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Beitrag Wahaj Bin Sajid, 22.08.2026

Beitrag Wahaj Bin Sajid, 22.08.2026
Wahaj Bin Sajid (Photo: privat)

"Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitstreiter für Religionsfreiheit,

ich spreche heute für die Ahmadiyya Muslim Jamaat – eine muslimische Reformgemeinde mit 60 Tausend Mitglieder in Deutschland und mehreren zehn Millionen Anhänger in über 200 Ländern. Geleitet wird sie vom Khalifen Mirza Masroor Ahmad unter dem Motto

„Liebe für alle, Hass für keinen“.

Liebe Freunde, Wenn wir heute der Opfer von Gewalt aus religiösen oder
weltanschaulichen Gründen gedenken, dann denken wir in erster Linie an persönliche Schicksale. Für mich trägt dieser Gedenktag ein Gesicht: das Gesicht meines Cousins Nasir Mahmood Khan.

Nasir war Unternehmer, Inhaber einer Druckerei in Lahore; Ehemann und Vater von drei kleinen Söhnen. Er war ein lebensfroher, gläubiger Mensch. Sein vermeintliches Verbrechen: Er nannte sich Muslim – genauer: Ahmadi-Muslim.

Am 28. Mai 2010 war ein Freitag wie viele andere. Nasir arbeitete am Vormittag in seiner Druckerei. Wie so oft machte er mittags zu, setzte sich ins Auto und fuhr zum Freitagsgebet in die Darul-Zikr-Moschee. Er kam an, nahm seine Waschung, betrat den Gebetsraum. Der Imam hatte gerade begonnen, die Predigt zu halten, als plötzlich Schüsse fielen.

Bewaffnete Männer stürmten die Moschee. Zeitgleich griffen andere Angreifer eine zweite Ahmadi-Moschee in der gleichen Stadt Lahore an, die Bait-ul-Nur-Moschee, in der sich einer von von Nasir kleinen Söhne, zusammen mit seinem Großvater aufhielt. Die Attentäter kamen hochbewaffnet mit Sturmgewehren, Handgranaten und
Sprengstoffwesten. In zwei Stunden wurden 94 Ahmadi-Muslime ermordet und mehr als 120 schwer verletzt.

In der Darul-Zikr-Moschee suchte eine Gruppe von Männern, darunter auch Nasir, Schutz unter einer Treppe. Sie kauerten dort, während über ihnen Schüsse fielen und Explosionen das Gebäude erschütterten.

Die verschiedenen Vertreter des ersten Panels (Bild: Privat)

Einer der Angreifer bemerkte die Gruppe, zog eine Handgranate und warf sie in ihre Richtung.

In diesem Moment traf Nasir eine Entscheidung, die wir als Familie bis heute kaum begreifen und die doch zu ihm passt: Er sprang vor, riss die Granate an sich, um diese von den anderen zurückzuwerfen. Er schaffte es nicht mehr. Die Granate explodierte in seiner Hand. Seine Mitgläubigen konnten sich retten. Nasir starb auf der Stelle

Zurück blieben seine Familie und eine Gemeinde, die erlebt hat, wie jemand im letzten Moment sein Leben für andere einsetzt.

Um zu verstehen warum Nasir sterben musste, muss man sehen, in welchem
gesellschaftlichen und rechtlichen Umfeld Ahmadis in Pakistan leben.

Im Kern geht es um eine theologische Frage: um den quranischen Begriff „khatam
an-nabiyyin“ – das „Siegel der Propheten“.

Die Mehrheit der Muslime versteht diesen Begriff so, dass nach dem Propheten
Muhammad niemand mehr als Prophet auftreten kann.

Ahmadi-Muslime verstehen den Begriff „Siegel der Propheten“ qualitativ – als
Vervollkommnung der Prophetenschaft – und sehen in ihrem Gemeindegründer den verheißenen Messias und einen Prophet.

In einem freiheitlichen System wäre das eine theologische Debatte. In Pakistan wurde daraus Staatsdoktrin.

1974 erklärte das pakistanische Parlament Ahmadis per Verfassungsänderung zu
Nicht-Muslimen – gegen ihr eigenes Selbstverständnis.

Ein einmaliger Vorgang: Ein weltliches Parlament entschied, wer zu einer Religionsgemeinschaft gehört.
Wer einen Pass beantragen will, muss den Gemeindegründer als „betrügerischen,
falschen Propheten“ bezeichnen, also seinen eigenen Glauben verleugnen. im
Passdokument markiert der Eintrag „Ahmadi“ sie als Minderheit– und macht sie damit angreifbar.

Seit 1984 kriminalisieren die Blasphemiegesetze unsere Religionsausübung: Ahmadis dürfen ihre Gotteshäuser nicht Moschee nennen, den Adhan nicht rufen, keine islamischen Terminologie verwenden und sich nicht Muslime nennen – darauf stehen bis zu drei Jahre Haft. Bei angeblicher Beleidigung des Propheten droht nach Artikel 295-C die Todesstrafe. Selbst beim Wahlrecht werden wir ausgeschlossen: Auf den Wahllisten müssen wir uns als „Nicht-Muslime“ registrieren, sonst dürfen wir nicht wählen – faktisch heißt das, entweder wir verleugnen unseren Glauben oder wir verlieren unser Wahlrecht. Über Jahrzehnte wird ein Klima geschürt, in dem Ahmadis als Verräter am Islam gelten.
Wir werden als „Agenten der Briten oder Juden“ dargesteltt und müssen als Sündenböcke für alles herhalten, was im Land schief läuft.
Wir sind stigmatisiert – und können uns gegen diesen geschürten Hass nicht wehren, weil jede öffentliche Aktivität kriminalisiert werden kann.

Die Anschläge von Lahore 2010 waren kein Ausreißer. Seit den 70er Jahren hat die
Verfolgung fortlaufend stattgefunden: Hunderte Ahmadis wurden umgebracht.
• Ahmadi-Moscheen und -Häusern werden zerstört, durch gewalttätige Mobs und
unter Beteiligung der Polizei selbst.
• Grabschändungen finden statt, Bestattungen auf Friedhöfen werden verweigert.
• Ahmadis werden in allen Lebensbereichen diskriminiert.
• Sie sitzen wegen Blasphemie in Haft – weil sie Koran rezitieren, islamische Begriffe wie „Assalam o Alaikum“ verwenden, weil sie sich wie Muslime verhalten.

Sie werden dann wegen „Verletzung von religiösen Gefühlen“ angezeigt, und sitzen
Jahre im Gefängnis oder sogar in Todeszellen.
Seit den 70er-Jahren flohen viele Ahmadis aus Pakistan, auch meine Eltern. Deutschland ist für uns ein Land der Hoffnung – das Land, in dem wir unsere Religion ohne Angst ausüben und wo wir uns als Religionsgemeinschaft organisieren konnten.
Mit Artikel 4 GG, der die ungestörte Religionsausübung garantiert, und einem
Religionsverfassungsrecht, das echte Kooperationen mit Religionsgemeinschaften
vorsieht.
Wir sehen aber eine weitere Spannung:
Obwohl die Verfolgung von Ahmadis gut dokumentiert ist, werden ihre Asylanträge in der ersten Instanz vom BAMF in über 95% der Fälle abgelehnt, um dann in einem Klageverfahren vor Gerichten wieder in über 95% der Fälle anerkannt zu werden.
Für die Betroffenen bedeutet das jahrelange Unsicherheit – obwohl später anerkannt wird, dass Schutz notwendig gewesen wäre.

Und trotzdem: Viele von uns haben hier Wurzeln geschlagen und tragen dieses Land aktiv mit.

Meine Eltern und viele andere haben hier in Deutschland mit aufgebaut, was die AMJ heute ist.
• die älteste aktive muslimische Gemeinde,
• die erste muslimische Körperschaft des öffentlichen Rechts,
• und in vielen Bereichen Vorreiterin: mit Imam-Ausbildungsinstitut, muslimischen Wohlfahrtsverband und einer großen bundesweiten muslimischen Frauenorganisation und vieles mehr
• 155 Imame sind in 300 Lokalgemeinden und in 90 Moscheen aktiv

Wir sind:
• anerkannt als Körperschaft des öffentlichen Rechts,
• vertreten in der Deutschen Islamkonferenz,
• Partner der hessischen Landesregierung beim islamischen Religionsunterricht,
• und aktiv in verschiedenen Gremien.

Und wir versuchen, aus unserem Glauben heraus praktische Verantwortung zu
übernehmen:

Ob im Ukraine-Krieg, in Gaza oder nach dem Erdbeben in der Türkei: Über unsere
Hilfsorganisation Humanity First und mit ehrenamtlichen Ärzten und Ingenieure aus Deutschland betreiben wir medizinische Camps und Projekte der Wasser- und
Energieversorgung, etwa in Afrika. Hier in Deutschland waren unsere Gemeindemitglieder beim Ahrtal-Hochwasser tagelang im Einsatz. Mit unseren Charity Walks unterstützen wir lokale Kinderkrebseinrichtungen. Wir helfen Obdachlosen, organisieren
Blutspendeaktionen, pflanzen Bäume und räumen zu Neujahr die Straßen auf. Zu 95% besteht all diese Arbeit aus Ehrenamt.
All das tun wir aus religiöser Überzeugung, und all das ist möglich, weil dieses Land uns Religionsfreiheit und Teilhabe gewährt.
Und das gilt auch für andere muslimische Gemeinden: Millionen Muslime engagieren sich in rund 3.000 Moscheegemeinden tagtäglich vor Ort mit sozialen Angeboten, meist ehrenamtlich und mit starker Beteiligung der Jugend. Wer diese Moscheegemeinden pauschal als integrationsfeindlich oder als Brutstätten der Radikalisierung darstellt, diffamiert damit Hunderttausende junge Menschen, die dort Verantwortung übernehmen.

Manche Muster der Ausgrenzung die wir aus Pakistan kennen, finden wir hier in neuer Form wieder – nicht als staatliche Strafgesetze, sondern als antimuslimischen Rassismus und als Dauerthema in Politik und Medien.
Ich gehöre zu einer ganzen Generation von deutschen Muslimen, die seit über 25
Jahren in einer Spirale aus Distanzierungsdruck, rassistischen Erzählungen,
Ausgrenzung und Ohnmachtsgefühlen lebt.
Der Islam wird immer nur als Integrationshindernis, als Sicherheitsrisiko und als Gefahr für die freiheitlich-demokratische Grundordnung erzählt.
Und das kommt nicht nur von der AfD. Auch andere tragen dazu bei, dass Muslime nur durch die Brille von Extremismus gesehen werden. Wir brauchen die AfD nicht, um Muslime zu diffamieren – das schaffen andere genauso wirksam.

Der Anschlag von Hanau, nur wenige Kilometer von hier, hat diese Entwicklung
brutal sichtbar gemacht. Die Bundesregierung setzte damals einen Unabhängigen
Expertenkreis Muslimfeindlichkeit ein. Sein Bericht kommt zu einem klaren Befund:
Antimuslimischer Rassismus ist kein Randphänomen, sondern ein Querschnittsphänomen und in der Mitte unserer Gesellschaft; jede zweite Person stimmt mindestens einer
muslimfeindlichen Aussage zu. In einem Jahr fanden über 3.000 antimuslimische Vorfälle statt, darunter mehr als 70 Angriffe auf Moscheen, alleine drei Angriffe auf Ahmadi-Moscheen innerhalb nur eines Monats, jetzt im Sommer. Stark betroffen sind auch muslimische Frauen in allen Lebensbereichen.
Studien zeigen: Viele gut ausgebildete, beruflich erfolgreiche Muslime denken ernsthaft über Auswanderung nach. und zugleich ist ein großer Teil der muslimischen Bevölkerung sehr jung. Rund 45 Prozent der Muslime in Deutschland sind jünger als 25 Jahre; ihr Altersdurchschnitt liegt bei 32 Jahren, im Vergleich zu 44 in der Gesamtbevölkerung.
Wenn diese junge Generation sich frustriert, entwertet oder unerwünscht fühlt, dann haben wir hier eine echte Krise der deutschen Demokratie.

Der heutige Gedenktag sollte nicht nur der Rückblick auf erlittenes Unrecht sein, sondern auch ein Tag, an dem wir fragen: Was lernen wir daraus?

Ich benenne nur knapp drei Punkte:

  1. Außenpolitisch sollte Deutschland sich in der EU, in den Vereinten Nationen und in bilateralen Beziehungen klar und werteorientiert für weltweite Religionsfreiheit einsetzen – für alle Religionsgruppen.
  2. Innenpolitisch müssen wir antimuslimischen Rassismus ernst nehmen: Die Empfehlungen des Expertenkreises sollten umgesetzt, die polizeiliche Erfassung von Taten verbessert und eine Strategie „Sicherheit muslimischen Lebens“ entwickelt werden.
  3. Religionsverfassungsrechtlich brauchen wir echte Teilhabe: Muslimische Religionsgemeinschaften sollten – wie Kirchen – selbstverständlich Beteiligung erfahren, als Partner auf Augenhöhe.

Ich möchte mit einer kurzen Geschichte schließen, die für mich Hoffnung ausdrückt.


Der jüngste Sohn von Nasir – derselbe kleine Junge, der 2010 den Angriff in der
zweiten Moschee wie durch ein Wunder überlebte, ist heute ein 24-jähriger junger
Mann. Ashir lebt in Toronto, leitet dort die Ahmadiyya-Jugendorganisation und trägt Verantwortung für Hunderte Jugendliche. Jedes Jahr reist er mit ihnen nach England zur internationalen Jahresversammlung mit über 50.000 Teilnehmern und organisiert den Abbau des gesamten Veranstaltungsgeländes – eine Mammutaufgabe nach drei Tagen intensiver Spiritualität. Auf dem Bild sehen Sie wie Ashir für seine Arbeit als bester Jugendleiter Kanadas
ausgezeichnet wird.

Ein Terrorist in Lahore wollte 2010 ein Leben auslöschen.

Was er erreicht hat, ist etwas anderes: einen jungen Mann, der trotz traumatischer Erfahrung nicht im Hass landet, sondern Verantwortung übernimmt, andere Jugendliche motiviert, dient, Brücken baut.
Nasir wurde ermordet, weil er sich Muslim nannte und zum Freitagsgebet ging. Sein Sohn steht heute vor Jugendlichen in Kanada und England und lebt ihnen unser Motto vor:

„Liebe für alle, Hass für keinen.“

Vielen Dank."

Wahaj Bin Sajid und Michael Langhans (Photo: privat)
Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

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