"Sehr geehrter Herr Langhaus, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder im Geiste,
wir kommen heute an diesem Gedenktag zusammen, weil uns eine tiefe, unsichtbare Wunde verbindet.
Wenn wir in diesem Raum die Augen schließen, hören wir vielleicht verschiedene Sprachen und denken an unterschiedliche Heimatorte. Aber wir alle spüren dieselbe Sehnsucht:
Die Sehnsucht nach einem Ort, an dem ein Mensch ohne Angst glauben, leben und seinen Schöpfer anrufen darf.
Ich stehe heute nicht als Fremder vor Ihnen. Ich stehe vor Ihnen als jemand, der Ihren Schmerz versteht.
Und ich DANKE dem Europäischen Forum für Religionsfreiheit von Herzen – dafür, dass Sie den Verfolgten dieser Welt nicht nur eine Bühne geben, sondern ein Zuhause des Mitempfindens.
Wenn ich an meine Kindheit und Jugend vor fast vierzig Jahren in China zurückdenke, gab es zwei Begriffe, mit denen ich damals nicht viel anfangen konnte: Religion und Freiheit.
Schon als kleines Kind auf dem Schulhof wurde uns eingetrichtert, dass Religion der Feind des Volkes sei.
Unermüdlich wiederholten unsere Lehrer den Satz von Lenin: „Religion ist Opium für das Volk – ein Mittel, um den Menschen den Verstand zu rauben und sie gehorsam zu machen.“
Wir wurden politisch gehirngewaschen. Man pflanzte mir eine tiefe Angst vor dem Glauben ein.
Doch dann kam der Tag, an dem mein geliebter Großvater starb.
Als ich vor seinem leblosen Körper stand, geschah etwas in mir. Ein unbeschreibliches Gefühl durchströmte meinen Geist. In diesem dunklen Moment der Trauer erlebte ich eine Erleuchtung.
Ich spürte plötzlich die Vergänglichkeit unseres Lebens – und ich erkannte, dass es einen höheren Sinn geben muss.
An diesem Tag spürte ich zum ersten Mal die göttliche Gegenwart. Ich entdeckte den Glauben für mein Leben.
Doch fast im selben Moment lernte ich auch die Kehrseite kennen: Ich lernte die Unfreiheit kennen.
Ich erfuhr am eigenen Leib, welchen Preis man zahlt, wenn man eine religiöse Überzeugung wagt.
Es begann schleichend.
Bereits nach der Grundschule legte der Chinesische Staat Akten über unsere „religiöse und politische Einstellungen“ an. Ich erinnere mich gut an die Verhöre durch unsere Lehrer.
Einzeln wurden wir befragt:
Glaubst du an Gott?
Betest du?
Fastest du? Welche Bücher liest du zu Hause?
Mitte der 1990er-Jahre hingen plötzlich Warnschilder an den Moscheen in der uigurischen Heimat Ostturkestan, die seit über 75 Jahren durch den kommunistischen Staat China militärisch besetzt ist.
Kindern unter 18 Jahren, Beamten, Frauen, Parteimitglieder, Mitarbeiter des staatlichen Betriebs wurde der Zutritt strengstens verboten.
Im Ramadan patrouillierten Sicherheitskräfte vor Sonnenaufgang durch unsere Wohnheime. Sie kontrollierten, ob Schüler heimlich aufstanden, um zu essen oder zu beten.
Damals versuchte der Staat, die Religion aus Schulen und Behörden zu verdrängen. Was wir nicht ahnten: Es war erst der Anfang einer systematischen Auslöschung.
Als Staatspräsident Xi Jinping vor einigen Jahren erklärte, der Islam sei wie eine „krankhafte Ideologie“, die durch eine „Operation“ entfernt werden müsse, überraschte mich die Wortwahl nicht einmal.
Aber ich ahnte, was folgen würde: Es war der Freibrief, um den Glauben endgültig aus den Köpfen und Herzen unseres Volkes der Uiguren herauszureißen.
Was wir heute in Ostturkestan sehen, übersteigt jede menschliche Vorstellungskraft:
Menschen werden allein für ihr Erscheinungsbild in Internierungslager gesperrt.
Ein Gebetsteppich im Schrank, ein Koran auf dem Regal oder ein religiöses Wort auf den Smartphone reichen aus, um für Jahre zu verschwinden.
Die geleakten Xinjiang Police Files zeigen Greise in Lagern, deren einziges „Verbrechen“ es war, vor Jahrzehnten Kindern das Beten beigebracht zu haben.
Über 16.000 Moscheen wurden zerstört oder geschändet – Orte mit teils 800-jähriger Geschichte. Selbst unsere Friedhöfe wurden plattgewalzt und in Freizeitparks verwandelt.
Nicht einmal der Name Gottes darf mehr ausgesprochen werden.
Totengebete sind verboten. Wenn ein Uigure stirbt, dürfen die Angehörigen nicht einmal mehr sagen: „Möge Gott ihm einen Platz im Paradies schenken.“
Ein einziges falsches Wort gilt als Verrat an der Parteilinie. Stattdessen werden die muslimischen Uiguren gezwungen, Schweinefleisch zu essen und Alkohol zu trinken.
Der chinesische Staat hat Wettbewerbe für Alkohol Trinken veranstaltet, ausgerechnet im heiligen Monat Ramadan.
Die muslimische Masse müssen tatkräftig mitwirken Wer sich weigert, gilt als extremistisch und in den Internierungslagern gebracht.
Gegen diese gigantische Unterdrückung kämpfen wir seit Jahren im Weltkongress der Uiguren.

Wir versuchen mit unserer begrenzen Möglichkeiten, unserem verstummten Volk auf der Weltbühne eine Stimme zu geben.
Doch ich muss Ihnen heute eine schmerzhafte Wahrheit gestehen: Dieser Kampf hat einen grausamen Preis.
Jedes Mal, wenn ich mich an ein Mikrofon stelle – so wie heute hier in Frankfurt –, zahlt meine Familie in der Heimat die Zeche dafür.
Meine Verwandten spüren die eiskalte Rache des Regimes für jedes Wort, das ich in Freiheit ausspreche. Das Band zu ihnen ist gekappt. Wir müssen schweigen, um ihr Leben nicht noch mehr zu gefährden.
Auch für mich persönlich gibt es kein unbeschwertes Leben mehr. Diese ständige Last, die Ungewissheit, die Sorge um die Liebsten und die Verfolgung, die uns selbst bis nach Europa nachschleicht – all das frisst sich in die Seele.
Es raubt mir den Schlaf. Es belastet mich körperlich jeden einzelnen Tag. Man kann die Freiheit hier in Europa kaum genießen, wenn das eigene Herz in den Lagern der Heimat gefangen ist.
Und dennoch stehe ich hier. Denn Schweigen wäre die endgültige Kapitulation vor dem Unrecht.
Ich appelliere heute an Sie alle – an die Politik, an die Menschenrechtsorganisationen, aber vor allem an Sie, die Vertreterinnen und Vertreter aller Glaubensgemeinschaften in diesem Raum:
Lassen Sie uns keine Zuschauer der Geschichte werden!
Die Unterdrücker siegen dann, wenn sie uns einreden, dass wir allein sind – und dass der Schmerz der anderen uns nichts angeht.
Schauen Sie nicht weg, wenn Identitäten ausgelöscht werden. Werden Sie zur Stimme für diejenigen, die heute nicht sprechen dürfen.
Denn der Kampf für die Religionsfreiheit der Uiguren ist kein uigurischer Kampf allein. Es ist der Kampf um die Würde der gesamten Menschheit.
Ich danke Ihnen von Herzen"