Zum Inhalt springen

Zum Artikel der MoPo "Wie Scientology mithilfe von Tarnorganisationen neue „Gläubige“ ködert"

Zum Artikel der MoPo "Wie Scientology mithilfe von Tarnorganisationen neue „Gläubige“ ködert"
Symbolbild, KI generiert
Veröffentlicht:

Warum der Vorwurf der Tarnorganisationen falsch ist (und das ködern sowieso)

Ich liebe es, wenn der Staat via Medien austeilt, aber keine Gegenwehr zulässt. Genau so ist es mit Bezahlschranken, die eine kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung verhindern. Hat man soviel Angst, dass man falsche Tatsachenbehauptungen verbreitet?

Ich habe wenig Verständnis dafür, dass man nunmehr, wo der Verfassungsschutz auf Bundesebene sein Versagen im Nachweis von Verfassungsfeindlichkeit einräumen musste (auch wenn er dieses Versagen hinter dem Deckmantel der Unbedeutentheit der Scientology Kirche verstecken will), via Presse seinen unlauteren Kampf fortführt.

Die fachlich unzutreffende Kritik von Herrn Pöhlmann hatte ich schon besprochen. Die Schwäbische zitiert dann die Nordkirche und Jörg Pegelow, Sektenbeauftragter (sic!). Dieser

sieht keinen Grund zur Entwarnung: Zwar sei nachvollziehbar, dass Scientology angesichts anderer extremistischer Strömungen weniger im Vordergrund stehe als früher. Die Organisation versuche aber weiterhin, Menschen über vermeintliche Hilfsangebote anzusprechen – etwa bei Drogen- oder psychischen Problemen.

Lassen wir einmal außen vor, dass auch Sekten wie die Katholische Kirche in Deutschland und die Evangelische Kirche Deutschland (wenn man auf "secta", abgespaltene Richtung abstellt) ihre "Tarnorganisationen" haben (Caritas, Diakonie, mehr hier) und diese bei z.B. Kindertagesstätten eine wesentliche Grundversorgung übernehmen in Deutschland. Oder die AWO z.B. 1933 Tarnorganisationen gründete ("Gründung des Deutsch-Ausländischen Jugendwerkes als Tarnorganisation", vgl. hier)

Was ist eine Tarnorganisation

"Tarnorganisationen" sind jedenfalls definiert als "Organisation, die etw. anderes verfolgt, als sie nach außen hin erkennen lässt" (DWDS) oder "bezieht sich auf verschiedene, nicht nur politische Organisationen, die ihre wahren Ziele verbergen."

Wer also von Tarnorganisationen spricht, muss beweisen, dass die jeweilige Organisation andere Ziele verfolgt als diejenigen, die man nach außen kund tut. Auf die Zugehörigkeit zu einer anderen Organisation kommt es nicht an.

Ein Beispiel: Die Stadtwerke Essen AG sind keine Tarnorganisation der Stadt Essen, obwohl sie mehrheitlich der "Essener Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft mbH" gehört, die wiederum vollständig der Stadt Essen gehört. Denn das Ziel "Energieversorgung" ist das, was man auch tatsächlich erbringt.

Welche "Tarnorganisationen" der Scientology Kirche werden behauptet

Im Mittelpunkt der Kritik stehen die beiden Vereine "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte e.V." und "Sag NEIN zu Drogen - Sag JA zum Leben Verein für Drogenaufklärung" erfüllen beide nicht die obigen Kriterien. Denn das tatsächliche Ziel ist das, was auf dem Etikett steht: Verstöße der Psychiatrie oder Drogenaufklärung zu betreiben.

Daher sind solche Behauptungen als Volksverhetzung und Hate-Speech zu behandeln.

Aber die Vereine "gehören" doch Scientology

Diese Behauptung ist rechtlich falsch. Beide sind Vereine, die damit rechtlich (je nach Eintragung oder nicht) eine volle oder gewisse Rechtsfähigkeit erlangt haben. Insbesondere sind sie nicht "Tochterunternehmen" mit einem Stimmrecht von 50% oder mehr der Scientology Kirche.

Aber die Verschweigen doch, dass sie zu Scientology gehören!

Nun, auch wenn ich mich wiederhole: Rechtlich gehören die Vereine nicht zu Scientology. Und von Verschweigen kann auch nur der sprechen, der unfähig ist zu lesen.

Auf der Webseite von "Sag NEIN zu Drogen - Sag JA zum Leben Verein für Drogenaufklärung" finden sich die folgenden Aussagen:

Bei KVPM finden sich die folgenden Aussagen:

Keine Geheimnistuerei = keine Tarnorganisation

Beim besten Willen kann ich hier keine Geheimnistuerei erkennen, auf die es ohnehin nicht ankommt. Fachlich ist daher insbesondere bei eigener Rechtsperson eines Vereins oder Unternehmens, bei denen die die Scientology Kirche keine Anteile hält, halten kann und insbesondere keine Sperrminorität oder Mehrheit hat, die zudem den angegebenen Auftrag (Satzungszweck) erfüllen, der Vorwurf einer Tarnorganisation absurd.

Googelt man ein wenig weiter, findet man eine etwas ältere Stellungnahme zum "Anwerben", die ich recht passend und aktuell empfinde (und deshalb von mir hier schon zitiert):

Fast 1,7 Millionen Aufklärungshefte habe der Verein in den vergangenen zehn Jahren in und um Hamburg verteilt. „Dass diese Aktion zur Mitgliedergewinnung genutzt werden soll, ist absurd“, erklärt Busch. „Man würde Brot für die Welt oder der Caritas ja auch nicht unterstellen, dass sie über dieses Engagement Mitglieder werben.“
(vgl. hier)

Wie so oft finden sich bei Aussagen in Medien und von Sektenbeauftragten Behauptungen, die bei näherem Hinsehen an den Haaren herbeigezogen erscheinen und nicht einmal ansatzweise mit Belegen oder Begründungen hinterlegt sind. Eine Behauptung ersetzt jedenfalls nicht die Begründung.

Fazit

Es wäre insoweit wünschenswert, wenn Presse nicht immer dieselben Narrative nachbeten und abschreiben würde, sondern sich informiert - was bei den oben verlinkten Quellen gar nicht so schwer ist.

Update 07.06.26 18:35 Uhr:

Auch die NOZ schreibt munter dasselbe (ab).

" Die Organisation bezeichnet sich als Kirche, verweist auf Menschenrechte und Demokratie, spricht von spiritueller Freiheit. " verstößt nicht nur gegen die Religionsfreiheit, weil das despektierliche "bezeichnet" ähnlich wie der "selbsternannte Prophet" darauf abzielt, die Kirchen-Eigenschaft abzusprechen oder abzuwerten. Bekanntermaßen (Art. 4 GG, 140 GG, 136 ff. WRV) erwerben Religionsgesellschaften ihren Status nicht per Verleihung, sondern aus bürgerlichem Recht ("Religionsgesellschaften erwerben die Rechtsfähigkeit nach den allgemeinen Vorschriften des bürgerlichen Rechtes.", Art. 137 IV WRV). Der Körperschaftsstatus bringt nur wirtschaftliche Vorteile, er begründet nicht den Kirchen-Status,

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

Alle Artikel

Weitere in Deutschland

Alle anzeigen

Weitere von Michael Langhans

Alle anzeigen