle Mitglieder sowie sämtliche Angebote und Veranstaltungen. Jede Auslegung oder Anweisung, die ihren Grundsätzen widerspricht, ist unwirksam und muss nicht befolgt werden.

Für Fragen und mögliche Verstöße benennt Go&Change eine eigene Ansprechperson nach innen und außen. Zusätzlich steht allen – Mitgliedern, Ehemaligen, Angehörigen, Externen und Behörden – das anonyme Hinweisgebersystem von FOREF Deutschland offen, mit dem die Gemeinschaft uneingeschränkt kooperiert. Die Charta soll regelmäßig an der gelebten Praxis überprüft und fortgeschrieben werden.

Die Charta ist Teil eines längeren Weges. FOREF begleitet Go&Change seit Anfang 2025; in dieser Zeit wurden unter anderem das Hinweisgebersystem eingeführt und im September 2026 ein Kinderschutzkonzept entwickelt. Die Gemeinschaftscharta ist aus den früheren gemeinsamen Verpflichtungen der Mitglieder hervorgegangen und nun in einer überarbeiteten, öffentlichen Fassung beschlossen worden.

Eine Einladung zum Gespräch

Go&Change versteht sich als Teil eines größeren gesellschaftlichen Wandels – „Change“ ist hier Name und Programm. Wer die Gemeinschaft kennenlernen möchte, ist eingeladen, nach Lülsfeld zu kommen: auf ein Gespräch, einen Nachmittag oder ein Wochenende. Fotos, Videos und Texte finden sich auf kommlassreden.de. Wer eigene Erfahrungen mit der Gemeinschaft gemacht hat, kann diese zudem noch bis zum 30. November 2026 in einem Interview mit FOREF einbringen.

Die Charta selbst ist öffentlich und kann auf goandchange.de gelesen und heruntergeladen werden. Sie lädt ausdrücklich dazu ein, über die Gemeinschaft zu forschen und ihre Selbstdarstellung zu überprüfen – und endet mit einem Satz, der ihren Geist gut zusammenfasst: Liebe und Wahrheit seien die stärksten Kräfte.

Quellen

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

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