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"Scientology: Fast jeder kennt den Namen der geheimnisvollen Sekte"

"Scientology: Fast jeder kennt den Namen der geheimnisvollen Sekte"
Screenshot aus der Mediathek

So beginnt der auf der Mediathek des ZDF verfügbare Bericht mit dem reisserischen Titel "Macht, Missbrauch, Manipulation", und Leser unserer Webseite für Religionsfreiheit wissen, dass das, was mit dem "Sekten"-Begriff beginnt, selten was gutes sein kann im Ergebnis. Aber lesen wir erst einmal die Zusammenfassung des ZDF zu der am 11.10.2026 (!) veröffentlichten "Dokumentation":

Betroffene wie Alex Barnes klagen über unmenschliche Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung, psychische sowie physische Gewalt und totale Isolation. Wer die Sekte kritisiert oder verlassen will, wird zur Unperson erklärt und muss mit schweren Konsequenzen rechnen.

Sea Org und der Milliarden-Jahre-Vertrag

Abtrünnige müssen ein drakonisches Umerziehungsprogramm durchlaufen – das berüchtigte RPF (Rehabilitation Project Force), eine Art Zwangsarbeitslager. Nach Aussagen von Aussteigern müssen die Betroffenen dort dauerhaft schwarze Kleidung tragen, schwere körperliche Arbeiten verrichten und alle Tätigkeiten im Laufschritt erledigen. Jegliche Kommunikation ist untersagt; selbst der Gang zur Toilette oder das Duschen unterliegen extremen Restriktionen. Jeder Kontakt zur Außenwelt oder zur eigenen Familie ist streng verboten.

Wer der Elite-Einheit "Sea Org" angehört, bindet sich vertraglich sogar für die Dauer von einer Milliarde Jahren, basierend auf der Lehre des Gründers L. Ron Hubbard über die unsterbliche Seele – den sogenannten "Thetan" – und dessen fortlaufende Reinkarnationen auf einer Milliarden Jahre alten kosmischen Gesamt-Zeitspur. Insider wie Lucas Le Gall oder Mark Headley haben diesen Vertrag bereits als Teenager unterzeichnet.

Zwischen Hollywood und Mitgliederschwund

Die Dokumentation beleuchtet die Entwicklung von Scientology von einer pseudowissenschaftlichen Selbsthilfeorganisation hin zu einer autoritär geführten Psychosekte mit Luxusimmobilien auf der ganzen Welt. Der Film zeigt, wie Scientology über Jahrzehnte Prominente und Hollywoodstars an sich bindet und ein Milliardenvermögen anhäuft.

Doch hinter den glitzernden Fassaden herrscht oft gähnende Leere: Das Imperium befindet sich in schwerem Fahrwasser und kämpft mit massivem Mitgliederschwund. Während die Führung von Millionen Anhängern spricht, schätzen Experten die Zahl der weltweit aktiven Mitglieder auf nur noch wenige Zehntausend.

Nach mir zur Verfügung stehenden Unterlagen handelt es sich um einen recycelten Beitrag aus Frankreich von Februar diesen Jahres, den bereits Rosita Šorytė negativ ob seiner Faktenlosigkeit auf Bitterwinter kommentiert hatte. Offenbar wurde der Beitrag geringfügig angepasst und nun auf Kosten deutscher Beitragszahler veröffentlicht.

Eric Roux, Präsident der Scientology-Kirchen Frankreichs, geht sogar so weit zu behaupten, dass einige der Darsteller in den Dokumentationen "Berufszeugen" seien, die hierfür oft "bezahlt würden" - was ich nicht prüfen kann.

Scientology : Eric Roux répond à France Télévisions et Tohubohu
Eric Roux critique le documentaire de Tohubohu diffusé par France Télévisions sur la Scientology, le choix des témoins et l’absence de débat contradictoire.

Auch ob Eric Gonnet in seinem Buch schreibt "ich lüge in der Tat sehr oft" und "(lügen) kennzeichnet ein wiederkehrendes Verhalten meinerseits", kann ich nicht beurteilen, möchte ich diesem Artikel gleichwohl voran stellen.

Dass aber Tohubohu und France Télévisions gewarnt wurden vor einigen der Informationen, hätte journalistisch erwähnt sein müssen.

Kein aktueller Bezug!

Aktuelle Entwicklungen wie das Bekenntnis von Scientology zu den Grund- und Menschenrechten (wir berichteten), zum Beispiel in der Satzung der Scientology Kirche Frankfurt e.V. inkludiert, und die neue Entwicklung zum Bundesverfassungsschutz scheinen nicht vorzukommen. Die Zusammenfassung nimmt also vorweg, was man weiß, wenn man sich regelmäßig informiert: Sektennarrative ohne aktuellen Bezug, dafür die immer selbe alte Leier - die dadurch aber nicht zwingend wahrer wird. Aber schauen wir uns die 44 Minuten einmal an.

Wieder begonnen wird mit französischen Entwicklungen, was erstaunlich ist, weil viele Dokumentationen auch für den deutschen Markt lieber Aspekte aus Frankreich schildern.

Die Vorwürf

Scientology sei totalitär und antidemokratisch

Dieser in Minute 1:10 geäußerte Vorwurf ist mit der Erklärung zu den Grund- und Menschenrechten, umgesetzt in diversen Satzungen, widerlegt.

Dort heißt es (für Deutschland):

die Förderung von Demokratie, Frieden und staatlicher Transparenz, die Beachtung der Rechtsstaatlichkeit, Fairness und Gerechtigkeit für alle; das Verhältnis von Religion und Staat und viele andere Freiheiten. Quelle

Oder in der Satzung von Frankfurt:

Die Mitglieder der Kirche stimmen seit jeher darin überein, das Grundgesetz der BRD, die Verfassungen der Länder und das Recht und das Gesetz zu respektieren. Sie machen die beiliegende „Grundsatzerklärung über Menschenrechte und Demokratie“ (siehe Anlage, nachfolgend auch als „Grundsatzerklärung“ bezeichnet) zum Bestandteil der Satzung. Die Kirche distanziert sich von allen Aussagen und Meinungen, die als eine Verletzung der in dieser Grundsatzerklärung enthaltenen Normen angesehen werden könnten. Die Mitglieder sind von der einvernehmlichen Überzeugung geleitet, bei der Auswahl der Mittel und Wege zur Erfüllung der gemeinsamen Aufgaben der Kirche, die Lehre von Scientology in dem vom Grundgesetz aufgezeigten Rahmen und stets im Einklang mit dem Gesetz der BRD auszuüben. Die Kirche stellt durch geeignete organisatorische Maßnahmen sicher, dass die in diesem Abschnitt genannten Grundsätze tatsächlich auf allen Ebenen und in allen Bereichen der Kirche umgesetzt werden.

 Offensichtlich ist also auch dieser Bericht ohne tiefgreifende Recherche erstellt. Eigentlich habe ich an dieser Stelle auch schon keine Lust mehr, zuzusehen, aber wer hat gesagt dass der Kampf um Religionsfreiheit und Menschenrechte Spaß machen muss?

Abtrünnige und Aussteiger: Objektive Fakten Fehlanzeige! - Michael Langhans

Suizidgedanken

Mit Alex kommt ein Aussteiger (Abtrünniger) zu Wort. Die typische Problematik ungeprüfter Aussteiger-Aussagen hatten wir hier dargelegt.

Die Ursache der angeblichen oder tatsächlichen Suizidgedanken bleiben fachlich und faktisch ungeklärt.

Dann kommt mit Dr. Stephen Kent ein Soziologe zu Wort.

Zum E-Meter

Das E-Meter wird mit einem Lügendetektor verglichen, was durchaus problematisch ist, weil die Messungen andere sind. Aber auch hier geht niemand in die fachliche Tiefe.

Ziel: Dienstleistungen verkaufen

"Scientology hat nur ein Ziel: Dienstleistungen zu verkaufen": Das Zitat bei 11:30 ist widersprüchlich, wenn man vorher noch berichtet, dass es darum geht, dass Menschen sich besser fühlen und entspannter sind. Auch wenn ich solche Meinungen respektiere, heißt das nicht, dass ich sie faktisch anerkenne. Denn: Alle Religionen geben Menschen und ihrem Leben einen Sinn. Zudem ist die Form der Kurse bei Scientology nichts anderes als eine andere Form der üblichen Steuern, die Religionen und Kirchen erheben.

"Es geht darum den Schwachpunkt im Leben eines Menschen zu finden" (Minute 12:35): Belege aus der umfangreichen Literatur von Scientology für diese Aussage fehlen. Abgestellt wird nur auf "Aussteiger".

Schlecht bezahlte Tätigkeit oder kirchliches Ehrenamt?

"Ich verdiente 20 Pfund die Woche und arbeitete Montag bis Freitag Abends und am Wochenende." (Minute 13:15): Hier müsste man in Deutschland auf BAG 5 AZB 19/01 verweisen, bei dem eine Arbeitnehmereigenschaft höchstrichterlich abgelehnt wurde. Geht es hier (wie so oft) nur um Stimmungsmache?

"Man tut was sie wollen oder man wird bestraft", wird ein "Zeuge" zitiert, und meint damit, dass viele angeblich nicht wissen, dass sie die Kirche auch verlassen dürfen. (Min. 23:50) Der TikTok Account von Scientology Minnesota sagt hierzu ganz "fresh", wie es in der Jugendsprache heißt:

@scientologymn

Replying to @Morty C-133 Scientology is a choice like any other religion. 🤭 Have you ever had questions answered inside of Scientology? 💫 How does being a Scientologist work? 🧐 Check it out. Call me. You do you. 🫡 #scientology #scientologytok #scientologyminnesota #spirit #life

♬ original sound - ScientologyMinnesota

Also ganz einfach... Was Strafen oder Anforderungen angeht, ist es meines Wissens in vielen Arbeitsverhältnissen so, dass man das tut, was das Unternehmen für relevant erachtet, oder eben auch die Kirche. Die Frage der Entlohnung ist hier eine rechtliche, die gerichtlich zu klären ist. Aber wie bereits oben erwähnt fehlen hier Informationen über solche Streitigkeiten. Dabei sollte es doch (aus Sicht der Aussteiger) ein leichtes sein, zu gewinnen, wenn es denn richtig wäre was sie behaupten... Verantwortungsabgabe für das (angebliche oder tatsächliche) Leid an die Gemeinschaft / Religion / Kirche ist ein Phänomen, das typisch für Aussteiger ist. "Bestrafung" wird leider an dieser Stelle nicht definiert oder belegt.

Cover "Einführung in die Ethik der Scientology"

Ethik in Scientology

"Alles dreht sich um Ethik" (Minute 24:10): Aber wieso zitiert man dann nicht aus diesem Buch, sondern spricht von "Ethik", "Regeln" und "Richtlinien", ohne diese zu benennen?

"Aussteigern zufolge muss jedes Mitglied, das Regeln missachtet, sich vor der Ethik-Abteilung verantworten" (Minute 24:40): Auch hier werden keine Regeln genannt, gegen die Verstoßen wird. Ist es nicht im gemeinsamen Leben normal, Regeln zu befolgen? Unterscheidet sich hier der codex iuris canonici von Hubbards Buch "Einführung in die Ethik der Scientology"? Hier wäre eine wissenschaftliche oder zumindest recherchierende Auseinandersetzung spannend, auch wenn der Beitrag konsequent alle Scientology-Quellen ablehnt und nie aus Büchern zitiert.

Persönliche Diffamierung anhand Äußerlichkeiten

"Betrat ein kleiner Mann die Bühne" (Minute 27:23): Dass man David Miscavige an Äußerlichkeiten (negativ) messen und bewerten will, ist ein typisches Verhalten von "Aufklärern" und Experten: Statt inhaltlicher Kritik äußerliche, was verfassungsrechtlich durchaus im Diskriminierungsbereich zu verorten sein könnte...

"Miscavige hat überall Leute die Land für ihn kaufen oder Renovierungen bezahlen. Die Leute vor Ort stecken mitunter Millionen für Dollars in die Gebäude" (Min. 30:00): Erinnert mich an den Kölner Dom und die dortige Eintrittsgebühr, die wir aus vielen Kirchen kennen. Dass Kirchen Geld kosten, ist ebenso wenig verwerflich wie wenn Mitglieder ihre Kirche unterstützen. Bezeichnend für solche Berichte wird hier "normales" Zusammenhanglos geschildert als "unnormal".

"Ich weiss nicht was mein Sohn macht, wo er wohnt..." (Minute 38:10): Auch das ist typisches Trennungsverhalten und ein typischer Aussteigervorwurf. Leider wird, wie oben dargestellt, die Verantwortung nur ausgelagert.

Verallgemeinerung und Verantwortungsübergabe

"Heute wird Tom Cruise, Chefwerber des Scientology-Kults, vom British Film Institute eine Ehrenmitgliedschaft erhalten, eine Beleidigung für jedes Missbrauchsopfer der Scientologen" (Minute 39:10): Dieses Zitat eines Aussteigers ist offenkundig rechtlich wie tatsächlicher Blödsinn. Die persönliche Glaubensüberzeugung sollte nicht verwechselt werden mit dem privaten oder geschäftlichen Leben eines Menschen. Die Religionsfreiheit schützt auch, diese Lebensbereiche zu trennen. Zudem: Warum sollte Tom Cruise für irgendetwas, das z.B. in Deutschland passiert, verantwortlich sein? Hier macht der Beitrag und der Aussteiger das, was sie Scientology vorwerfen: Werbung mit einem Namen, wenn hier auch negativ.

"Das sind Webseiten, die von Scientology betrieben werden und voller Lügen sind" (Minute 40:20): Gleichzeitig wird die auf der Webseite veröffentliche Aussage „Marc und Claire Headley, zwei ausgeschlossene ehemalige Scientologen, verließen die Kirche im Jahr 2005, nachdem Marc beim Veruntreuen von Kirchengeldern erwischt worden war.“ nicht bestritten im Beitrag oder widerlegt, schon gar nicht die dort veröffentlichten Unterlagen geprüft oder erwähnt, wenn auch die Websuche gezeigt. Angeblich, darauf wies ich oben hin, hatte man die Produzenten auf mögliche Probleme hingewiesen. Dann wäre eine Nichtprüfung ein Problem.

Ich selber kann - über die hier gezeigten Aspekte oder die oben erwähnten anderen Ansichten - weder die eine noch die andere Seite prüfen, wundere mich aber erneut, dass keine inhaltliche Auseinandersetzung, keine Recherche, keine rechtliche Prüfung und Einordnung stattfindet.

Was sagt uns das? Immerhin, dass die Webseite von der Scientology Kirche International betrieben wird, ist offenkundig und auch kundgetan:

Screenshot https://www.whoismarcheadley.com/

Seit 2019 gibt es in Frankreich ein dem Presserat vergleichbares Institut, das Wahrheit und Sorgfaltspflichten einzuhalten erinnert und Faktenverifizierung anmahnt. Dem entspricht die Sorgfaltspflicht in Deutschland. Da der Presserat nur für Print- und Onlinemedien zuständig ist, wäre die Verantwortung in Deutschland beim ZDF der Fernsehrat.

"Sie haben es auf mich abgesehen, weil ich meine Meinung sage" (Minute 41:12): Richtig, Meinungen sind im Artikel viele, Fakten oder Tatsachen wenige bis eigentlich keine. Die Grenze zwischen Meinung und Tatsachenbehauptungen verschwimmen hier und werden leider nicht aufgeklärt.

Screenshot Minute 41:14

Dann endet der Film, ohne neutrale oder Mitglieder der Scientology Kirche zu Wort kommen zu lassen.

Fazit

Der Beitrag ist, selbst für Anti-Sekten-Propaganda, schrecklich substanzlos. Neue Informationen finden sich keine. Beweise finden sich nicht. Einseitigkeit wird hier zum System gemacht, Recherche findet offenkundig ebenso wenig statt wie eine Konfrontation der "Aussteiger" mit den von Scientology veröffentlichten Fakten (Diebstahl und E-Bay Verkauf von Equipment, siehe oben).

Warum ist das so? Welchen Grund hat das ZDF, am 11.10.2026 einen Beitrag aus Frankreich ohne inhaltliches Zuschneiden auf Deutschland zu veröffentlichen, der Null-komma-Null neue Erkenntnisse von sich gibt?

Welchen Mehrwert hat dieser Beitrag? Die Antwort ist vernichtend: Keinen Mehrwert, keine aktuellen Erkenntnisse, keine neuen Entwicklungen in Deutschland.

Klarstellend kann ich die obigen Behauptungen nicht verifizieren oder falsifizieren (außer die von Scientology veröffentlichten Gerichtsunterlagen und die Stellungnahme von Roux). Dazu müsste überhaupt substantieller Sachverhalt vorgebracht werden, den man dann auch Scientology zur Stellungnahme vorgehen würde. So werden Zuschauer (die Veröffentlichung ist ja zumindest mit öffentlich-rechtlichen Gebührengeldern finanziert) getäuscht.

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

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