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Freikirche verlassen: Warum ein einzelner Aussteigerbericht kein Gesamtbild ergibt

Freikirche verlassen: Warum ein einzelner Aussteigerbericht kein Gesamtbild ergibt
KI Symbolbild zum Artikel, Gemini

Das Wichtigste in Kürze

Worum es im Südkurier-Bericht geht

Der Südkurier-Bericht von Joshua Tress erschien am 6. Oktober 2026 in der Rubrik Konstanz/Schweiz. Er trägt den Titel „Es hat alles und doch nichts verändert!“ und erzählt den Weg der heute 45-jährigen Nadja aus der Chrischona-Freikirche. Ihren Familiennamen nennt die Zeitung zu ihrem Schutz nicht.

Nach Nadjas Schilderung war sie von Geburt an Mitglied. Als Zwölfjährige habe ihr Vater eine heimlich gekaufte Queen-CD eingezogen und der Gemeinde übergeben. Danach sei sie in einem Kreis mit Vorwürfen konfrontiert worden, bis sie weinte. Radio und Fernsehen habe es nicht gegeben, die Außenwelt sei als böse dargestellt worden. In der Schule habe sie Mobbing erlebt.

Nach der Trennung der Eltern verließ Nadja mit 16 gemeinsam mit ihrer Mutter die Gemeinde. Es folgten der Kontaktabbruch zum Vater sowie Anrufe und Ansprachen durch Gemeindemitglieder. Mit 19 geriet sie in eine schwere psychische Krise, danach begann sie eine Psychotherapie. Heute ermutigt sie andere Aussteiger, sich Hilfe bei Beratungsstellen und Psychologen zu suchen.

Den Abschluss bildet eine Infobox zum Humanistischen Bildungs- und Begegnungszentrum Konstanz (HBBK), das seit 2025 Ausstiegsberatung anbietet. Welche Gemeinde und welcher Ort gemeint sind, nennt der Bericht nicht. Ähnliche Aussteigerporträts aus Chrischona-Gemeinden erschienen bereits 2021 bei SRF und Keystone-SDA.

Was ist die Chrischona?

Die Chrischona ist eine pietistisch geprägte evangelische Gemeinschaftsbewegung mit über 180 Jahren Geschichte. Christian Friedrich Spittler gründete 1840 die Pilgermission St. Chrischona in Bettingen bei Basel, zunächst als Ausbildungsstätte für Missionare (Historisches Lexikon der Schweiz). Ab dem späten 19. Jahrhundert entstanden Gemeinden in der Schweiz, in Deutschland und im Elsass.

Zum Umgang mit Austritten hat sich die Chrischona Schweiz schon früher öffentlich geäußert. Der damalige Leiter Peter Gloor betonte gegenüber Livenet/jesus.ch, niemand werde am Austritt gehindert. Viele Austritte seien zudem Übertritte in andere Gemeinden.

Was der Bericht richtig macht – und wo das Etikett doch durchscheint

Im Fließtext nennt der Südkurier die Chrischona eine evangelische Freikirche und eine evangelikale Glaubensgemeinschaft. Das ist sachlich korrekt. Damit vermeidet der Autor einen Begriff, den die Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ des Bundestages 1998 ausdrücklich zur Aufgabe empfahl (BT-Drs. 13/10950). Bei einer kritischen Aussteigergeschichte ist das keine Selbstverständlichkeit und verdient Anerkennung.

Ganz ohne Etikett kommt der Beitrag dennoch nicht aus. Die Infobox bewirbt eine Beratung zum Ausstieg „aus fundamentalen religiösen Gemeinschaften und Sekten“. Das einzige weitere Foto zeigt den Berater des HBBK mit Hubbards „Dianetik“, einer Scientology-Schrift. Mit Nadjas Geschichte hat Scientology nichts zu tun. Bild und Infobox setzen trotzdem einen Rahmen, der eine evangelische Freikirche in die Nähe von Scientology rückt - was aus unserer Sicht nicht schlimm wäre, was aber offenbar bewusst gewählt ist. Die Kommunikationswissenschaft nennt das Framing.

FOREF schlägt deshalb vor, von gesellschaftlich stigmatisierten Gruppen zu sprechen, wenn es um die öffentliche Wahrnehmung solcher Gemeinschaften geht. Ein neutrales Wort im Text hilft wenig, wenn Bild und Kasten das alte Etikett wieder einführen.

Methodische Kritik: Eine Stimme ist kein Befund

Der Südkurier stützt sich allein auf Nadjas Erzählung. Als Porträt ist das legitim. Wissenschaftlich und nachvollziehbar ist es nicht, denn Ort, Gemeinde und Beteiligte bleiben anonym, und niemand kann die Schilderungen überprüfen. Trotzdem überträgt der Text sie auf die heutige Viva Kirche, die laut Bericht eine evangelikale Glaubenspraxis „pflegt“.

FOREF hat Mindeststandards im Dossier Zur Weitergabe ungeprüfter Aussteigerberichte beschrieben. Gemessen daran ergibt sich folgendes Bild:

Standard

Was er verlangt

Erfüllt im Südkurier?

Gegenseite anhören

Gemeinde mit konkreten Vorwürfen konfrontieren

Nein – keine Stellungnahme der Gemeinde oder der Viva Kirche, keine Anfrage erwähnt

Quellenstufe offenlegen

Eigene Wahrnehmung von Deutung trennen

Teilweise – Zitate und Konjunktiv kennzeichnen Nadjas Sicht

Zeitbezug klären

Damals und heute auseinanderhalten

Nein – Erlebnisse von vor rund 30 Jahren, Einordnung im Präsens

Alternativhypothesen prüfen

Elternhaus, Ortsgemeinde oder Gesamtkirche?

Nein – die Rolle des Vaters wird nicht von der Gemeinde getrennt

Interessen offenlegen

Weltanschauliche Bindung von Beratungsstellen benennen

Nein – das HBBK ist eine humanistische Einrichtung, das bleibt unkommentiert

Gleicher Maßstab für alle

Mitglieder, Neutrale und Ehemalige gleich prüfen

Nein – kein Mitglied kommt zu Wort, auch keine neutralen Nachbaren usw.

Hinzu kommt die journalistische Sorgfaltspflicht. Ziffer 2 des Pressekodex verlangt, Informationen vor der Veröffentlichung auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Was FOREF unter Wissenschaftlichkeit, Transparenz und Nachprüfbarkeit versteht, gilt hier sinngemäß.

Dass es anders geht, zeigte im selben Monat die hessenschau. Ihre Reportage über die Vive Church Frankfurt ließ die Gemeinde selbst sprechen, holte Fachleute dazu und stellte trotzdem kritische Fragen (FOREF-Analyse).

Was die Forschung zu Aussteigerberichten sagt

Die Religionssoziologie behandelt Aussteigerberichte als wichtige, aber einseitige Quelle. Sie werden ernst genommen und zugleich gegengeprüft.

Eileen Barker (London School of Economics) gilt als Begründerin der empirischen Forschung zu neuen religiösen Bewegungen. Für ihre Studie The Making of a Moonie (1984) forschte sie rund sieben Jahre im Feld. Sie befragte aktive Mitglieder, Ausgetretene und Menschen, die Seminare besucht hatten, aber nie beitraten, und verglich sie mit einer Kontrollgruppe. Zugleich kritisierte sie, Berichte Ehemaliger – vor allem „deprogrammierter“ – ungeprüft als Beleg für Manipulationsvorwürfe zu nutzen (Den Store Danske). 1988 gründete sie INFORM, das Informationen über religiöse Minderheiten aus möglichst vielen Perspektiven sammelt.

Weitere Befunde, die FOREF im Aussteiger-Dossier zusammengetragen hat:

Das Problem ist nicht auf Religion beschränkt. Die Forscherinnen Antje Gansewig und Maria Walsh warnen bei Aussteigern aus der rechtsextremen Szene, dass einzelne Biografien einseitig sind und Stereotype fördern können (siehe bpb).

Für den Südkurier-Fall heißt das: Nadjas Erinnerungen an Angst, Ausgrenzung und eine schwere Krise sind ihre Wirklichkeit und verdienen Respekt. Ob sie typisch für ihre damalige Ortsgemeinde oder gar systematisch sind für die Chrischona der 1990er-Jahre oder für die heutige Viva Kirche, lässt sich aus einer einzigen Erzählung nicht ableiten. Dass Nadja heute selbst in der Aussteigerarbeit aktiv ist, macht ihre Schilderung nicht unglaubwürdig. Nach Lewis und Bromley ist es aber ein Grund mehr für Gegenrecherche.

Häufige Fragen

Ist die Chrischona eine Sekte?

Nein. Die Chrischona ist eine evangelische Freikirche in pietistischer Tradition. In der Schweiz heißt sie heute Viva Kirche, in Deutschland gehört sie zum C1 Evangelischen Gemeindebund. Den Begriff „Sekte“ hat die Enquete-Kommission des Bundestages 1998 als unscharf und stigmatisierend verworfen.

Worum geht es im Südkurier-Artikel über Nadja?

Der Südkurier erzählt den Weg der 45-jährigen Schweizerin Nadja, die bis zu ihrem 16. Lebensjahr in einer Chrischona-Gemeinde aufwuchs und vor fast 30 Jahren mit ihrer Mutter austrat. Einzige Quelle ist Nadja selbst; ergänzt wird der Text durch eine Infobox zu einer humanistischen Ausstiegsberatung in Konstanz.

Warum reicht ein Aussteigerbericht nicht als Beleg?

Weil eine einzelne Erinnerung weder überprüft noch verallgemeinert werden kann. Die Forschung verlangt mehrere Perspektiven: Mitglieder, Ehemalige, Nicht-Beigetretene und die Gemeinschaft selbst.

Was empfiehlt Eileen Barker für die Untersuchung religiöser Gemeinschaften?

Barker kombiniert Feldforschung, Interviews und Fragebögen mit Mitgliedern, Ausgetretenen, Nicht-Beigetretenen und einer Kontrollgruppe. Aussteigerberichte nutzt sie, prüft sie aber gegen andere Quellen.

Kann man eine Freikirche einfach verlassen?

Rechtlich ja: Die Religionsfreiheit nach Art. 4 GG schützt auch den Austritt. Nach Angaben der Chrischona Schweiz wird niemand am Austritt gehindert. Persönlich kann der Schritt dennoch schwer sein, vor allem wenn Familie und Freundeskreis in der Gemeinde bleiben.

Fazit

Der Südkurier hat Nadja eine Stimme gegeben und im Text auf das Sekten-Etikett verzichtet. Beides ist richtig. Infobox und Bildauswahl holen die Sekten-Assoziation aber wieder herein, und ohne Gemeinde, Mitglieder und Fachleute entsteht kein belastbares Bild. Eileen Barker macht seit Jahrzehnten vor, wie es geht: alle Seiten hören, Aussagen gegenprüfen. FOREF lädt Redaktionen ein, diesen Standard zum Maßstab zu machen.

Wenn Sie sich in einer Krise befinden: Die Telefon-Seelsorge (Deutschland) ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar, Die Dargebotene Hand (Schweiz) unter 143.

Quellen

Weiterlesen auf foref.info

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

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