Zum Inhalt springen

Sechs junge Christen in Ägypten wegen eines TikTok-Videos in Haft – Religionsfreiheit endet nicht am Bildschirm

Ein Filmzitat, ein TikTok-Trend, sechs Verhaftete: Ägypten verfolgt junge Christen wegen „Verachtung der Religion“. Warum das mit der Religions- und Meinungsfreiheit unvereinbar ist.

Sechs junge Christen in Ägypten wegen eines TikTok-Videos in Haft – Religionsfreiheit endet nicht am Bildschirm
KI generiertes Symbolbild (Gemini)

FOREF fordert Freilassung

Das Wichtigste in Kürze

Was ist passiert?

Am 4. Oktober 2026 veröffentlichten sechs junge Männer aus Ezbet Tanious im Dorf Taha al-Aamida (Bezirk Samalut, Provinz Minya) ein kurzes Video auf TikTok. Es nutzt den Ton einer Szene aus der Komödie „Khalawis“, in der Gefangene ihre Unkenntnis koranischer Gebete zeigen. Das ist ein gängiger Trend, den zahlreiche Nutzer vor ihnen bereits aufgegriffen hatten.

Nach Angaben der EIPR löschten die jungen Männer das Video wenige Stunden später wieder, weil Freunde sie vor Ärger gewarnt hatten. Ein Nachbar verbreitete es dennoch weiter, versehen mit verurteilenden Kommentaren. Es folgte eine Welle feindseliger Nachrichten, darunter Gewaltdrohungen gegen die jungen Männer und ihre Familien.

Am 6. Oktober wurden die sechs der Polizei übergeben. Die Erwartung war, dass sie nach einer Beruhigung der Lage im Dorf wieder nach Hause kommen. Stattdessen eröffnete die Oberste Staatsanwaltschaft für Staatssicherheit am 10. Oktober das Verfahren Nr. 8430/2026 und ordnete vier Tage Haft an. Einen Tag später verlängerte ein Richter die Haft um weitere 15 Tage.

FOREF-Kommentar: Ein Filmzitat ist kein Verbrechen

Man muss sich den Vorgang vor Augen führen. Sechs junge Menschen spielen einen Witz aus einem landesweit bekannten Kinofilm nach. Sie löschen das Video freiwillig. Sie werden bedroht. Und am Ende sitzen nicht die Drohenden in Haft, sondern die Bedrohten. Von Ermittlungen gegen diejenigen, die mit Gewalt gedroht haben, ist in den bisherigen Berichten keine Rede.

Hier schützt der Staat nicht die Religion, sondern beugt sich dem Druck der Straße. Schlimmer noch: Er macht die Staatsschutz-Staatsanwaltschaft zum Instrument dieses Drucks. Ein Komödien-Clip wird in die Nähe von Extremismus gerückt. Dass ein 17-Jähriger seit Wochen in Haft sitzt, weil er an einem Social-Media-Trend teilgenommen hat, ist unverhältnismäßig und eines Rechtsstaats unwürdig.

Derselbe Filmausschnitt kursiert hundertfach auf TikTok

Besonders bezeichnend: Der Filmausschnitt kursiert hundertfach auf TikTok. Er ist ein Meme. Strafrechtlich verfolgt werden aber nur und ausgerechnet sechs Christen. Wenn dieselbe Handlung nur bei Angehörigen einer Minderheit zur Anklage führt, liegt der Verdacht einer diskriminierenden Rechtsanwendung nahe.

Religionsfreiheit gilt auch in Social Media

Die Religions- und Weltanschauungsfreiheit sowie die Meinungsfreiheit gelten nicht nur in Kirche, Moschee oder Wohnzimmer. Sie gelten ebenso auf TikTok, Facebook und Instagram.

Religionsfreiheit schützt nicht vor Humor, Kritik oder auch Geschmacklosigkeit. Sie schützt Menschen, nicht Glaubensinhalte vor Spott. Das gilt für Muslime in Europa genauso wie für Christen in Ägypten.

Die Lage der Christen in Ägypten bleibt problematisch

Christen, überwiegend Kopten, stellen nach Schätzungen von ADF International etwa 10 bis 15 Prozent der ägyptischen Bevölkerung. Trotz verfassungsrechtlicher Garantien werden Blasphemie-Vorschriften immer wieder gegen sie eingesetzt. Grundlage ist regelmäßig Art. 98(f) des ägyptischen Strafgesetzbuchs („Verachtung der Religion“), der Haftstrafen von bis zu fünf Jahren vorsieht.

Der Fall reiht sich in eine Serie ein:

Über die Lage in Ägypten haben wir mehrfach berichtet:

Unsere Forderungen

FOREF fordert die ägyptischen Behörden auf,

  1. die sechs jungen Männer aus Minya unverzüglich freizulassen und das Verfahren 8430/2026 einzustellen,
  2. die Drohungen gegen die Betroffenen und ihre Familien zu verfolgen und deren Sicherheit zu gewährleisten,
  3. Art. 98(f) StGB im Einklang mit den Empfehlungen der Vereinten Nationen aufzuheben.

Die Bundesregierung und die Europäische Union sollten den Fall in ihren Gesprächen mit Kairo deutlich ansprechen. Wer Religionsfreiheit ernst nimmt, darf sie nicht an der Grenze zum Digitalen enden lassen.

Häufige Fragen (FAQ)

Warum sind sechs Christen in Ägypten wegen eines TikTok-Videos in Haft?
Sie haben ein humorvolles Video mit dem Ton einer Szene aus der Komödie „Khalawis“ veröffentlicht. Die Behörden werten es als Beleidigung des Islam und ermitteln wegen Verachtung der Religion, Blasphemie und Ausnutzung der Religion für extremistische Ideen.

Gilt die Religionsfreiheit auch in sozialen Medien?
Ja. Religions- und Meinungsfreiheit nach Art. 18 und 19 IPbpR gelten unabhängig vom Medium, also auch online. Blasphemieverbote sind nach Auffassung des UN-Menschenrechtsausschusses grundsätzlich mit dem Pakt unvereinbar.

Welches Gesetz wird in Ägypten gegen „Blasphemie“ angewendet?
In der Regel Art. 98(f) des ägyptischen Strafgesetzbuchs („Verachtung der Religion“). Er sieht Geld- oder Haftstrafen von bis zu fünf Jahren vor.

Wie ist die Lage der Christen in Ägypten?
Christen machen etwa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung aus. Trotz der Verfassungsgarantie der Glaubensfreiheit sind sie immer wieder Blasphemie-Verfahren, Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt.

Quellen: INFOVATICANA, 24.10.2026; ADF International, 22.10.2026; EIPR; Human Rights Watch zu Minya 2016; UN-Menschenrechtsausschuss, Allgemeine Bemerkung Nr. 34 (CCPR/C/GC/34).

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

Alle Artikel

Weitere in International

Alle anzeigen

Weitere von Michael Langhans

Alle anzeigen