Die Erzdiözese Wien warnt Pfarren vor einer E-Mail von HWPL Österreich – und unterstellt dem Verein, eine Tarnung der Religionsgemeinschaft Shincheonji zu sein. Diese Behauptung hält einer Prüfung nicht stand, und die Antwort darauf steht seit Langem öffentlich im Netz.
Worum es geht
Am 4. November 2026 veröffentlichte die Erzdiözese Wien den Beitrag „Achtung bei Zuschriften von ‚HWPL: Ökumene und Jugend: Dürfen wir Sie kennenlernen?‘“. Einen Tag später verbreitete die Katholische Presseagentur die Warnung unter dem Titel „Kirchliche Sektenstelle warnt vor koreanischer Endzeitbewegung“, wortgleich übernommen von katholisch.at.
Quelle aller drei Texte ist Johannes Sinabell, Referent für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Erzdiözese. Seine Kernaussage: Hinter HWPL Österreich stehe Shincheonji, Pfarren sollten auf Anfragen nicht reagieren. Eine Stellungnahme von HWPL Österreich enthält keiner der drei Beiträge.
Die Behauptungen im Einzelnen
Behauptung der Erzdiözese | Was nachprüfbar ist |
|---|---|
HWPL „gehört“ zu Shincheonji, Shincheonji „steht hinter“ HWPL Österreich. | HWPL Österreich ist ein eingetragener Verein nach österreichischem Recht (ZVR 1992886022), registriert am 22. Juli 2024, mit eigenem, im Zentralen Vereinsregister einsehbarem Vorstand. Rechtlich und organisatorisch ist er von Shincheonji unabhängig. Die Verbindung besteht in der Person von Man Hee Lee, der beide Organisationen gegründet hat und beiden vorsteht. Dasselbe gilt auch für HWPL Deutschland, das sich nach eigener Auskunft über Spenden finanziert und nicht von Shincheonji. |
Die Kontaktaufnahme mit Pfarren sei „Strategie“, um die Organisation bekannt zu machen. | Ein Friedensverein, der Kirchen zu Dialog und Jugendarbeit einlädt, tut genau das, was Ökumene und interreligiöser Dialog verlangen. Auch der Papst hat hierzu aufgerufen. Die Zuschrift trug - wenn es sie denn gab - den Namen HWPL bereits im Betreff. Offener kann man sich nicht vorstellen. |
Es drohe Instrumentalisierung, schon die Teilnahme diene Werbezwecken. | Die Veranstaltungen von HWPL Österreich sind öffentlich, kostenfrei und dokumentiert. Ein Foto bei einem Donauinsel-Cleanup oder einem Schriftgespräch ist keine Vereinnahmung, sondern Öffentlichkeitsarbeit, wie sie jede Pfarre selbst betreibt. |
Es bleibe unklar, wie personenbezogene Daten verarbeitet werden. | Die FAQ beantwortet das ausdrücklich: Speicherung ausschließlich auf EU-Servern in Frankfurt, Löschung auf Anfrage binnen 30 Tagen, alle Betroffenenrechte in der Datenschutzerklärung. Unklar ist hier nichts. |
Missionierung „unter verdeckter Flagge“, erste Treffen in Fastfood-Lokalen, dann Bibelrunden. | Diese anonymen Schilderungen betreffen nach dem Text selbst Shincheonji-Bibelkurse, nicht HWPL. HWPL Österreich hat als Grundregel: keine Missionierung, weder für Shincheonji noch für eine andere Religion; wer es versucht, wird ausgeschlossen. Eine offen gezeichnete Vereins-E-Mail ist das Gegenteil einer verdeckten Flagge. |
Exklusivistischer Wahrheitsanspruch, Endzeitorientierung, Neuoffenbarungen. | Das ist eine theologische Bewertung von Shincheonji, die man führen darf. Sie auf einen weltanschaulich neutralen Verein zu übertragen, dessen Mitglieder nicht nach ihrer Religion gefragt werden, ist ein Kategorienfehler. |
Auch die Wissenschaft sieht den Zusammenhang anders als die Wiener Fachstelle. Der Religionssoziologe Massimo Introvigne kommt in seiner Studie „Shincheonji as a Global Social Actor and Its Enemies“ zu dem Ergebnis, dass die Deutung von HWPL als bloße Missionsfront unzutreffend ist; an HWPL-Initiativen beteiligen sich Staatsoberhäupter, internationale Organisationen und Vertreter vieler Religionen.
FOREF hat sich mit diesen Narrativen bereits mehrfach befasst, unter anderem nach dem Besuch bei Shincheonji in Frankfurt und in der Stellungnahme zur Untersuchungshaft von Chairman Lee. Schon die Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ des Deutschen Bundestages hat 1998 empfohlen, auf den pauschalen, wertenden Begriff „Sekte“ zu verzichten. Die Wiener Texte verwenden ihn ungeprüft weiter.
Ein Klick hätte genügt
HWPL Österreich beantwortet in seinen FAQ unter „Klarstellung & Vertrauen“ genau die Fragen, die die Erzdiözese aufwirft: das Verhältnis zu Shincheonji, das Missionierungsverbot, den Vorwurf der Rekrutierung, die Finanzierung und den Datenschutz. Die Seite ist öffentlich, auf Deutsch und wenige Klicks von der beanstandeten E-Mail entfernt.
Es ist nicht nachvollziehbar, warum ein kirchlicher Fachreferent diese Stellungnahme weder gelesen noch erwähnt hat. Es ist ebenso wenig nachvollziehbar, warum Kathpress die Warnung ohne Rückfrage bei HWPL verbreitet hat. Der Grundsatz audiatur et altera pars – auch die andere Seite ist zu hören – gilt für kirchliche Medien nicht weniger als für jede Redaktion.
Wer eine Organisation öffentlich einer anderen zuschreibt, ohne deren eigene Darstellung zu prüfen, verbreitet Falschinformationen. Wer daraus eine pauschale Warnung an alle Pfarren macht, stigmatisiert die Menschen, die sich in diesem Verein ehrenamtlich für Frieden engagieren. Für FOREF überschreitet das die Grenze zur Hassrede.
Wir selbst haben zudem für Deutschland die Behauptung einer Tarnorganisation widerlegt und initiativ mit HWPL Deutschland einen interreligiösen Beirat angeregt und umgesetzt, der die verfassungsgemäß geschuldete Überreligiosität sicherstellt.
Wahrlich kein christliches Verhalten
„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ (Ex 20,16). Der Katechismus der Katholischen Kirche legt dieses Gebot streng aus: Die Achtung vor dem guten Ruf eines Menschen verbietet vorschnelles Urteil, üble Nachrede und Verleumdung (KKK 2477). Jede Aussage über andere soll, so der Katechismus, möglichst wohlwollend ausgelegt werden (KKK 2478).
Gemessen an diesem Maßstab hat die Erzdiözese ihre eigene Lehre nicht eingehalten. Sie hat eine Einladung zum Gespräch mit einem Kontaktverbot beantwortet. Und sie hat Menschen, die guten Willens sind, öffentlich unter Generalverdacht gestellt. Das widerspricht auch dem Geist von Nostra aetate und Dignitatis humanae, mit denen das Zweite Vatikanische Konzil Dialog und Religionsfreiheit zur Haltung der Kirche gemacht hat. Dies hat Papst Leo unlängst bekräftigt.
Unser Angebot zum Gespräch
FOREF hat Erzbischof Josef Grünwidl um ein persönliches Gespräch in Wien gebeten, um die Angelegenheit in christlichem Geist und freundschaftlich zu klären. Eine Rückmeldung steht noch aus. Wir werden berichten.
Quellen
- Erzdiözese Wien: Achtung bei Zuschriften von „HWPL: Ökumene und Jugend: Dürfen wir Sie kennenlernen?“, 4. November 2026
- Kathpress: Kirchliche Sektenstelle warnt vor koreanischer Endzeitbewegung, 5. November 2026
- katholisch.at: Kirchliche Sektenstelle warnt vor koreanischer Endzeitbewegung, 5. November 2026
- HWPL Österreich: FAQ – Klarstellung & Vertrauen
- hessenschau: Peace City 069 – Welche Verbindung gibt es zu umstrittener Sekte?
- Massimo Introvigne: Shincheonji as a Global Social Actor and Its Enemies