Das Wichtigste in Kürze: Am 2. November 2026 haben russische Behörden Räume und Mitglieder der Familienföderation für Weltfrieden und Vereinigung (früher Vereinigungskirche) in mehreren Regionen durchsucht. Drei ihr zugeordnete Organisationen hatte die Generalstaatsanwaltschaft bereits im Oktober zu „unerwünschten Organisationen“ erklärt. Nach Japans Auflösungsbeschluss und dem Strafverfahren in Südkorea ist Russland das dritte Land binnen eines Jahres, das massiv gegen dieselbe Glaubensgemeinschaft vorgeht – und das erste an Europas Außengrenze.
Was in Russland passiert ist
Die Durchsuchungen fanden laut russischen Medien in sieben Regionen statt, darunter Moskau, Sankt Petersburg, Jekaterinburg und Iwanowo. Gläubige und Mitarbeitende wurden vernommen. Betroffen sind neben der Kirche selbst die Universal Peace Federation und die Women’s Federation for World Peace. Grundlage ist das russische Gesetz über „unerwünschte Organisationen“; wer für eine solche Organisation tätig ist, macht sich nach Art. 284.1 des russischen Strafgesetzbuchs strafbar.
Die Begründung folgt einem bekannten Muster: Ein russischer Sektenexperte bezeichnete die Friedensföderation als getarntes Geheimdienstnetzwerk, eine Beraterin eines kremlnahen Sektenverbands stufte die Gemeinschaft als „destruktiv“ und „totalitär“ ein. Die regierungsnahe Zeitung Izvestia legte nahe, das Vorgehen könne eine Reaktion auf die humanitäre Hilfe der Gemeinschaft in der Ukraine sein. Nur zwei Wochen zuvor hatte es eine ähnliche Razzienwelle gegen Scientology in über zehn Regionen gegeben.
Eine Retourkutsche gegen die EU – und ihre gescheiterte Ausgrenzungspolitik
Aus Sicht von FOREF ist das Vorgehen Moskaus auch eine politische Retourkutsche. Die Europäische Union setzt seit 2022 auf Ausgrenzung: Sanktionen, Abbruch der Dialogkanäle, Isolation. Diese Politik hat Russlands Kurs nicht verändert. Stattdessen antwortet Moskau mit Gegenmaßnahmen gegen alles, was als westlich vernetzt gilt – und trifft damit international organisierte, gesellschaftlich stigmatisierte Gruppen, die sich weder wehren noch auf diplomatischen Schutz verlassen können. FOREF steht dafür für den Dialog.
Die Leidtragenden sind nicht Regierungen, sondern russische Gläubige, die nun wegen Gottesdiensten und Hausandachten strafrechtlich verfolgt werden können. Dass die Gemeinschaft Hilfe in der Ukraine geleistet hat, macht sie in dieser Logik zum Gegner. Die Religionsfreiheit wird so zum Spielball geopolitischer Konflikte.
Japan, Korea, Russland: eine Kette, die näher rückt
Wer nur auf Russland schaut, übersieht das Muster. Die Eingriffe gegen dieselbe Gemeinschaft folgen geografisch und zeitlich aufeinander:
- Japan: Nach dem Attentat auf Ex-Premier Shinzo Abe 2022 beantragte die Regierung die Auflösung der Familienföderation. Das Tokioter Obergericht bestätigte sie im März 2026, der Oberste Gerichtshof im Juni 2026. Es ist das erste Mal, dass in Japan eine Religionskörperschaft wegen zivilrechtlicher Delikte – hier umstrittener Spendenpraktiken – aufgelöst wurde, ohne dass eine Straftat festgestellt war. Kirchen wurden von Liquidatoren übernommen.
- Südkorea: Im Ursprungsland der Gemeinschaft wurde Leiterin Hak Ja Han im September 2025 verhaftet. Am 31. August 2026 verurteilte sie ein Seouler Gericht zu zwei Jahren Haft wegen Verstößen gegen das Parteienfinanzierungsgesetz, Bestechung und Veruntreuung; Hintergrund ist die Affäre um die Ehefrau des abgesetzten Präsidenten Yoon. Beobachter rechnen damit, dass auch in Korea eine Auflösung diskutiert wird.
- Russland: Einstufung als „unerwünscht“ im Oktober 2026, landesweite Razzien im November 2026.
Die Begründungen unterscheiden sich – Spendenpraxis, Korruption, angebliche Spionage. Gemeinsam ist ihnen, dass am Ende nicht einzelne Verantwortliche, sondern eine ganze Glaubensgemeinschaft samt ihrer Mitglieder getroffen wird. Und jedes Verfahren dient dem nächsten als Rechtfertigung: Wer in Japan aufgelöst ist, gilt anderswo als „bewiesen gefährlich“.
Warum das Europa betrifft
Mit Russland hat diese Entwicklung die Außengrenze der EU erreicht. Europa ist auf dem Papier gut geschützt: Art. 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention und Art. 10 der EU-Grundrechtecharta garantieren die Religionsfreiheit, auch für kleine und unbeliebte Gemeinschaften. Doch auch hier wächst der Druck – über „Sekten“-Debatten, Beobachtungslisten, Förderausschlüsse und eine Sprache, die ganze Gruppen pauschal verdächtig macht.
FOREF warnt deshalb vor zwei Fehlern: Erstens, die Vorgänge in Japan, Korea und Russland als ferne Einzelfälle abzutun. Zweitens, sie als Vorbild zu nehmen. Strafbares Verhalten Einzelner ist zu verfolgen – mit rechtsstaatlichen Mitteln gegen die Verantwortlichen. Die Auflösung oder Kriminalisierung einer ganzen Gemeinschaft dagegen trifft Gläubige, die nichts verbrochen haben.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist die Familienföderation für Weltfrieden und Vereinigung? Eine 1954 in Seoul von Sun Myung Moon gegründete Religionsgemeinschaft, früher als Vereinigungskirche bekannt. Seit Moons Tod 2012 wird sie von seiner Witwe Hak Ja Han geleitet.
Was bedeutet „unerwünschte Organisation“ in Russland? Eine Einstufung durch die Generalstaatsanwaltschaft, die jede Tätigkeit für die Organisation in Russland verbietet. Mitwirkung kann mit Geld- und Freiheitsstrafen geahndet werden.
Warum wurde die Gemeinschaft in Japan aufgelöst? Japanische Gerichte sahen über Jahre rechtswidrige Spendenwerbung mit erheblichem Schaden. Die Auflösung stützt sich auf Zivilrecht, nicht auf eine strafrechtliche Verurteilung.
Droht so etwas auch in Europa? Rechtlich sind die Hürden in der EU durch EMRK und Grundrechtecharta hoch. Politisch nehmen Stigmatisierung und Ausschlüsse aber zu – deshalb beobachtet FOREF die Entwicklung genau.
Quellen
- Washington Times: Themenseite Family Federation
- Washington Times: Russia probes Family Federation (2.11.2026)
- Izvestia: Durchsuchungen in sieben Regionen (1.11.2026)
- Izvestia: Durchsuchungen bei Anhängern (2.11.2026)
- Kyunghyang: Oberster Gerichtshof Japans bestätigt Auflösung (23.6.2026)
- Washington Post/AP: Zwei Jahre Haft für Hak Ja Han (31.8.2026)
- UPI: Japanese court dissolves Unification Church. Will Korea be next? (6.3.2026)