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Papst Leo XIV. in Frankreich: Die Debatte um Systematik und Verantwortung im kirchlichen Missbrauchsskandal - und die Frage, ob das auch im Sektennarrativ für andere gilt...

Papst Leo XIV. in Frankreich: Die Debatte um Systematik und Verantwortung im kirchlichen Missbrauchsskandal - und die Frage, ob das auch im Sektennarrativ für andere gilt...
KI Symbolbild

Die viertägige Frankreich-Reise von Papst Leo XIV. hinterlässt eine gespaltene Bilanz. Während die Massenmessen in Paris und die traditionelle Lichterprozession in Lourdes ein Bild lebendiger Glaubenspraxis vermittelten, stand der Umgang mit den Missbrauchsfällen im Zentrum der kritischen Aufmerksamkeit. Das Treffen des Kirchenoberhaupts mit sieben Betroffenen im Wallfahrtsort Lourdes sowie seine anschließenden Äußerungen auf dem Rückflug nach Rom legen offen, wie intensiv im Vatikan über Ursachen und Begrifflichkeiten gerungen wird.

Auf der Pressekonferenz im Flugzeug betonte Papst Leo XIV., dass sexueller Missbrauch in erster Linie ein menschliches Problem darstelle, das in vielen gesellschaftlichen Bereichen vorkomme. Wenn solche Verbrechen jedoch innerhalb der Kirche geschehen, trete eine ganz andere Dimension hinzu, da das Glaubensleben von Betroffenen tief verwundet oder gar zerstört werde. Zugleich vermied das Kirchenoberhaupt bewusst den Begriff des systemischen Missbrauchs.

Kein systematischer Missbrauch?

Stattdessen verwies er darauf, dass einzelne Organisationen oder Strukturen innerhalb der Kirche zeitweise als System missbräuchlich gehandelt hätten, und unterstrich die besondere Pflicht der Kirche, Betroffenen auf dem Weg der Heilung beizustehen.

Diese Positionierung trifft auf unterschiedliche Reaktionen. Befürworter einer behutsamen Begriffswahl argumentieren, dass die Reduzierung der Problematik auf das Handeln einzelner Individuen oder abgegrenzter Teilorganisationen verhindern soll, den Glauben und die Institution als Ganzes pauschal zu entwerten. Zudem wird betont, dass die katholische Kirche in Frankreich mit Aufklärungskommissionen und Präventionsmaßnahmen bereits wesentliche Schritte eingeleitet hat, um Fehlentwicklungen der Vergangenheit aufzuarbeiten.

Kritiker und Betroffenenvertretungen verweisen hingegen auf Berichte wie jene der unabhängigen Untersuchungskommission CIASE, die von zehntausenden Betroffenen seit 1950 ausgeht. Aus ihrer Sicht griffen institutionelle Schutzmechanismen, die Vertuschen begünstigten und Täter schützten, flächendeckend. Die Abgrenzung vom Begriff der Systemik wird von Reformorientierten daher oft als Relativierung wahrgenommen, die den strukturellen Reformbedarf bei Machtverhältnissen und Klerikalismus verstelle.

Die Begegnung in Lourdes verdeutlicht die Komplexität des Prozesses. Betroffene bescheinigten dem Papst nach den Einzelgesprächen zwar persönliches Engagement und ehrliche Anteilnahme, forderten aber weiterhin konsequente Kulturveränderungen auf allen Ebenen. Ob die diplomatische Formulierung des Vatikans den Erwartungen an eine tiefgreifende institutionelle Reform gerecht wird, bleibt eine der zentralen Fragen für die Zukunft der katholischen Kirche.

Ein weiteres Problem: Weltanschauungsbeauftragte der Kirchen geben gerne im "Sekten-Narrativ" immer den Gemeinschaften oder Religionen die Schuld. Dort wird, anders als für die eigene Gemeinschaft, nie die einzelne Schuld mancher, sondern die pauschale für alle gesehen. Diesen Widerspruch gilt es zu klären und aufzuarbeiten. Denn z.B. bei den Zeugen Jehovas wird schnell von einem System gesprochen. Warum vergleichbare Aspekte anders gehandhabt werden, bleibt zu diskutieren und zu reflektieren.

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

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