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„Glaube“ (Los domingos): Kloster, „Sekte“ und die Angst, einen Menschen zu verlieren

Alauda Ruiz de Azúas Goya-Gewinner „Glaube“ erzählt von einer 17-Jährigen, die Nonne werden will – und zeigt Verlustangst statt Sektenklischees.

„Glaube“ (Los domingos): Kloster, „Sekte“ und die Angst, einen Menschen zu verlieren
Symbolbild, KI generiert, Claude

Kurz gesagt

Der spanische Film „Glaube“ (Originaltitel „Los domingos“, internationaler Titel „Sundays“) von Alauda Ruiz de Azúa startet am 29. Oktober 2026 in den deutschen Kinos. Er erzählt von der 17-jährigen Ainara, die in ein Klausurkloster eintreten will – und von ihrer Familie, die darin den Zugriff einer „Sekte“ vermutet. Das Besondere: Der Film benutzt den Sektenvorwurf nicht als Urteil, sondern als Spiegel. Er zeigt, dass hinter dem Wort „Sekte“ oft vor allem eines steckt: die Angst, einen geliebten Menschen an etwas Unbekanntes zu verlieren. Für diesen Ansatz wurde „Glaube“ mit der Goldenen Muschel in San Sebastián und fünf Goyas, darunter dem für den besten Film, ausgezeichnet.

Deutscher Trailer

Steckbrief

Deutscher Titel

Glaube

Originaltitel

Los domingos (international: Sundays)

Regie und Drehbuch

Alauda Ruiz de Azúa (geb. 1978 in Barakaldo, Baskenland)

Produktionsländer, Jahr

Spanien, Frankreich, 2025

Laufzeit

ca. 117 Minuten

Kinostart Deutschland

29. Oktober 2026

Besetzung

Blanca Soroa (Ainara), Patricia López Arnaiz (Tante Maite), Miguel Garcés (Vater Iñaki), Juan Minujín (Onkel Pablo), Nagore Aranburu (Oberin Sor Isabel), Mabel Rivera, Víctor Sainz

Wichtigste Preise

Goldene Muschel, San Sebastián 2025; fünf Goyas 2026 (u. a. bester Film, beste Regie); fünf Premios Feroz 2026

Worum geht es in „Glaube“?

Ainara ist 17, klug, still und steht kurz vor dem Schulabschluss. Ihre Familie erwartet, dass sie studiert, Karriere macht und irgendwann ein bürgerliches Leben führt. Doch nach einem Besuch ihres Schulchors in einem Kloster reift in ihr ein anderer Wunsch: Sie will Nonne werden und in einen kontemplativen, abgeschiedenen Konvent eintreten.

Die Familie ist ohnehin verwundet. Ainaras Mutter ist gestorben, der Vater kämpft mit seinem Restaurant ums wirtschaftliche Überleben und nimmt die Entscheidung eher hilflos hin. Ganz anders Tante Maite, eine selbstbewusste, atheistische Kulturmanagerin, die nach dem Tod der Mutter eine Art Mutterrolle übernommen hat. Sie ist überzeugt, dass Ainara nicht frei entscheidet, sondern einer Sekte auf den Leim geht – beeinflusst von der katholischen Schule und einem jungen Priester. Während am Familientisch über Geld, Groll und einen möglichen Freund aus dem Chor gestritten wird, erlebt Ainara bei ihren Besuchen als Postulantin im Kloster Ruhe, Respekt und Zuneigung.

Mut zur Verknüpfung: Kloster und „Sekte“ in einem Atemzug

Es gehört Mut dazu, einen katholischen Orden – eine der ältesten und gesellschaftlich anerkanntesten Lebensformen Europas – mit dem Vorwurf „Sekte“ zu konfrontieren. Alauda Ruiz de Azúa tut genau das, und sie tut es klug: Nicht der Film erklärt das Kloster zur Sekte, sondern eine Figur, die liebt und Angst hat.

Damit legt der Film offen, wie das Wort in der Praxis funktioniert. Die Grenze zwischen „anerkannter Religion“ und „Sekte“ verläuft offenbar nicht entlang objektiver Merkmale, sondern entlang der eigenen Vertrautheit. Was die Tante nicht kennt und nicht versteht, wird verdächtig. Eine Lebensentscheidung, die im kirchlichen Kontext als „Berufung“ gilt, erscheint aus säkularer Sicht als Manipulation. Der Film zwingt sein Publikum, beide Perspektiven auszuhalten – und genau darin liegt seine Stärke.

Die Regisseurin selbst beschreibt das Thema als Prüfstein für die eigene Toleranz: Nach außen, so sinngemäß ihre Beobachtung im Interview mit der katalanischen Zeitung Ara, seien wir alle sehr tolerant, zu Hause aber deutlich weniger. Gerade progressive Haltungen fühlten sich in der Toleranz wohl – bis zu dem Punkt, an dem auch die Tante sich fragt, ob wirklich alles tolerierbar ist.

Verlustangst als Angst vor dem Unbekannten

Das eigentliche Zentrum von „Glaube“ ist nicht die Frage, ob Gott existiert. Es ist die Angst. Die Tante kämpft nicht in erster Linie gegen eine Institution, sie kämpft darum, ihre Nichte nicht zu verlieren – nach dem Verlust der Schwester ein zweites Mal. Auch die dpa-Kritik hebt hervor, dass Verlustängste und Eifersucht in diesem Konflikt eine Rolle spielen. Filmstarts betont, Maites Widerstand sei nicht ideologisch, sondern zutiefst persönlich und speise sich aus echter Sorge.

Das ist der vielleicht wichtigste und mutigste Schritt des Films: Er nimmt die Angst der Angehörigen ernst, ohne sie zur Wahrheit zu erklären. Wer schon einmal erlebt hat, wie Familien reagieren, wenn ein Mitglied sich einer kleinen, unbekannten oder gesellschaftlich stigmatisierten religiösen Gemeinschaft zuwendet, erkennt das Muster wieder. Der Schmerz ist echt. Aber er ist nicht automatisch ein Beweis dafür, dass etwas Böses geschieht. Oft ist er zuerst ein Zeichen dafür, dass ein vertrauter Mensch einen Weg geht, den man selbst nicht versteht.

Besonders stark ist, wie der Film zeigt, dass beide Seiten aneinander vorbeireden. Die Tante argumentiert mit Rationalität und Familienbindung, Ainara antwortet aus einer inneren Gewissheit heraus, die sich nicht begründen lässt. Keine Seite ist im Besitz der ganzen Wahrheit. Die Frage, die der Schauspieler Juan Minujín beim Festival in San Sebastián formulierte, bringt es auf den Punkt: Wie begleitet man einen Menschen, der eine Entscheidung trifft, die man selbst für falsch hält?

Menschlichkeit statt Feindbild: die Handschrift von Alauda Ruiz de Azúa

Bemerkenswert ist, aus welcher Position die Regisseurin diesen Film gemacht hat. Ruiz de Azúa ist nach eigener Aussage nicht gläubig und säkular erzogen. In jungen Jahren lernte sie ein Mädchen kennen, das sich zum Ordensleben berufen fühlte – eine Entscheidung, die sie faszinierend und rätselhaft fand. Für ihre Recherche sprach sie mit jungen Frauen, die diesen Ruf gespürt hatten. Überrascht habe sie, dass diese fast wie von einer überwältigenden Liebesgeschichte erzählten.

Statt aus dieser Distanz ein Urteil zu fällen, entschied sie sich für Neugier. Ihr Ziel sei eine Einladung zum Gespräch gewesen, kein Monolog und kein Pamphlet, sagte sie Ara. Sie wollte, dass sich das Publikum fragt, ob Ainaras Berufung echt ist oder ob ein Erwachsener sie drängt – und zugleich über die Zerbrechlichkeit von Familien nachdenkt. Bewusst wählte sie eine nüchterne, karge Bildsprache, die alle Figuren gleichstellt.

Das Ergebnis ist ein Film, der weder Ainara zur Fanatikerin noch zum Opfer einer Verführung macht. Die Kritik von Filmstarts beschreibt sie treffend als Projektionsfläche für die Zweifel der Familie. Auch das Kloster wird nicht romantisiert: Es erscheint als strenger, strukturierter Alltag aus Gebet, Arbeit und Gemeinschaft, aber auch aus Abgeschiedenheit und bewusstem Verzicht. Die Nonnen wirken geerdet und authentisch; eine von ihnen vergleicht die Beziehung zu Gott mit einer Ehe, inklusive Zweifel und Momenten, in denen man am liebsten die Koffer packen würde. Gegenüber AFP sagte Ruiz de Azúa, beide Welten hätten ihre Widersprüche, Heucheleien und Gründe – das mache den Film schwerer zu beurteilen.

Genau diese Haltung verdient Anerkennung. Der Film verzichtet auf das vertraute Sektennarrativ mit Verführern, Opfern und Rettern. Er verzichtet auf Empörung und Hass. Er stellt den Menschen in den Mittelpunkt: eine junge Frau mit einer Sehnsucht, eine Tante mit einer Angst, einen Vater mit seiner Ohnmacht. Dass ein solcher Film nicht nur von der Kritik gefeiert, sondern mit den wichtigsten Preisen Spaniens ausgezeichnet wurde, ist ein ermutigendes Signal.

Warum der Film für die Debatte um religiöse Minderheiten wichtig ist

„Glaube“ ist kein Film über neue religiöse Bewegungen. Aber er zeigt mit großer Klarheit, wie schnell das Etikett „Sekte“ zur Hand ist, wenn Angehörige eine religiöse Entscheidung nicht nachvollziehen können – selbst gegenüber einem katholischen Orden. Damit berührt der Film eine Debatte, die in Europa seit Langem geführt wird.

Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ (1996–1998) stellte in ihrem Endbericht fest, dass der Begriff „Sekte“ unpräzise und missverständlich ist, und schlug vor, stattdessen von neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen zu sprechen. Zudem kam sie zu dem Ergebnis, dass nur ein kleiner Teil der so bezeichneten Gruppen tatsächlich problematisch ist. Der Film macht erfahrbar, warum diese Differenzierung wichtig ist: Ein emotional aufgeladener Begriff ersetzt die genaue Prüfung des Einzelfalls – und kann Gespräche beenden, bevor sie begonnen haben.

Wer sich mit Konflikten rund um gesellschaftlich stigmatisierte Gruppen beschäftigt, findet in „Glaube“ deshalb mehr als ein Familiendrama. Der Film lädt dazu ein, die Angst der Angehörigen ernst zu nehmen und zugleich die Freiheit und Würde der Person zu achten, die sich für einen ungewöhnlichen Weg entscheidet.

Auszeichnungen im Überblick

Häufige Fragen zum Film „Glaube“

Wann startet „Glaube“ in Deutschland? Der Film läuft ab dem 29. Oktober 2026 in den deutschen Kinos.

Wie heißt der Film im Original? Der spanische Originaltitel lautet „Los domingos“ („Die Sonntage“), international läuft er als „Sundays“.

Wer hat „Glaube“ gedreht? Regie und Drehbuch stammen von der baskischen Filmemacherin Alauda Ruiz de Azúa. Es ist nach „Cinco lobitos“ (deutsch: „Lullaby“, 2022) ihr zweiter Kinospielfilm; bekannt ist sie auch für die Serie „Querer“.

Ist „Glaube“ ein Film über eine Sekte? Nein. Ainara will in ein katholisches Kloster eintreten. Der Sektenvorwurf kommt von ihrer Tante. Der Film lässt bewusst offen, ob Ainaras Entscheidung Berufung, Flucht aus einer zerrütteten Familie oder Folge von Einflussnahme ist.

Was ist die zentrale Aussage des Films? „Glaube“ zeigt, wie die Angst, einen geliebten Menschen an etwas Unbekanntes zu verlieren, Familien spalten kann – und wie schwer es ist, eine Entscheidung zu respektieren, die man selbst nicht versteht.

Für wen ist der Film geeignet? Für alle, die sich für Familienkonflikte, Religion, Glaubensfreiheit und den Umgang mit Andersdenkenden interessieren – unabhängig davon, ob sie selbst gläubig sind.

Quellen

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

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