Bewahrung des Erbes in Zeiten der Prüfung: Die Shaolin-Tradition,
wahre Meisterschaft und die Verteidigung der Glaubensfreiheit
"Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Anwesende, liebe Brüder
und Schwestern im Geist,
mein Name ist Großmeister Shi Miao Sheng. Als Venerable Abbot,
ordentlicher Shaolin-Mönch der 36. Generation sowie 31. Nachfolger in
der ununterbrochenen Linie der Äbte stehe ich heute vor Ihnen – als
geistiges Oberhaupt und als Mensch, der sein gesamtes Leben der Lehre
des Shaolin gewidmet hat.
Meine Aufgabe ist es, eine Brücke zwischen der Wiege unserer Tradition
im Songshan-Gebirge der Provinz Henan und unserer Heimat hier in
Europa zu schlagen. Mit unserem Shaolin-Zentrum und Tempel in
Marburg haben wir einen Ort der Einkehr, des Friedens und des
interkulturellen Dialogs geschaffen.
Unsere Tradition wird seit über 1.500 Jahren durch die Stürme der
Geschichte getragen. Wenn Menschen an Shaolin denken, sehen sie oft
Akrobatik, Disziplin und Meditationshallen. Doch der Kern unserer
Philosophie ruht auf den Drei Schätzen des Shaolin:
- Chan (Buddhismus): Die Praxis der geistigen Klarheit, Stille und
des Erwachens.
- Wu (Kampfkunst): Die Bewegung als Form der Meditation, um
das eigene Ego zu überwinden.
- Yi (Traditionelle Medizin): Das Wissen um die Heilung und den
Schutz des Lebens.
Seit vielen Jahrzehnten setze ich mich dafür ein, dieses immaterielle
Kulturerbe zu schützen. Denn wir glauben fest daran: Die Prinzipien von
Achtsamkeit, Würde und Selbstbeherrschung können die Menschheit
über alle Grenzen hinweg verbinden.
Meine persönliche Betroffenheit: Die Prüfung um Meister Shi Yong Xin
Doch Glaube existiert nicht außerhalb der gesellschaftlichen Realität. In
jüngster Zeit ist unsere weltweite Gemeinschaft tief erschüttert worden.
Die Ermittlungen und die Festnahme des früheren Abtes Shi Yong Xin wegen des Vorwurfs von Veruntreuung und Verstößen gegen die Gelübde haben tiefe Wunden hinterlassen.
Heute freue ich mich jedoch, Ihnen sagen zu können, dass unser
verehrter Meister Shi Yong Xin in unseren Tempel zurückkehren konnte.
Durch mein persönliches Wirken und meinen Einsatz vor Ort war es
möglich, die Ehre unseres Meisters wiederherzustellen.
Dennoch hat diese Krise gezeigt, wie verwundbar spirituelle
Gemeinschaften sind. Wenn Führungspersönlichkeiten unter Verdacht
geraten, wird oft eine gesamte Glaubensgemeinschaft in Verruf
gebracht. Aufrichtige Praktizierende und Mönche weltweit geraten
plötzlich im öffentlichen Diskurs unter Generalverdacht und erleben
Diskriminierung sowie Schikane.

Mein Appell an die politischen Verantwortlichen
Im Sinne der UN-Resolution A/RES/73/296, die uns heute anlässlich des
Internationalen Tages zum Gedenken an die Opfer von Gewalttaten
aufgrund von Religion oder Weltanschauung zusammenführt, richte ich
einen klaren Appell an die Politik und die Zivilgesellschaft:
- Schutz vor Kollektivstrafen: Die Politik muss klar zwischen dem
mutmaßlichen Fehlverhalten Einzelner und der geschützten
Glaubenspraxis von Millionen Anhängern unterscheiden.
Traditionelle Gemeinschaften dürfen nicht pauschal verurteilt
oder politisch instrumentalisiert werden. - Aktive Gewährleistung der Religionsfreiheit: Es ist die primäre
Verantwortung der Staaten, die Rechte religiöser Minderheiten zu
schützen. Wir bitten die Politik, spirituellen Gemeinschaften
sichere Räume für die Ausübung ihrer Lehre zu garantieren – frei
von staatlicher Repression, Willkür oder unangemessener
Beeinflussung. - Unterstützung bei Transparenz und Aufarbeitung: Wir bitten
um rechtsstaatliche Unterstützung für jene innerhalb der Tempel,
die sich für Ethik, Rechtskonformität und die wahren geistigen
Werte einsetzen. - Förderung des Dialogs: Der respektvolle interkulturelle und
interreligiöse Dialog ist der einzige Weg, um Vorurteile dauerhaft
abzubauen und Versöhnung zu stiften.
Schlusswort
Äußere Stürme können den inneren Tempel nicht zerstören, solange wir
an Achtsamkeit, Aufrichtigkeit und Mitgefühl festhalten. Wahre
Meisterschaft zeigt sich in Zeiten der Prüfung. Lassen Sie uns gemeinsam
dafür einstehen, dass Räume des Glaubens und der Religionsfreiheit
weltweit geschützt bleiben.
Wie meine Lehre stets betont:
„Die wahre Meisterschaft liegt nicht darin, andere zu besiegen, sondern
den eigenen Geist zu kultivieren und Mitgefühl in die Welt zu tragen.“
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Engagement für die
Freiheit des Glaubens und die Würde jedes einzelnen Menschen.
Vielen Dank. 🙏🪷☯️📿"
