"Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gäste,
ich möchte Ihnen meinen Dank für diese Einladung und für die Gelegenheit aussprechen, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen.
Mein Name ist Murad Murad.
Ich bin der Vorsitzende der Jesidischen Gemeinde Thüringen e.V.
Ich stamme aus Schindschar im Irak.
Und heute stehe ich vor Ihnen nicht nur als Vertreter der jesidischen Gemeinschaft.
Ich bin auch hier als Überlebender des Genozids, der am 3. August 2014 begann.
Die Jesiden gehören einer alten monotheistischen Religionsgemeinschaft an.
Unsere religiösen und kulturellen Wurzeln reichen weit in die Geschichte Mesopotamiens zurück.
Am 3. August 2014 begann der 74. Verfolgungs- und Vernichtungsfeldzug gegen die Jesiden.
Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ griff unsere Heimat Schindschar an.
Die kurdischen Peschmerga, die für den Schutz der jesidischen Bevölkerung in Schindschar verantwortlich waren, hatten sich zuvor ohne einen einzigen Schuss zurückgezogen. Infolgedessen wurde die jesidische Bevölkerung schutzlos zurückgelassen, und es kam zum Völkermord.
Tausende Menschen wurden ermordet. Frauen und Kinder wurden entführt, versklavt und verkauft. Familien wurden auseinandergerissen und unsere Dörfer wurden zerstört.
Das Ziel war es, jesidische Friedhöfe, Tempel und religiöse Heiligtümer zu zerstören.
Mehr als 2.500 yasidische Frauen, Männer und Kinder werden bis heute vermisst.
Einige Massengräber wurden bereits exhumiert. Aber seit vier Jahren warten die Familien noch immer auf die Ergebnisse der gerichtsmedizinischen Untersuchungen aus Bagdad.
Viele andere Massengräber wurden noch nicht exhumiert.
Seit zwölf Jahren leben viele vertriebene Jesiden in Behelfsunterkünften. Das Leben dort ist wie die Hölle.
Fast jedes Jahr brechen in den Flüchtlingslagern Brände aus. Infolgedessen haben viele Menschen erneut geliebte Angehörige verloren.
Die Infrastruktur in Schindschar ist weitgehend zerstört. Es mangelt an sauberem Trinkwasser, Strom und adäquater medizinischer Versorgung.
Die psychische Not innerhalb der jesidischen Gemeinschaft hat erheblich zugenommen. Viele Menschen haben die Hoffnung verloren. Es gibt zahlreiche Suizide und noch mehr Suizidversuche.
Deshalb brauchen die Jesiden dringend psychosoziale Beratungs- und Unterstützungseinrichtungen direkt hier in Schindschar.
Viele andere zerstörte Gebiete im Irak wurden wieder aufgebaut. Aber Schindschar liegt weiterhin in Trümmern – ohne eine funktionierende Verwaltung, öffentliche Dienstleistungen oder Entschädigungen.
Wir Jesiden erleben dies als Diskriminierung aufgrund unserer Religion.
Bis heute werden Jesiden wegen ihrer Religion beschimpft und bedroht. Erst vor wenigen Tagen hat ein extremistischer Kleriker erneut zur Vernichtung unserer Gemeinschaft aufgerufen.
Dies zeigt, dass Völkermord nicht mit Waffen beginnt, sondern mit Hass und Worten.

Als Jesidische Gemeinde Thüringen e.V. setzen wir seit drei Jahren Projekte in Schindschar um – darunter Trinkwasserprojekte für Schulen und ein Bildungszentrum für Kinder.
Wir benötigen außerdem dringend ein Zentrum für psychosoziale Unterstützung. Leider haben wir dafür noch keine ausreichende Finanzierung gefunden.
Wir bitten Sie, gemeinsam mit uns wichtige Projekte in Schindschar zu unterstützen: sauberes Trinkwasser, psychosoziale und medizinische Versorgung, Laborausstattung sowie Dialysegeräte für Menschen mit Nierenversagen.
Zum Abschluss hat die Jesidische Gemeinde Thüringen e.V. einen besonderen Vorschlag:
Gemeinsam mit Partnern aus diesem Forum möchten wir ein Zentrum für Religionsfreiheit und Menschenrechte in Schindschar errichten.
Im Laufe ihrer Geschichte war die jesidische Gemeinschaft immer wieder Verfolgungs- und Vernichtungsfeldzügen ausgesetzt. Im Jahr 2014 erlitt sie durch den sogenannten „Islamischen Staat“ einen Völkermord.
Das Zentrum soll ein Ort des Gedenkens, der Menschenrechtsbildung und des interreligiösen Dialogs sein – und ein starkes Zeichen gegen Hass und religiösen Extremismus.
Wir bitten Sie, diese Initiative zu unterstützen und gemeinsam mit uns in die Tat umzusetzen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit."