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Kla.TV und die OCG: Warum sich Kritik an Ivo Sasek auch auf den Sender auswirkt - und warum man die Kritik kritisieren muss

Ist Kla.TV nur ein Medium oder Teil der OCG von Ivo Sasek? Primärquellen zeigen religiöse Inhalte. Dazu die Sekten-Serie des Tagblatts – eine Einordnung.

Kla.TV und die OCG: Warum sich Kritik an Ivo Sasek auch auf den Sender auswirkt - und warum man die Kritik kritisieren muss
Screenshot von Kla.TV

Kurz gesagt: Kla.TV ist kein Alternativmedium, das zufällig denselben Gründer hat wie die Organische Christus Generation (OCG). Ivo Sasek bezeichnet die OCG selbst als Hauptträgerin des Senders, und auf Kla.TV laufen bis heute Predigten, Bibelauslegungen und „prophetische“ Konferenzen. Die Verbindung ist also nicht nur wirtschaftlich, sondern auch religiös. Gerade das macht die aktuelle Berichtsserie des «St. Galler Tagblatts» und der «Appenzeller Zeitung» zum Problem: Wer Kla.TV pauschal als „Sektensender“ etikettiert, übersieht, dass hier auch die Religionsfreiheit berührt ist – und verwischt zugleich die Kritik an konkreten Inhalten, die tatsächlich angebracht sein könnte.

Was sind Kla.TV und die OCG?

Die Organische Christus Generation ist eine christliche Glaubensgemeinschaft mit Zentrum in Walzenhausen im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Sie ging Ende der 1990er-Jahre aus dem Familienwerk „Obadja“ des Schweizer Laienpredigers Ivo Sasek hervor. Die Bundesregierung nennt 1999 als Gründungsjahr und schätzt die Anhängerschaft auf 2.000 bis 3.000 Personen, vor allem in der Schweiz, in Deutschland und in den Niederlanden (hib 737/2020). Eine formelle Mitgliedschaft und eine Rechtsform gibt es nicht; die Gemeinschaft spricht von „Verbindlichkeit“.

Kla.TV, ausgeschrieben Klagemauer.TV, ist ein 2012 gegründetes Videoportal im Nachrichtenstil. Es versteht sich als Sender für „unzensierte Berichterstattung“, veröffentlicht nach eigenen Angaben in mehr als 80 Sprachen und arbeitet mit ehrenamtlich betriebenen Studios. Daneben stehen die Anti-Zensur-Koalition (AZK) mit ihren Jahreskonferenzen, deren 23. Ausgabe am 7. November 2026 stattfindet (kla.tv/42634), und das Flugblatt „Stimme & Gegenstimme“. Alle diese Projekte gehen auf Ivo Sasek zurück. Kla.TV selbst führt die OCG auf seiner Website in der Rubrik „Gründungen von Ivo Sasek“.

Wie eng sind Kla.TV und OCG verbunden?

Die klarste Antwort gibt Ivo Sasek selbst. In seiner Eröffnungsrede zur 16. AZK, die bis heute auf Kla.TV abrufbar ist, erklärte er, die OCG sei die Hauptträgerin von AZK, Kla.TV und „Stimme & Gegenstimme“ (kla.tv/13417). Das ist keine Zuschreibung von außen, sondern eine Selbstbeschreibung. Auch die eigene Website stellt Sasek als „Kla.TV- und OCG-Gründer“ vor und bewirbt eine „OCG-Akademie“, zu der seine „OCG- & Kla.TV-Teams“ einladen (ivo-sasek.ch). Im März 2026 lud Sasek nach Angaben dieser Website alle ehrenamtlichen Mitwirkenden von Kla.TV, AZK und OCG zu einem gemeinsamen Treffen ein.

Personell zeigt sich dieselbe Nähe. Die Familie Sasek ist auf Kla.TV mit eigenen Rubriken präsent; Tochter Lois und Sohn Elias treten regelmäßig auf. Nach Darstellung der Wikipedia leitet Elias Sasek den Sender (Wikipedia). Eine frühere Mitarbeiterin, die von 2002 bis 2015 zur OCG gehörte, beschreibt in einer Publikation der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, dass die Redaktion von der Leitungsebene der OCG gesteuert worden sei (EZW-Texte 276, 2023). Solche Innenansichten sind Aussteigerberichte und als solche mit der gebotenen Vorsicht zu lesen. Sie decken sich in diesem Punkt aber mit dem, was die Gemeinschaft öffentlich über sich selbst sagt.

Die Verbindung ist damit organisatorisch und personell eng. Ob sie darüber hinaus auch inhaltlich, also religiös ist, zeigt erst ein Blick in das Programm.

Finden auf Kla.TV religiöse Themen der OCG statt?

Ja – und zwar auf zwei Ebenen. Auf der ersten Ebene sendet Kla.TV ausdrücklich religiöse Inhalte. Im Oktober 2021 übertrug der Sender das „Prophetische Treffen“ unter dem Titel „Ihr seid Götter“, eine Predigtkonferenz mit Zuschauern aus 39 Ländern. Sasek spricht dort von dem, was man „als OCG, als AZK oder als Kla.TV-Gemeinschaft“ erlebe, und deutet die Corona-Impfung als „Charagma“, also als Malzeichen aus der Johannesoffenbarung (kla.tv/20042). Die drei Projekte erscheinen in dieser Rede als eine einzige Glaubensgemeinschaft.

Das ist kein Einzelfall. Im März 2025 veröffentlichte Kla.TV eine Rede Saseks zur Frage, ob die Bibel „Heilige Schrift oder jüdisches Verschwörungsbuch“ sei; der Sender stellt ihn darin als langjährigen Bibellehrer vor (kla.tv/36849). Bei der 21. AZK im Sommer 2025 legte Sasek Jesaja 49 aus und deutete den biblischen Namen Israel auf alle „Gerechten“ um, die mit Gott kämpfen (kla.tv/38377). Bei der 19. AZK rief er zu „geistlicher Kriegsführung“ auf (kla.tv/27610), und das Internationale Freundestreffen 2026 stand unter dem Titel „Königsdisziplin geistlicher Kampfführung“ (ivo-sasek.ch). Auch Saseks 2008 eingeführte Reinkarnationslehre wurde über Kla.TV verbreitet.

Auf der zweiten Ebene wirken die meisten Sendungen wie politischer Kommentar: Impfungen, Mobilfunk, Krieg, Bargeld, Medienkritik. Der Weltanschauungsbeauftragte Harald Lamprecht hält fest, dass diese Formate keinen primär religiösen Fokus mehr haben. Ihr Deutungsrahmen stammt aber erkennbar aus der Lehre der Gemeinschaft. Das Weltgeschehen erscheint als Kampf zwischen Gott und Satan, Gegner werden als „Satanisten“ oder „Luzifer-Kult“ beschrieben, und die Zuschauer werden als „Aufklärer“ und „Gerechte“ angesprochen – ein Begriff, mit dem die OCG intern Sympathisanten außerhalb des eigenen Kerns bezeichnet.

Die theologische Klammer ist ein Lehrwechsel aus dem Jahr 2013. Seitdem lehrt Sasek, Christus komme nicht erst in der Zukunft wieder, sondern wirke schon jetzt durch seine „Gerechten“ in der Welt (Lamprecht, Weltanschauungen 106). Aus dieser Sicht ist „Aufklärung“ über vermeintliche Missstände keine weltliche Publizistik, sondern religiöser Auftrag. Kla.TV ist damit für die Gemeinschaft selbst eine Form gelebten Glaubens.

Die aktuelle Medienkampagne gegen Ivo Sasek

Innerhalb von knapp zwei Wochen ist Ivo Sasek erneut in den Mittelpunkt der Berichterstattung gerückt. Am 20. Oktober 2026 erschien bei RiffReporter eine ausführliche Reportage über die OCG, die FOREF bereits eingeordnet hat. Ab dem 30. Oktober folgte im «St. Galler Tagblatt» und in der «Appenzeller Zeitung» ein dreiteiliger „Sekten-Report“. Teil 1 meldete Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Appenzell Ausserrhoden gegen Sasek und seine Ehefrau wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Wucher und eines Verstoßes gegen das AHV-Gesetz; die Behörde hat das gegenüber der SDA bestätigt (ref.ch). Saseks Anwalt weist alle Vorwürfe zurück, eine Anklage gibt es nicht. Teil 2 befasste sich mit Austritten aus der Gemeinschaft (Appenzeller Zeitung).

Ivo Saseks Kurzstellungnahme zu Vorwürfen im Tagblatt & Co.
Ivo Sasek nimmt Stellung zur Tagblatt-Berichterstattung. Er weist die Vorwürfe zurück und erklärt, wie er seit bald 50 Jahren lebt.

Stellungnahme von Sasek

Teil 3 erschien am 1. November 2026 unter dem Titel „Der Sektensender aus St.Margrethen: Wie Ivo Sasek Misstrauen schürt“ (Tagblatt). Die Autoren Samuel Ryter und Davide De Martis kündigen eine Analyse der Rhetorik von Kla.TV an und beschreiben den Sender als Ort, an dem Sasek Kämpfer für einen apokalyptischen Krieg schule. Wie die übrigen Teile steht auch dieser Text weitgehend hinter einer Bezahlschranke; seine Methodik ließ sich für diesen Beitrag nicht prüfen.

In der Sache trifft die Serie einen Punkt, den auch unsere Auswertung der Primärquellen berücksichtigt: Kla.TV ist von der religiösen Weltdeutung seines Gründers geprägt. Problematisch ist der Rahmen der Medienberichte. Schon die Überschriften sprechen von der „Sasek-Sekte“, vom „Sektenführer“ und vom „Sektensender“, während die Ermittlungen erst begonnen haben. Die Serie verknüpft ein offenes Strafverfahren, Aussteigerberichte und eine Medienanalyse zu einem Gesamtbild, bevor ein Gericht über irgendetwas entschieden hat. Sasek selbst kann - so seine Aussage - nicht Stellung nehmen, da die Staatsanwaltschaft das so fordert (Link siehe oben).

Und sie verlangt für dieses Bild eine Abo-Gebühr – ein Muster, das FOREF unter dem Stichwort Sekten-Berichterstattung hinter der Paywall beschrieben hat.

FOREF-Einordnung: Religiöser Sender, religiöse Freiheit – und klare Grenzen

Wenn Kla.TV nach dem Selbstverständnis seiner Macher Ausdruck gelebten Glaubens ist, hat das rechtliche Folgen in beide Richtungen. Zum einen steht das Programm nicht nur unter dem Schutz der Meinungs- und Medienfreiheit, sondern auch unter dem der Glaubens- und Gewissensfreiheit nach Art. 15 der Bundesverfassung, Art. 4 des Grundgesetzes und Art. 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention. Eine apokalyptische Weltdeutung, eine eigenwillige Bibelauslegung oder ein dualistisches Gottesbild sind für sich genommen kein Rechtsverstoß, auch wenn die Mehrheitsgesellschaft sie für abwegig halten würde.

Zum anderen verschafft die religiöse Begründung keinen rechtsfreien Raum. Rassendiskriminierung nach dem Schweizer Strafgesetzbuch, Volksverhetzung und Holocaustleugnung bleiben strafbar, gleich ob sie politisch oder theologisch eingekleidet werden. Die Bundesregierung hat der OCG 2020 Verschwörungsmythen mit Tendenzen zu Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus attestiert. Zugleich ist festzuhalten, dass Sasek im Verfahren um den Auftritt einer Holocaustleugnerin bei der AZK freigesprochen wurde und die Münchner Generalstaatsanwaltschaft kein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung eröffnete. Kritik an konkreten Sendungen und Aussagen ist legitim und notwendig. Sie muss sich aber an diesen Inhalten festmachen, nicht an einem Etikett oder einer Lebensweise.

Der religiöse Charakter von Kla.TV wirft auch ein Licht auf die laufenden Ermittlungen. Wenn die Mitarbeit an den Sendungen für die Beteiligten Teil ihres Glaubensauftrags ist, betrifft ein Wucher-Vorwurf gegen den unentgeltlichen Dienst von Gläubigen den geschützten Binnenbereich einer Religionsgemeinschaft. FOREF hat diese Frage im Beitrag zu den Ermittlungen gegen Ivo Sasek ausführlich behandelt. Für die Medienberichterstattung bedeutet das: Wer Kla.TV als „Sektensender“ etikettiert und zugleich über ein Wucher-Verfahren berichtet, bereitet ein öffentliches Urteil vor, das die Unschuldsvermutung unterläuft. Perfide ist die Medienkampagne dann, wenn Sasek selbst sich nicht äußern darf. Hier nutzen Medien bewusst Lücken in der Anordnung der Staatsanwaltschaft zu Saseks Nachteil aus.

Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages empfahl bereits 1998, auf den pauschalen Sektenbegriff zu verzichten, weil er unscharf und emotional aufgeladen ist. FOREF schlägt dafür den Begriff gesellschaftlich stigmatisierte Gruppen vor. Präziser und fairer ist es, zu benennen, was konkret kritisiert wird: hier etwa antisemitisch anschlussfähige Erzählungen und die fehlende Transparenz darüber, dass hinter einem scheinbar weltlichen Nachrichtenportal eine Glaubensgemeinschaft steht. Diese Transparenz einzufordern ist berechtigt. Daraus eine pauschale Brandmarkung abzuleiten, ist es nicht. Auch dass eine gläubige Person Medienunternehmen leitet oder gründet, ist für christliche Gemeinschaften nichts neues oder besonderes.

Schließlich gilt für die Quellen dieselbe Sorgfalt wie für die Begriffe. Viele Innenansichten der OCG stammen von ehemaligen Mitgliedern. Sie verdienen Gehör, bilden aber eine durch persönliche Erfahrung geprägte Perspektive ab – FOREF hat das in der Analyse zur Weitergabe ungeprüfter Aussteigerberichte dargelegt. Neutrale Berichte oder aktuelle Mitglieder kommen meist ohnehin nicht zu Wort.

Für die Frage nach dem religiösen Charakter von Kla.TV braucht es diese Berichte allerdings kaum: Die Sendungen des Senders und die Aussagen seines Gründers belegen ihn bereits für sich und sind frei abrufbar.

Häufige Fragen zu Kla.TV und der OCG

Gehört Kla.TV zur OCG? Ja. Ivo Sasek, Gründer beider Projekte, bezeichnet die Organische Christus Generation selbst als Hauptträgerin von Kla.TV, und Mitglieder der Familie Sasek prägen das Programm.

Ist Kla.TV ein religiöser Sender? Kla.TV präsentiert sich als Nachrichtenportal. Es sendet aber regelmäßig Predigten, Bibelauslegungen und religiöse Konferenzen von Ivo Sasek, zuletzt 2025 und 2026. Auch die politischen Formate folgen einem religiös geprägten Weltbild.

Wer finanziert Kla.TV? Nach eigenen Angaben arbeitet Kla.TV überwiegend mit Ehrenamtlichen. Die OCG hat keine Rechtsform; laut SRF ist Ivo Sasek alleiniger Eigentümer ihrer Strukturen.

Was ist der „Sekten-Report“ des Tagblatts? Eine dreiteilige Serie des «St. Galler Tagblatts» und der «Appenzeller Zeitung» vom 30. Oktober bis 1. November 2026 über Ermittlungen gegen Ivo Sasek, Austritte aus der OCG und die Rhetorik von Kla.TV. Die Texte stehen überwiegend hinter einer Bezahlschranke.

Ist Ivo Sasek angeklagt? Nein. Die Staatsanwaltschaft Appenzell Ausserrhoden führt ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Wucher und eines Verstoßes gegen das AHV-Gesetz. Sasek bestreitet die Vorwürfe, es gilt die Unschuldsvermutung.

Ist die OCG verboten? Nein, weder in der Schweiz noch in Deutschland. Die Bundesregierung sah 2020 keine von der OCG ausgehende Gefahr für die demokratische Ordnung, äußerte sich aber kritisch zu ihren Verschwörungserzählungen.

Warum spricht FOREF nicht von einer „Sekte“? Weil der Begriff unscharf und wertend ist und ein Urteil vorwegnimmt. FOREF benennt stattdessen konkrete Kritikpunkte und spricht von gesellschaftlich stigmatisierten Gruppen.

Weiterlesen auf FOREF.info

Die Organische Christus Generation und die Berichterstattung über sie begleitet FOREF fortlaufend. Eine Gesamteinordnung mit Stimmen von Aussteigern, Behörden und der Gemeinschaft bietet der Beitrag Zwischen Glaubensfreiheit und Verschwörungsnetzwerk: Die Organische Christus Generation um Ivo Sasek. Die Rechtslage zum aktuellen Strafverfahren erläutert Ermittlungen gegen OCG-Gründer Ivo Sasek: Staatsanwaltschaft Appenzell Ausserrhoden prüft Wucher-Verdacht. Warum Sekten-Berichte hinter Bezahlschranken dem eigenen Aufklärungsanspruch widersprechen, beschreibt die Glosse Sekten-Berichterstattung hinter der Paywall.

Zur Begriffsfrage siehe Von „Sekten“ zu „gesellschaftlich stigmatisierten Gruppen“ und das Dossier Das Sekten-Narrativ. Wie Medien das Etikett über Seitentitel transportieren, zeigt Scheinehrlichkeit der Presse. Zum Umgang mit Aussteigerberichten empfehlen wir Zur Weitergabe ungeprüfter Aussteigerberichte und Freikirche verlassen: Warum ein einzelner Aussteigerbericht kein Gesamtbild ergibt. Wo Gerichte die Grenze zwischen Staat und innerer Ordnung einer Gemeinschaft ziehen, zeigt Zeugen Jehovas vor Gericht in Norwegen und Schweden. Alle Beiträge zur Gemeinschaft finden Sie unter dem Schlagwort OCG.

Quellen

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

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