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Mormonen-Splittergruppe eine "Sekte"?

Mormonen-Splittergruppe eine "Sekte"?
Symbolbild, KI generiert

Der Blick berichtet mit markigen Worten per Video über die im 20. Jahrhundert von den Mormonen (offizieller Name "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage", LDS) abgespaltene Splittergruppe "Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage", kurz "FLDS". Gefährlich ist dieser beliebige Beitrag, weil er kritische Aspekte verschweigt und nur oberflächlich polemisiert.

Der markige Titel dabei:

"32-Jährige hat vier Mütter und 44 Geschwister -Janet Z. wuchs in einer polygamen Sekte auf"

Eine Grossfamilie wie die von Janet Z. mit 44 Geschwistern gibt es heutzutage kaum noch. Die 32-jährige wuchs in der polygamen Splittergruppe der fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (FLDS) auf. Ihre Erfahrungen teilt sie öffentlich.

Doch halten die Inhalte das, das dieser schriftliche Teaser verspricht? Wir haben uns das Video für Euch angeschaut. Und außer, dass erwähnt wird dass FLDS eine "Sekte" ist und der Vater das Oberhaupt oder später der Ehemann und dass sie mit vielen Geschwistern aufwuchs, sind in den 2 Minuten keine Inhalte vorhanden.

Polygamie mag ein ethisch-moralisches oder ein rechliches Problem sein. Dies aus religiöser Sicht zu bewerten verbietet sich aber.

Und trotzdem ist dieser Beitrag, dessen Bezug zur Schweiz mir nicht klar ist, gefährlich. Denn wirklich besorgniserregende Inhalte von Warren Jeff, dem Oberhaupt der Gemeinschaft, werden nicht zitiert:

"Experten zufolge begann Jeffs im vergangenen Jahr, neue Offenbarungen oder Prophezeiungen zu veröffentlichen, die ABC News vorliegen. Dazu gehört eine vom vergangenen Juni, in der die Kinder ehemaliger Mitglieder aufgefordert werden, in die Gemeinschaft zurückzukehren, sowie eine weitere vom August, in der die Mitglieder der FLDS dazu aufgefordert werden, in den nächsten fünfeinhalb Jahren zu sterben, um in den Himmel zu gelangen."

ABCnews.com

Mir war es in der kürze der Zeit unmöglich, die Richtigkeit dieser Aussagen zu prüfen. Eine Aufforderung "in den Himmel zu gelangen" wäre ebenso ein gefährlicher Aspekt, der für eine problematische Sekte sprechen könnte wie wenn sich die Vorwürfe, dass Kinder von Aussteigern nach dieser Prophezeiung "verschwunden" sind (ABCnews aaO) richtig wären.

An dieser Stelle müsste ich dann Prof. Dr. Brünner, Gründungspräsident von FOREF aus seinem Sektengutachten zitieren:

Um nicht missverstanden zu werden, möchte ich Folgendes festhalten: Auch ich lehne den (oft tödlichen) Fanatismus von Sektenführern[1], die manchmal feststellbare rechtsextreme, faschistische Unterwanderung esoterischer Bewegungen, die ökonomische Ausbeutung von Menschen unter religiösem oder welchem Vorwand auch immer, das Zerbrechen von Individualität und Personalität unter religiösen oder welchen Vorzeichen auch immer, das Abhängigmachen des Menschen in psychischer, emotionaler, geistiger Hinsicht in religiösen oder in welchen Gemeinschaften auch immer, ab. Ich lehne es aber auch ab, jede (minderheits)religiöse Gemeinschaft, die nicht der mainstream - Religion oder -Konfession entspricht, als "Sekte" zu verunglimpfen und unter dem Deckmantel der Sektenbekämpfung das fundamentale Recht, die eigene Spiritualität und Religiosität allein oder in Gemeinschaft mit anderen zu leben, einzuschränken.

Uneingeschränkte und unbegründete (insbesondere wenn der Begriff verwendbar wäre!) Verwendung des Begriffes "Sekte" kann eine gefährliche Verharmlosung nach sich ziehen. Übertreiben wie untertreiben sind beides unwissenschaftliche Aspekte, die der grundrechtlichen Bedeutung nicht gerecht werden.

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

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