In seinem Beitrag „Wenn Glaube absolut wird – wie sektenhafte Dynamiken entstehen“ setzt sich der Schweizer Journalist und "Sektenexperte" Hugo Stamm mit den Gefahren auseinander, die von dogmatischem Glauben und dem Streben nach absoluten Wahrheiten ausgehen sollen. Stamm argumentiert aus seiner nichtreligiösen Sicht, dass das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit in Unsicherheitszeiten oft dazu führe, Erlösung in religiösen oder sektenhaften Gruppierungen zu suchen. Weil religiöse Dogmen jedoch auf unbeweisbaren Annahmen fußten und jegliche Hinterfragung vermeiden müssten, bergen sie nach Stamm zwangsläufig einen Absolutheitsanspruch, der in Radikalismus, Fanatismus und sektenhaften Machtstrukturen münden könne.
So berechtigt unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit Stamms Warnung vor ideologischer Verengung, Machtmissbrauch und Fanatismus auch ist, offenbart der Artikel bei genauerer Betrachtung eine eigene intellektuelle Schwachstelle: Der Autor verfällt in seiner Argumentation streckenweise genau jenem Absolutheitsanspruch, den er der Gegenseite vorwirft, ohne andere epistemologische und philosophische Sichtweisen zuzulassen oder differenziert zu diskutieren. Ob er sich zudem ausreichend mit den theologisch-historischen Hintergründen der kritisierten Religionen auseinandersetzt, um zur Annahme einer "Vermeidung jeglichen Hinterfragens" zu kommen, ist zweifelhaft, erlebe ich doch recht oft genau solches Hinterfragen im theologischen Diskurs.
Die Kernargumente von Hugo Stamm
Stamm baut seine Argumentation im Wesentlichen auf vier Pfeilern auf:
- Psychologische Ursachen: Unsicherheit und Angst treiben Menschen in die Arme von Ideologien, die unumstößliche Antworten und Gewissheiten versprechen.
- Erkenntnistheoretischer Konflikt: Glaube und Wahrheit schließen sich nach Stamm aus. Während naturwissenschaftliche Erkenntnisse stets vorläufig und korrigierbar seien, fixierten Religionen ihre Lehren als unfehlbar.
- Zwang zum Absolutheitsanspruch: Da göttliche Offenbarungen als irrtumsfrei gelten, müsse jede religiöse Gemeinschaft im Kern einen Absolutheitsanspruch erheben. Dieser führe psychisch zur Überforderung und soziologisch zu sektenhaften Dynamiken.
- Gefahrenpotenzial: Der Führungs- und Machtanspruch religiöser Systeme führe pervertierend zur Aufhebung eigener ethischer Gebote (wie Nächstenliebe) und begünstige Extremismus, staatliche Repression (wie im Iran) oder Gewaltkonflikte.
Gegenargumente und Kritik an Stamms Methodik
Obwohl Stamms Beobachtungen bei seltenen, kriminell anmutenden Strukturen und extremsten Glaubensformen zweifellos zutreffen, weist seine verallgemeinernde Analyse deutliche Schwachstellen auf.
1. Der eigene Absolutheitsanspruch des Autors
Stamm stellt Thesen auf, die er als allgemeingültige Tatsachen präsentiert, ohne Raum für Gegenbeispiele oder alternative Interpretationsansätze zu lassen. Formulierungen wie „Es geht also bei Religionen und Glaubensgemeinschaften ausnahmslos um den Absolutheitsanspruch. Sonst wäre es kein religiöser Glaube“ lassen keinen Diskurs zu. Stamm definiert den Begriff der Religion schlicht so um, dass er zwangsläufig in sein Schema passt. Wer jede Form von Glauben per Definition als absolut und potenziell sektenhaft festlegt, betreibt selbst eine Form von begrifflicher Dogmatik. Dadurch wird der Humanismus selbst zur sektenhaften Denk- und Sichtweise.
2. Pauschalisierung und Vernachlässigung differenzierter Glaubensformen
Stamm ignoriert die Vielfalt moderner theologischer und philosophischer Ansätze. Viele religiöse Strömungen – etwa im liberalen Protestantismus, im aufgeklärten Judentum oder im reformorientierten Islam – reflektieren die eigene Fehlbarkeit explizit. Das Konzept des Sola Fide oder moderne Hermeneutiken betrachten Glauben gerade nicht als gesichertes Wissen, sondern als existenzielle Haltung, die Zweifel nicht ausschließt, sondern einschließt. Indem Stamm den Glauben auf naive Projektionen oder Halluzinationen reduziert, blendet er Jahrhunderte von Religionsphilosophie aus. Das ist angesichts der Tatsache, dass er weder Theologe, noch Soziologe oder Psychologe ist, auch nicht verwunderlich. Gleichwohl sollte ein "Journalist" und "Experte" dann Rat einholen, wenn das eigene Wissen nicht ausreicht.
3. Missverständnis wissenschaftlicher und religiöser Erkenntnisbereiche
Stamm zieht die Naturwissenschaft als Ideal der dynamischen Wahrheitsfindung heran. Dabei übersieht er jedoch, dass Religionen und Naturwissenschaften meist unterschiedliche Fragen beantworten. Während Naturwissenschaften das Wie der materiellen Welt untersuchen, behandeln Religionen und Philosophien Fragen nach Sinn, Werteorientierung und Moral (Warum). Ein wissenschaftlicher Positivismus, der nur das empirisch Messbare als gültig anerkennt, stellt selbst ein weltanschauliches Postulat dar, das innerhalb der Wissenschaftstheorie keineswegs unumstritten ist.
4. Kausalität und Verwechselung von Phänomenen
Nicht jeder Absolutheitsanspruch führt zwangsläufig zu sektenhaften Dynamiken, und nicht jede sektenhafte Dynamik benötigt einen religiösen Glauben. Das Gegenteil dürfte eher die Regel als die Ausnahme sein.
Zudem hat das 20. Jahrhundert auch gezeigt, dass strikt atheistische oder rein säkulare Ideologien (wie bestimmte politische Totalitarismen) ausgeprägte Absolutheitsansprüche, Personenkulte und sektenhafte Strukturen ausbilden können. Die Ursache für Fanatismus liegt somit oft eher in sozialpsychologischen Mechanismen und Machtstrukturen als zwingend im religiösen Inhalt selbst.
Fazit
Hugo Stamms Artikel liefert wie so oft nur lautstarke Impulse, ohne eine fundierte kritische Auseinandersetzung mit anderen Sichtweisen, ideologischen Verfestigungen und Fanatismus.
Seine Mahnung, die Entstehung sektenhafter Dynamiken wachsam zu beobachten, ist nachvollziehbar, löst aber nicht das Problem, dass eben nicht das, was er als sektenhaft versteht, auch sektenhaft sein muss.
Um jedoch einer echten Diskussion gerecht zu werden, müsste die Kritik an Dogmen selbst dogmenfrei bleiben und eine nachprüfbare Definition von Sekte oder "sektenhaft" erfolgen - wie wir es mehrfach ausgeführt haben. Indem Stamm jeglichem, auch unproblematischem Glauben pauschal jegliche Legitimität abspricht und jede religiöse Praxis unter den Generalverdacht des Absolutheitsanspruchs stellt, schließt er den Dialog mit all jenen aus, die Glauben reflektiert, offen und ohne Unterdrückungsanspruch leben. Eine wirklich neutrale Betrachtung muss anerkennen, dass nicht der Glaube an sich das Problem darstellt, sondern das Fehlen von Selbstkritik – eine Gefahr, vor der auch die Religionskritik selbst nicht gefeit ist.