Der Bayerische Rundfunk warnt am 5. November 2026 vor „Sekten“, die gezielt Jugendliche anwerben. Als einzigen Experten zitiert er den evangelischen Weltanschauungsbeauftragten Matthias Pöhlmann. Konkrete Zahlen, überprüfbare Fälle oder Quellen legt dieser nicht vor und wiederholt damit sein von uns bereits mehrfach kritisiertes unwissenschaftliches und informiertes Vorgehen.
Das Wichtigste in Kürze:
- Der BR-Beitrag „So werben Sekten Jugendliche an – Das kann man tun“ von Felicia Klinger stützt sich auf eine einzige Begegnung einer 14-Jährigen.
- Pöhlmann sieht für Jugendliche ein „größeres Potenzial“. Der BR räumt im selben Text ein, dass es dafür keine eindeutigen Belege gibt.
- Die angeführte Infratest-dimap-Umfrage misst Sinnsuche bei 18- bis 34-Jährigen, nicht die Anwerbung durch religiöse Gruppen.
- Pöhlmanns Aussage, Nachfragen würden „in der Regel abgeblockt“, widerspricht dem geschilderten Fall: Die Jugendliche fragte nach und bekam eine Antwort. Offenbar wird hier ein Sekten-Narrativ ungeprüft wiederholt.
- Glaubensgemeinschaften schulden einem kirchlichen Beauftragten keine Rechenschaft. Wer Pöhlmann keine Auskunft gibt, sendet kein Warnsignal. Seine faktenlosen und intransparenten Aussagen sind ohne Belang.
Was der BR berichtet
Im Mittelpunkt des BR24-Beitrags (Bayern 2, „Die Welt am Morgen“, 05.11.2026) steht „Luise“. Sie ist 14, als drei junge Frauen sie an einer U-Bahn ansprechen. Die Frauen geben an, ein Uni-Referat über Gott vorzubereiten, zeigen eine Präsentation, machen Komplimente und tauschen Nummern.
Auf Nachfrage im Chat nennen sie ihre Organisation: Church of God, in Deutschland „Gemeinde Gottes des Weltmissionsvereins“, eine südkoreanische neureligiöse Bewegung. Luise wird zu Bibelgruppen eingeladen, geht nicht hin und blockiert den Kontakt.
Pöhlmann deutet die Begegnung als „Love Bombing“, ohne selbst psychologische Expertise zu haben und ohne hierzu inhaltlich auszuführen. Er sieht ein wachsendes Risiko für Jugendliche und rät zur Vorsicht gegenüber der Gemeinschaft. Eine Stellungnahme der Gemeinschaft selbst enthält der Beitrag nicht.
Pöhlmanns Aussagen im Faktencheck
Pöhlmann liefert Deutungen, keine Befunde. Jede seiner Kernaussagen bleibt im Beitrag ohne überprüfbare Grundlage.
Ein Einzelfall ersetzt keine Analyse
Der gesamte Beitrag beruht auf einer anonymisierten Schilderung. Wie viele vergleichbare Fälle es gibt, ob sie zunehmen und was aus ihnen wurde, erfährt der Leser nicht. Der geschilderte Fall belegt eher das Gegenteil einer Gefahr: Die Mutter rät zur Skepsis, Luise fragt nach, lehnt ab und beendet den Kontakt. Gewöhnliche Medienkompetenz hat funktioniert. Ob es insoweit den geschilderten Fall auch wirklich gab, ist unprüfbar.
„Love Bombing“ ohne Kriterien
Pöhlmann ordnet Komplimente und die Frage, ob Luise gut nach Hause gekommen sei, als „Love Bombing“ ein. Der Begriff stammt aus der Anti-Kult-Debatte und unterstellt gezielte Manipulation. Ohne klare psychologische Fachkriterien wird so jede Freundlichkeit einer religiösen Minderheit verdächtig und negativ konnotiert, während dieselbe Herzlichkeit in kirchlicher Jugendarbeit als Willkommenskultur gilt.
Befürchtung statt Beleg
Pöhlmann „befürchtet“, dass problematische Gruppen die Sinnsuche junger Menschen ausnutzen. Ob er hierbei an seine eigene Gemeinde denkt, bleibt unklar. Der BR schreibt jedenfalls: Eindeutige Belege dafür gibt es noch nicht. Die zitierte Infratest-dimap-Umfrage erfasst 18- bis 34-Jährige und ihre Suche nach Sinn und Gemeinschaft. Über Anwerbeversuche sagt sie nichts, und die 14-jährige Luise fällt gar nicht in diese Altersgruppe. Auch Beratungszahlen seiner eigenen Stelle nennt Pöhlmann nicht.
Widerspruch im eigenen Beispiel
Pöhlmann warnt, Bitten um nähere Informationen würden „in der Regel abgeblockt“. Auch hier scheint es falsch zu sein, was er behauptet. Denn im geschilderten Fall Luise geschah das nicht: Sie fragte im Chat nach der Organisation und erhielt den Namen. Woher die behauptete Regel stammt, bleibt offen. Und selbst wenn: Zur Auskunft wäre die Gemeinschaft ihm gegenüber gar nicht verpflichtet.
Keine Gegenseite
Die Gemeinde Gottes des Weltmissionsvereins kommt nicht zu Wort, obwohl sie namentlich mit „Warnsignalen“ verbunden wird. Das Gebot, auch die betroffene Seite zu hören, gehört zur journalistischen Sorgfaltspflicht (Pressekodex, Ziffer 2). Für einen öffentlich-rechtlichen Sender gilt es erst recht.
Stigmatisierende Begriffe und Vermischung
Der Titel spricht pauschal von „Sekten“. Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ empfahl bereits 1998, auf diesen Begriff zu verzichten. Zudem verlinkt der Beitrag mitten im Text einen Podcast über Shincheonji, eine andere Gemeinschaft. So entsteht beim Leser ein Gesamtbild, das der geschilderte Fall nicht trägt.
Niemand schuldet Herrn Pöhlmann Rechenschaft
Pöhlmann wertet es als Warnsignal, dass die Gemeinde Gottes des Weltmissionsvereins Bitten um Informationen abblocke. Doch keine Glaubensgemeinschaft ist verpflichtet, einem Beauftragten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern Auskunft zu geben. Pöhlmann ist keine Behörde, sondern Vertreter einer Konkurrenz-Konfession, der Gruppen nach eigener Aufgabenbeschreibung „aus einer evangelischen Perspektive“ beurteilt.
Daraus folgt:
- Pöhlmann hat gegenüber anderen Gemeinschaften keine Befugnisse, weder Auskunfts- noch Prüfrechte.
- Wer ihm keine Auskunft gibt, nimmt seine Religionsfreiheit (Art. 4 GG) und das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften (Art. 140 GG i. V. m. Art. 137 Abs. 3 WRV) wahr.
- Zurückhaltung gegenüber dem Vertreter einer konkurrierenden Kirche ist deshalb kein Indiz für problematische Strukturen.
Staatliche Stellen müssen bei Warnungen vor Glaubensgemeinschaften sachlich und zurückhaltend bleiben; das hat das Bundesverfassungsgericht 2002 im Osho-Beschluss (1 BvR 670/91) klargestellt. Für kirchliche Beauftragte gilt diese Bindung nicht, und Pöhlmann legt weder Quellen noch Methoden noch Fallzahlen offen. Umso weniger dürfen Medien seine Aussagen wie neutrale Expertise behandeln.
FOREF stellt deshalb fest: Die Gemeinschaften schulden Herrn Pöhlmann keine Rechenschaft, und seine Warnungen beruhen nicht auf offengelegten Fakten. Solche faktenlosen und intransparenten Aussagen sind für die öffentliche Bewertung einer Glaubensgemeinschaft ohne Belang. Wer warnt, muss belegen. An dieser Stelle muss von unserer Seite auf Shincheonji hingewiesen werden, bei denen auch aktuelle Informationen von Weltanschauungsbeauftragten nicht genutzt und ihre Meinungen und fehlerhaften Berichte nicht geändert werden.
Er selbst beantwortet unsere Anfragen übrigens nicht.
Was berechtigt ist – und was fehlt
Zwei Punkte des Beitrags trägt FOREF ausdrücklich mit. Eltern sollten zuhören und mit ihren Kindern im Gespräch bleiben, statt nur kritische Fragen zu stellen. Und wer missioniert, sollte beim ersten Kontakt offen sagen, für welche Gemeinschaft er spricht. Ein vorgeschobenes „Uni-Referat“ ist dafür kein guter Einstieg. Dieser Maßstab gilt für alle Gemeinschaften, auch für die großen Kirchen.
Was fehlt, ist die Grundlage für die Schlagzeile. Ein Trend wird behauptet, aber nicht belegt. Eine Gemeinschaft wird gewarnt, aber nicht gehört. Und ein kirchlicher Interessenvertreter wird als neutrale Instanz präsentiert.
FOREF fordert den Bayerischen Rundfunk auf:
- überprüfbare Daten statt Einzelfälle und Befürchtungen zu berichten,
- betroffene Gemeinschaften vor der Veröffentlichung anzuhören,
- kirchliche Beauftragte als das zu kennzeichnen, was sie sind: Vertreter einer Konfession,
- auf den stigmatisierenden Begriff „Sekte“ zu verzichten, wie es die Enquete-Kommission empfohlen hat.
Häufige Fragen (FAQ)
Werben „Sekten“ derzeit verstärkt Jugendliche an?
Belege dafür gibt es nicht. Selbst der BR schreibt in seinem Beitrag vom 05.11.2026, dass eindeutige Belege für ein höheres Risiko fehlen. Die Aussage beruht auf einer Befürchtung von Matthias Pöhlmann.
Wer ist Matthias Pöhlmann?
Matthias Pöhlmann ist seit 2014 Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er beurteilt Gruppen nach eigener Aufgabenbeschreibung aus evangelischer Perspektive und ist keiner staatlichen oder unabhängigen Kontrolle unterworfen.
Was ist „Love Bombing“?
Der Begriff bezeichnet übertriebene Zuwendung, mit der Gruppen neue Mitglieder angeblich gezielt binden. Ohne klare Kriterien lässt er sich auf jede freundliche Begegnung anwenden und wirkt dann stigmatisierend.
Was ist die Gemeinde Gottes des Weltmissionsvereins?
Es handelt sich um den deutschen Zweig der südkoreanischen Church of God, einer neureligiösen Bewegung. Im BR-Beitrag kommt sie selbst nicht zu Wort.
Was sollten Eltern tun, wenn ihr Kind angesprochen wird?
Zuhören, im Gespräch bleiben und gemeinsam nachfragen, wer hinter einem Angebot steht. Ratsam ist, Informationen aus mehreren Quellen einzuholen, auch von der Gemeinschaft selbst, statt sich auf eine einzelne konfessionelle Stelle zu verlassen.
Weiterführende Artikel auf FOREF
Das Muster ist nicht neu. Auch in früheren Fällen hat Herr Pöhlmann vor Gemeinschaften gewarnt, ohne konkrete Informationen darzulegen. So ist es erneut: Im BR-Beitrag findet sich keine einzige überprüfbare Tatsache, die seine Warnungen stützt. Zugleich schuldet ihm keine Gemeinschaft Rechenschaft. Seine faktenlosen und intransparenten Aussagen bleiben daher ohne Belang.
- Die Rolle von Weltanschauungsbeauftragten der christlichen Kirchen am Beispiel des Sektenbeauftragten Dr. Pöhlmann und Go&Change (15.06.2026), unter anderem mit unserer Auswertung seiner Checkliste „Wie erkennt man eine sektiererische Gruppe?“
- Entwicklungsgemeinschaft für Lebensqualität Go&Change: FOREF-Forderungen und Dossier
- Skandal um „Sekte im Schloss“: BR und Pöhlmann bereits 2015
- Wissenschaftliche Beiträge, Meinungen und Reden, darunter „Sekte als Kampfbegriff“ und „Wer ‚Sekte‘ ohne ausreichende Begründung schreibt, begeht Hassrede“
- FOREF-Erhebungen zu Shincheonji: [LINK EINFÜGEN]
Quellen: BR24, 05.11.2026 · tagesschau.de / SWR, Infratest-dimap-Umfrage · Selbstdarstellung Pöhlmann, ELKB