Das Wichtigste in Kürze
- Der Südkurier erzählt am 6. Oktober 2026 die Geschichte der 45-jährigen Schweizerin Nadja. Sie wuchs in der Chrischona-Freikirche auf, die heute Viva Kirche heißt, und trat vor fast 30 Jahren mit ihrer Mutter aus.
- Positiv: Der Text nennt die Chrischona eine evangelische Freikirche und eine evangelikale Glaubensgemeinschaft, nicht „Sekte“.
- Kritisch: Einzige Quelle ist Nadja. Die Gemeinde, die Viva Kirche, Mitglieder, andere Ehemalige oder unabhängige Fachleute kommen nicht zu Wort. Eine Anfrage an die Gemeinde wird nicht erwähnt.
- Über die Infobox und ein Foto mit einer Scientology-Schrift entsteht die Sekten-Assoziation trotzdem.
- Eileen Barker verlangt, alle Perspektiven zu hören und gegenzuprüfen. Nadjas Leid ist ernst zu nehmen, doch eine Biografie aus den 1990er-Jahren ist kein Befund über die heutige Viva Kirche.
Worum es im Südkurier-Bericht geht
Der Südkurier-Bericht von Joshua Tress erschien am 6. Oktober 2026 in der Rubrik Konstanz/Schweiz. Er trägt den Titel „Es hat alles und doch nichts verändert!“ und erzählt den Weg der heute 45-jährigen Nadja aus der Chrischona-Freikirche. Ihren Familiennamen nennt die Zeitung zu ihrem Schutz nicht.
Nach Nadjas Schilderung war sie von Geburt an Mitglied. Als Zwölfjährige habe ihr Vater eine heimlich gekaufte Queen-CD eingezogen und der Gemeinde übergeben. Danach sei sie in einem Kreis mit Vorwürfen konfrontiert worden, bis sie weinte. Radio und Fernsehen habe es nicht gegeben, die Außenwelt sei als böse dargestellt worden. In der Schule habe sie Mobbing erlebt.
Nach der Trennung der Eltern verließ Nadja mit 16 gemeinsam mit ihrer Mutter die Gemeinde. Es folgten der Kontaktabbruch zum Vater sowie Anrufe und Ansprachen durch Gemeindemitglieder. Mit 19 geriet sie in eine schwere psychische Krise, danach begann sie eine Psychotherapie. Heute ermutigt sie andere Aussteiger, sich Hilfe bei Beratungsstellen und Psychologen zu suchen.
Den Abschluss bildet eine Infobox zum Humanistischen Bildungs- und Begegnungszentrum Konstanz (HBBK), das seit 2025 Ausstiegsberatung anbietet. Welche Gemeinde und welcher Ort gemeint sind, nennt der Bericht nicht. Ähnliche Aussteigerporträts aus Chrischona-Gemeinden erschienen bereits 2021 bei SRF und Keystone-SDA.
Was ist die Chrischona?
Die Chrischona ist eine pietistisch geprägte evangelische Gemeinschaftsbewegung mit über 180 Jahren Geschichte. Christian Friedrich Spittler gründete 1840 die Pilgermission St. Chrischona in Bettingen bei Basel, zunächst als Ausbildungsstätte für Missionare (Historisches Lexikon der Schweiz). Ab dem späten 19. Jahrhundert entstanden Gemeinden in der Schweiz, in Deutschland und im Elsass.
- Schweiz: Die Gemeinden firmieren heute unter dem Namen Viva Kirche Schweiz. Sie orientieren sich an der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz und gehören zum Verband evangelischer Freikirchen.
- Deutschland: Das Chrischona-Gemeinschaftswerk Deutschland hat sich mit dem Evangelischen Gemeinschaftsverband Pfalz zum C1 Evangelischen Gemeindebund zusammengeschlossen.
- Ausbildung: Pastorinnen und Pastoren lernen am Theologischen Seminar St. Chrischona.
Zum Umgang mit Austritten hat sich die Chrischona Schweiz schon früher öffentlich geäußert. Der damalige Leiter Peter Gloor betonte gegenüber Livenet/jesus.ch, niemand werde am Austritt gehindert. Viele Austritte seien zudem Übertritte in andere Gemeinden.
Was der Bericht richtig macht – und wo das Etikett doch durchscheint
Im Fließtext nennt der Südkurier die Chrischona eine evangelische Freikirche und eine evangelikale Glaubensgemeinschaft. Das ist sachlich korrekt. Damit vermeidet der Autor einen Begriff, den die Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ des Bundestages 1998 ausdrücklich zur Aufgabe empfahl (BT-Drs. 13/10950). Bei einer kritischen Aussteigergeschichte ist das keine Selbstverständlichkeit und verdient Anerkennung.
Ganz ohne Etikett kommt der Beitrag dennoch nicht aus. Die Infobox bewirbt eine Beratung zum Ausstieg „aus fundamentalen religiösen Gemeinschaften und Sekten“. Das einzige weitere Foto zeigt den Berater des HBBK mit Hubbards „Dianetik“, einer Scientology-Schrift. Mit Nadjas Geschichte hat Scientology nichts zu tun. Bild und Infobox setzen trotzdem einen Rahmen, der eine evangelische Freikirche in die Nähe von Scientology rückt - was aus unserer Sicht nicht schlimm wäre, was aber offenbar bewusst gewählt ist. Die Kommunikationswissenschaft nennt das Framing.
FOREF schlägt deshalb vor, von gesellschaftlich stigmatisierten Gruppen zu sprechen, wenn es um die öffentliche Wahrnehmung solcher Gemeinschaften geht. Ein neutrales Wort im Text hilft wenig, wenn Bild und Kasten das alte Etikett wieder einführen.
Methodische Kritik: Eine Stimme ist kein Befund
Der Südkurier stützt sich allein auf Nadjas Erzählung. Als Porträt ist das legitim. Wissenschaftlich und nachvollziehbar ist es nicht, denn Ort, Gemeinde und Beteiligte bleiben anonym, und niemand kann die Schilderungen überprüfen. Trotzdem überträgt der Text sie auf die heutige Viva Kirche, die laut Bericht eine evangelikale Glaubenspraxis „pflegt“.
FOREF hat Mindeststandards im Dossier Zur Weitergabe ungeprüfter Aussteigerberichte beschrieben. Gemessen daran ergibt sich folgendes Bild:
Standard | Was er verlangt | Erfüllt im Südkurier? |
|---|---|---|
Gegenseite anhören | Gemeinde mit konkreten Vorwürfen konfrontieren | Nein – keine Stellungnahme der Gemeinde oder der Viva Kirche, keine Anfrage erwähnt |
Quellenstufe offenlegen | Eigene Wahrnehmung von Deutung trennen | Teilweise – Zitate und Konjunktiv kennzeichnen Nadjas Sicht |
Zeitbezug klären | Damals und heute auseinanderhalten | Nein – Erlebnisse von vor rund 30 Jahren, Einordnung im Präsens |
Alternativhypothesen prüfen | Elternhaus, Ortsgemeinde oder Gesamtkirche? | Nein – die Rolle des Vaters wird nicht von der Gemeinde getrennt |
Interessen offenlegen | Weltanschauliche Bindung von Beratungsstellen benennen | Nein – das HBBK ist eine humanistische Einrichtung, das bleibt unkommentiert |
Gleicher Maßstab für alle | Mitglieder, Neutrale und Ehemalige gleich prüfen | Nein – kein Mitglied kommt zu Wort, auch keine neutralen Nachbaren usw. |
Hinzu kommt die journalistische Sorgfaltspflicht. Ziffer 2 des Pressekodex verlangt, Informationen vor der Veröffentlichung auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Was FOREF unter Wissenschaftlichkeit, Transparenz und Nachprüfbarkeit versteht, gilt hier sinngemäß.
Dass es anders geht, zeigte im selben Monat die hessenschau. Ihre Reportage über die Vive Church Frankfurt ließ die Gemeinde selbst sprechen, holte Fachleute dazu und stellte trotzdem kritische Fragen (FOREF-Analyse).
Was die Forschung zu Aussteigerberichten sagt
Die Religionssoziologie behandelt Aussteigerberichte als wichtige, aber einseitige Quelle. Sie werden ernst genommen und zugleich gegengeprüft.
Eileen Barker (London School of Economics) gilt als Begründerin der empirischen Forschung zu neuen religiösen Bewegungen. Für ihre Studie The Making of a Moonie (1984) forschte sie rund sieben Jahre im Feld. Sie befragte aktive Mitglieder, Ausgetretene und Menschen, die Seminare besucht hatten, aber nie beitraten, und verglich sie mit einer Kontrollgruppe. Zugleich kritisierte sie, Berichte Ehemaliger – vor allem „deprogrammierter“ – ungeprüft als Beleg für Manipulationsvorwürfe zu nutzen (Den Store Danske). 1988 gründete sie INFORM, das Informationen über religiöse Minderheiten aus möglichst vielen Perspektiven sammelt.
Weitere Befunde, die FOREF im Aussteiger-Dossier zusammengetragen hat:
- Wright (1991): Die Mehrheit freiwillig Ausgetretener bewertet die Zeit in der Gemeinschaft differenzierter, als es öffentliche Aussteigerberichte nahelegen.
- Lewis und Bromley (1987): Wer nach dem Austritt Kontakt zu kritischen Beratungsnetzwerken hatte, schrieb Belastungen deutlich häufiger der Gemeinschaft zu.
- Bromley, Shupe und Ventimiglia (1979): Zugespitzte „atrocity tales“ dienen oft weniger der Dokumentation als der moralischen Delegitimierung einer Gruppe.
- Zablocki (1996): Aussteigerberichte sind nicht per se weniger valide. Daraus folgt die Pflicht, alle Aussagen nach denselben Kriterien zu prüfen.
Das Problem ist nicht auf Religion beschränkt. Die Forscherinnen Antje Gansewig und Maria Walsh warnen bei Aussteigern aus der rechtsextremen Szene, dass einzelne Biografien einseitig sind und Stereotype fördern können (siehe bpb).
Für den Südkurier-Fall heißt das: Nadjas Erinnerungen an Angst, Ausgrenzung und eine schwere Krise sind ihre Wirklichkeit und verdienen Respekt. Ob sie typisch für ihre damalige Ortsgemeinde oder gar systematisch sind für die Chrischona der 1990er-Jahre oder für die heutige Viva Kirche, lässt sich aus einer einzigen Erzählung nicht ableiten. Dass Nadja heute selbst in der Aussteigerarbeit aktiv ist, macht ihre Schilderung nicht unglaubwürdig. Nach Lewis und Bromley ist es aber ein Grund mehr für Gegenrecherche.
Häufige Fragen
Ist die Chrischona eine Sekte?
Nein. Die Chrischona ist eine evangelische Freikirche in pietistischer Tradition. In der Schweiz heißt sie heute Viva Kirche, in Deutschland gehört sie zum C1 Evangelischen Gemeindebund. Den Begriff „Sekte“ hat die Enquete-Kommission des Bundestages 1998 als unscharf und stigmatisierend verworfen.
Worum geht es im Südkurier-Artikel über Nadja?
Der Südkurier erzählt den Weg der 45-jährigen Schweizerin Nadja, die bis zu ihrem 16. Lebensjahr in einer Chrischona-Gemeinde aufwuchs und vor fast 30 Jahren mit ihrer Mutter austrat. Einzige Quelle ist Nadja selbst; ergänzt wird der Text durch eine Infobox zu einer humanistischen Ausstiegsberatung in Konstanz.
Warum reicht ein Aussteigerbericht nicht als Beleg?
Weil eine einzelne Erinnerung weder überprüft noch verallgemeinert werden kann. Die Forschung verlangt mehrere Perspektiven: Mitglieder, Ehemalige, Nicht-Beigetretene und die Gemeinschaft selbst.
Was empfiehlt Eileen Barker für die Untersuchung religiöser Gemeinschaften?
Barker kombiniert Feldforschung, Interviews und Fragebögen mit Mitgliedern, Ausgetretenen, Nicht-Beigetretenen und einer Kontrollgruppe. Aussteigerberichte nutzt sie, prüft sie aber gegen andere Quellen.
Kann man eine Freikirche einfach verlassen?
Rechtlich ja: Die Religionsfreiheit nach Art. 4 GG schützt auch den Austritt. Nach Angaben der Chrischona Schweiz wird niemand am Austritt gehindert. Persönlich kann der Schritt dennoch schwer sein, vor allem wenn Familie und Freundeskreis in der Gemeinde bleiben.
Fazit
Der Südkurier hat Nadja eine Stimme gegeben und im Text auf das Sekten-Etikett verzichtet. Beides ist richtig. Infobox und Bildauswahl holen die Sekten-Assoziation aber wieder herein, und ohne Gemeinde, Mitglieder und Fachleute entsteht kein belastbares Bild. Eileen Barker macht seit Jahrzehnten vor, wie es geht: alle Seiten hören, Aussagen gegenprüfen. FOREF lädt Redaktionen ein, diesen Standard zum Maßstab zu machen.
Wenn Sie sich in einer Krise befinden: Die Telefon-Seelsorge (Deutschland) ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar, Die Dargebotene Hand (Schweiz) unter 143.
Quellen
- Südkurier (Joshua Tress, 6.10.2026): „Es hat alles und doch nichts verändert!“ Der schwierige Weg aus der evangelikalen Glaubensgemeinschaft
- SRF: Austritt aus Freikirchen – Und wenn ich nun doch in der Hölle lande?
- Aargauer Zeitung / Keystone-SDA: Fragen an eine Freikirchen-Aussteigerin
- Livenet/jesus.ch: Zuwenig Freiraum zum Aussteigen – oder Konvertiten-Syndrom?
- Historisches Lexikon der Schweiz: Chrischona-Gemeinden
- tsc: Netzwerk und Partnerschaften (C1 Evangelischer Gemeindebund)
- Deutscher Bundestag: Endbericht der Enquete-Kommission, BT-Drs. 13/10950
- Deutscher Presserat: Pressekodex
- Den Store Danske: Eileen Barker
- bpb: Aussteiger:innen aus rechtsextremen Bezügen in der Schule
- Barker, Eileen: The Making of a Moonie. Choice or Brainwashing?, Oxford 1984.
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