Zum Inhalt springen

Ist Gott Christ, Muslim oder Jude? Die subtile Intoleranz im Schuldiskurs

Warum die Reduzierung Gottes auf das Christentum, den Islam und das Judentum die Religionsfreiheit verletzt, andere Glaubensformen ausgrenzt und selbst katholischen Konzilsbeschlüssen widerspricht.

Ist Gott Christ, Muslim oder Jude? Die subtile Intoleranz im Schuldiskurs
Symbolbild, KI generiert

Ein Titel als Manifest der Ausgrenzung

In der öffentlichen Debatte über religiöse Bildung und ethische Erziehung begegnen uns immer wieder Formulierungen, die auf den ersten Blick versöhnlich und integrativ wirken wollen, bei genauerer Betrachtung jedoch eine tiefgreifende Ausgrenzung offenbaren. Ein prominentes Beispiel hierfür ist ein Videobeitrag auf dem Portal katholisch.de mit der Fragestellung, ob Gott Christ, Muslim oder Jude sei, verknüpft mit dem Thema Religion und Toleranz in der Schule. Obwohl der Beitrag mutmaßlich das Ziel verfolgt, das gegenseitige Verständnis zwischen den großen Buchreligionen im Schulalltag zu fördern, transportiert bereits die Formulierung der Leitfrage eine grundlegende Intoleranz. Sie engt den Begriff des Göttlichen von vornherein auf drei abrahamitische Strömungen ein und setzt damit eine Grenzziehung, die dem Grundrecht der universellen Religionsfreiheit widerspricht.

Die Verletzung der Religionsfreiheit durch ein künstliches Alleinstellungsmerkmal

Religionsfreiheit ist ein unteilbares Menschenrecht. Es garantiert nicht nur das Recht, eine der weltweit mitgliederstarken Religionen auszuüben, sondern schützt jegliche Form von Glaubens- und Gewissensfreiheit. Dazu gehören polytheistische Traditionen wie der Hinduismus, dharmische Wege wie der Buddhismus, indigene und Naturreligionen sowie fernöstliche Weisheitslehren und bewusst nicht-monotheistische Weltanschauungen. Indem ein Bildungsmedium die Frage stellt, welchem der drei abrahamitischen Glaubenssysteme Gott angehöre, schafft es ein unzulässiges Alleinstellungsmerkmal für den monotheistischen Diskurs.

Diese begriffliche Verengung suggeriert fälschlicherweise, dass Relevanz im religiösen und schulischen Toleranzdiskurs nur denjenigen zukommt, die sich innerhalb des Trios aus Christentum, Islam und Judentum bewegen. Sämtliche Schülerinnen und Schüler, deren familiärer oder persönlicher Hintergrund außerhalb dieses Rahmens liegt, werden dadurch unsichtbar gemacht und aus dem Toleranzbegriff ausgegliedert. Eine solche Verkürzung stellt eine klare Beeinträchtigung der negativen und positiven Religionsfreiheit dar, weil sie eine Hierarchie der Religionen etabliert und den Eindruck erweckt, Glaube sei einzig in diesen drei Kategorien denkbar.

Der dogmatische Widerspruch zum Zweiten Vatikanischen Konzil

Besonders bemerkenswert ist, dass diese exklusive Sichtweise nicht einmal mit der modernen Theologie der katholischen Kirche vereinbar ist. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die Kirche ihren Umgang mit anderen Religionen grundlegend neu definiert. In der Erklärung Nostra Aetate über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen wird ausdrücklich betont, dass die katholische Kirche nichts von alledem ablehnt, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Das Konzil blickt mit Hochachtung auf die spirituellen, moralischen und kulturellen Werte aller Menschheitstraditionen, ohne sie auf die abrahamitische Verwandtschaft zu beschränken.

Ergänzend dazu verankert die Konzilserklärung Dignitatis Humanae die Religionsfreiheit als ein Recht, das auf der Würde der menschlichen Person gründet. Wenn kirchlich geprägte Medien oder pädagogische Konzepte in den alten Exklusivismus zurückfallen und den Gottesbegriff monopolisieren, widersprechen sie damit direkt dem Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Behauptung oder implizite Annahme, Gottesbezug existiere nur in den drei Buchreligionen, ignoriert den historischen Fortschritt der eigenen kirchlichen Friedens- und Toleranzlehre.

Konsequenzen für Schule und Pädagogik

Die Schule ist der zentrale Ort, an dem junge Menschen den Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt erlernen. Toleranzunterricht, der sich ausschließlich an der Schnittmenge von Christentum, Islam und Judentum orientiert, greift zu kurz und verfehlt seinen Bildungsauftrag. Wenn Schülerinnen und Schüler lernen, dass Toleranz bedeutet, zwischen diesen drei Wegen zu vermitteln, während andere Weltanschauungen unberücksichtigt bleiben, wird eine Schein-Toleranz eingeübt. Echte Religionsfreiheit im Bildungsbereich erfordert die Anerkennung, dass es vielfältige Gottesvorstellungen, Gottesbegriffe und auch Lebensentwürfe ohne Gottesglauben gibt.

Um dem Anspruch der Religionsfreiheit gerecht zu werden, müssen Bildungsangebote und mediale Beiträge von exklusiven Fragestellungen Abstand nehmen. Die Leitfrage darf nicht lauten, welchem der drei großen Monotheismen Gott zuzuordnen ist, sondern wie Schule einen Raum schaffen kann, in dem alle Menschen unabhängig von ihrer religiösen oder weltanschaulichen Überzeugung gleichberechtigt geachtet werden. Nur durch den Abbau solcher begrifflichen Privilegien kann Religionsfreiheit als ein universelles Gut für alle Mitglieder der Gesellschaft wirksam geschützt und gelebt werden.

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

Alle Artikel

Weitere in Deutschland

Alle anzeigen

Weitere von Michael Langhans

Alle anzeigen