Kurz gesagt: Viele Menschen wenden sich nicht vom Glauben ab, sondern von der Art, wie über ihn gesprochen wird. Das betrifft die Sprache in Gemeinden ebenso wie die Sprache, mit der Politik und Medien über religiöse Minderheiten urteilen.
Am 28. Oktober 2026 veröffentlichte die Islamische Zeitung den Essay „Ermüdet durch die Religiösen" des Kölner Islamwissenschaftlers Dr. Muhammed Mustafa Yüksel. Das Forum Religionsfreiheit (FOREF) hält seine Selbstkritik für wichtig – und ergänzt sie um eine Perspektive, die im Essay fehlt.
Was sagt der Essay von Muhammed Mustafa Yüksel?
Yüksel argumentiert, dass junge Menschen weniger von der Religion selbst ermüdet sind als von einer harten, belehrenden religiösen Sprache. Wo Fragen als verdächtig und Widerspruch als Rebellion gelten, verliert Religion ihre Glaubwürdigkeit.
Er kritisiert außerdem religiöse Institutionen, deren Besitz, Ämter und Einfluss sich vom Dienst am Menschen lösen können. Als Maßstab verweist er auf den Koran (Sure 16:125): zum Glauben einladen mit Weisheit und guter Ermahnung, nicht mit Druck.
Wenden sich junge Menschen wirklich von der Religion ab?
Ja, die Daten zeigen einen klaren Rückgang – allerdings nicht nur der Kirchenbindung, sondern der Religiosität insgesamt. Laut der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU 6) schreiben sich nur 13 Prozent der Menschen in Deutschland eine hohe Religiosität zu; 56 Prozent sind säkular orientiert.
Der Auswertungsband von Dezember 2024 findet keinen Hinweis, dass kirchenferne Spiritualität den Schwund ausgleicht. Eine bessere Sprache allein wird den Trend also kaum umkehren. Sie entscheidet aber darüber, ob Suchende überhaupt noch zuhören.
Ist Religion trotzdem eine Ressource für die Gesellschaft?
Ja. Der Religionsmonitor 2026 der Bertelsmann Stiftung untersucht erstmals den Zusammenhang von Religiosität und gesellschaftlichem Zusammenhalt und findet bei religiösen Menschen einen stärkeren Zusammenhalt. Befragt wurden im März 2026 5.231 Personen.
Das stützt Yüksels Grundgedanken: Religion kann Halt, Gemeinschaft und Engagement stiften – wenn sie Menschen einlädt, statt sie zu kontrollieren. Die Islamische Zeitung hat die Studie unter dem Titel „Engagiert, aber auf Distanz" eingeordnet.
Welche Rolle spielt die öffentliche Sprache über Religion?
Eine große. Religiöse Menschen ermüden nicht nur an harten Predigten, sondern auch an einer Öffentlichkeit, die Glauben vorschnell als Gefahr markiert. Etiketten wie „Sekte" oder pauschale Verdachtsbegriffe wirken nach demselben Muster, das Yüksel nach innen kritisiert: Wer abweicht, wird zum Problem erklärt.
Bereits 1998 stellte die Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen" des Deutschen Bundestages (Drucksache 13/10950) fest, dass der Sektenbegriff unscharf und missverständlich ist. FOREF spricht deshalb von „gesellschaftlich stigmatisierten Gruppen". Wie schnell Religion zum Verdachtsfall wird, beschreibt auch der IZ-Beitrag „Wenn Religion zum Verdacht wird".
Was bedeutet das für die Religionsfreiheit?
Religionsfreiheit schützt beides: die Freiheit zu glauben und die Freiheit zu zweifeln oder zu gehen. Art. 4 des Grundgesetzes garantiert die Glaubens- und Gewissensfreiheit; das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften (Art. 140 GG i. V. m. Art. 137 Abs. 3 WRV) erlaubt ihnen, ihre Angelegenheiten selbst zu ordnen.
Die Grenze verläuft dort, wo Zweifel mit Druck, nicht vorhersehbarer (!) Isolation oder Drohungen beantwortet wird. Eine Gemeinschaft, die Fragen aushält, schützt die Freiheit ihrer Mitglieder. Ein Staat und eine Öffentlichkeit, die Minderheiten fair beschreiben, schützen die Freiheit aller.
Was ist eine gute religiöse Sprache?
Eine gute religiöse Sprache hört zu, bevor sie urteilt, und nimmt die Fragen der Gegenwart ernst. Yüksel nennt Krieg, Ungleichheit, Klimakrise, Einsamkeit und Zukunftsangst als Themen, an denen sich Religion messen lassen muss.
Aus Sicht von FOREF gehören drei Prüfsteine dazu:
- Transparenz: Wie gehen Leitung und Institution mit Geld, Macht und Kritik um?
- Freiheit: Dürfen Mitglieder zweifeln, widersprechen und ohne Nachteile austreten?
- Fairness nach außen: Beschreiben Medien, Behörden und Beratungsstellen Gemeinschaften nach überprüfbaren Fakten statt nach Etiketten?
Fazit: Glaubwürdigkeit ist keine Einbahnstraße
Yüksels Essay ist ein ehrlicher Anstoß zur Selbstkritik, der weit über den Islam hinaus gilt. Seine Aussagen treffen meiner Meinung nach auch andere Religionen. Doch Vertrauen entsteht, wenn religiöse Gemeinschaften einladend sprechen und die Gesellschaft fair über sie spricht. Beides ist eine Frage der Religionsfreiheit – und beides lässt sich lernen. Weniger Predigen, mehr Diskutieren könnte ein Lösungsansatz sein. Wer junge Menschen in ihren Aussagen und Zweifeln ernst nimmt, nimmt sie als Menschen ernst. Und hiervon profizieren Religionen.
FAQ
Warum wenden sich junge Menschen von der Religion ab?
Neben Säkularisierung und Individualisierung nennen Beobachter wie M. M. Yüksel eine als hart und bevormundend erlebte religiöse Sprache. Studien wie die KMU 6 zeigen zudem einen generellen Rückgang der Religiosität.
Was steht in Sure 16:125?
Der Vers fordert, zum Weg Gottes mit Weisheit und schöner Ermahnung einzuladen. Yüksel nutzt ihn als Maßstab für eine einladende statt einschüchternde Glaubensvermittlung.
Warum lehnt FOREF den Begriff „Sekte" ab?
Der Begriff ist unscharf und emotional aufgeladen, wie schon die Enquete-Kommission des Bundestages 1998 festhielt. FOREF verwendet stattdessen „gesellschaftlich stigmatisierte Gruppen".
Darf eine Religionsgemeinschaft den Austritt erschweren?
Nein. Gemeinschaften dürfen ihre inneren Regeln selbst bestimmen, aber niemanden durch Zwang, Drohung oder Isolation am Austritt hindern; das schützt Art. 4 GG.
Was zeigt der Religionsmonitor 2026?
Die Studie der Bertelsmann Stiftung (5.231 Befragte, März 2026) verbindet Religiosität erstmals mit gesellschaftlichem Zusammenhalt und findet bei religiösen Menschen einen stärkeren Zusammenhalt.
Weitere Beiträge zu Religionsfreiheit und stigmatisierten Gruppen finden Sie auf foref.info.
Quellen
- Islamische Zeitung: Essay „Ermüdet durch die Religiösen" (28.10.2026)
- Bertelsmann Stiftung: Religionsmonitor 2026
- EKD: 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung
- evangelisch.de: Religiosität in Deutschland nimmt weiter ab (10.12.2024)
- Deutscher Bundestag: Endbericht der Enquete-Kommission, Drs. 13/10950
- Grundgesetz Art. 4