Der Sektenblog hat mich auf den aktuellen InfoSekta Jahresbericht aufmerksam gemacht. Also habe ich mir diesen zu Herzen genommen, gelesen, bewertet und für unsere Leser aufbereitet:
A. Der Jahresbereicht InfoSekta 2025 zusammengefasst
Die Vorstellung, dass problematische Gruppierungen, Sekten oder radikale Strömungen ein Phänomen der Vergangenheit sind, täuscht. Der Jahresbericht 2025 der Schweizer Fachstelle InfoSekta zeigt das Ergebnis der jahrelangen Sekten-Hysterie in Medien: Die Nachfrage nach professioneller Beratung hat einen historischen Höchststand erreicht.
Hier sind die wichtigsten Kernpunkte und Trends des Berichts zusammengefasst, die aufzeigen, wie sich die religiöse und weltanschauliche Landschaft aus Sicht von InfoSekte derzeit verändert.
1. Beratungsbedarf auf Rekordniveau
Die Statistik von InfoSekta spricht eine deutliche Sprache: Im Jahr 2025 verzeichnete die Fachstelle insgesamt 3.795 Beratungs- und Informationskontakte – ein neuer Rekord.
952 Personen suchten zum ersten Mal Hilfe. Mit 2.843 Kontakten zeigt sich, dass die Fälle komplexer werden und Betroffene sowie Angehörige eine intensive, längerfristige Begleitung benötigen.
2. Der Schwerpunkt: Christliches Umfeld und Freikirchen
Entgegen der oft vermuteten Dominanz von Neureligionen wie Scientology (die laut Experten eher „leiser“ geworden sind, aber nach wie vor existieren), liegt der Schwerpunkt der Konflikte ganz woanders:
- 57 Prozent der Anfragen bezogen sich auf Gruppierungen mit einem christlichen Hintergrund, wobei ein grosser Teil davon auf das Spektrum von Freikirchen entfällt.
- Die Zeugen Jehovas bleiben weiterhin eine der am häufigsten nachgefragten Gemeinschaften. Der Bericht setzt sich unter anderem kritisch mit deren neuem, modifizierten Verständnis zu Bluttransfusionen auseinander.
3. Brennpunkt: Evangelikale Pflegefamilien & Kinderschutz
Ein zentraler thematischer Schwerpunkt des Jahresberichts trägt den Titel „Zuhause zwischen zwei Welten – Evangelikale Pflegefamilien und das Spannungsfeld der religiösen Erziehung“.
Der Bericht beleuchtet die schwierige Balance und die potenziellen Konflikte, wenn Kinder in stark dogmatischen, religiösen Pflegefamilien aufwachsen und dort im Spannungsfeld zwischen staatlichem Bildungsanspruch und exklusivistischer religiöser Erziehung stehen. Übersehen werden dabei rechtliche Bedingungen und die Tatsache, dass ohnehin zu wenig Pflegeeltern überall zur Verfügung stehen.
Problematisch ist dabei, dass man auf S. 10 d. Berichts ausführt, auch die KESB, die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde berät, ohne (siehe hierzu B.) eigene Quellen zu haben, dürfte ebenso problematisch sein wie die Tatsache, dass man auf
Fachleute aus den Bereichen Recht, Psychologie, Soziologie, Psychiatrie, Sozial- und Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Religionswissenschaften und Medien.
zurückgreifen will, während man S. 36 "nur" Psychologen, Lehrer, Sonder- und Heilpädagogen, Präventionsfachfrauen und einen Religionswissenschaftler hat, Sozialarbeiter, Psychiater und Juristen aber per se fehlen und man insoweit mit einer Expertise wirbt, die man nicht hat.
B. Wie InfoSekta arbeitet
Im Jahresbericht 2025 ist auf S. 31 die Arbeit und das Ziel von InfoSekta aufgeführt:
Ziel von infoSekta ist es, Transparenz zu problematischen Gruppen und deren Wirken zu schaffen. Die Einschätzung einer Gruppe stützt sich auf kritische Analysen, Erfahrungen von Betroffenen und das Selbstverständnis der Gruppe. Die Religionsfreiheit ist durch die geltende Rechtsordnung geschützt; die Gesetze müssen auch von den besagten Gruppen eingehalten werden. Wo dies nicht geschieht oder manipulative, unfaire Mittel eingesetzt werden, ist Kritik erlaubt und notwendig.
Deutlich wird hier wiederum, dass die eigentlich notwendige Feldarbeit nicht geleistet wird. Neutrale Stellen und Mitglieder von Gemeinschaften werden nicht befragt. Der Multimodale Ansatz nach Barker
Teilnehmende Beobachtung: Sie lebte zeitweise in den Gemeinschaften.
Tiefeninterviews: Sowohl mit aktiven Mitgliedern als auch mit Aussteigern.
Kontrollgruppen: Sie verglich die Mitglieder mit Menschen ähnlichen Alters und Hintergrunds, die keine „Moonies“ waren.
wird nicht eingehalten.
Auf S. 3 des Berichts führt man hierzu aus:
infoSekta führte diverse Veranstaltungen durch, darunter Vorträge und Workshops in Schul- und Konfirmandenklassen sowie eine Fortbildung für Kinderpsycholog:innen. Mit Statements und Interviews in rund 30 Zeitungs- und Radioformaten trug die Fachstelle zur Sensibilisierung einer breiten Öffentlichkeit bei. Via Facebook informierte die Stelle zudem mit rund 1'300 Posts über aktuelle Entwicklungen in der Szene sektenhafter Gruppen. Der regelmässige Austausch und das Networking mit Fachkolleg:innen aus der DACH-Region er-möglichen einen fundierten Wissenstransfer, erlauben die Einschätzung von Entwicklungstendenzen und bündeln Synergien. Zudem stellt dieser Dialog auch eine grosse persönliche Bereicherung dar.
Auch hier fehlen also jegliche eigenen Erkenntnisse. Der Austausch mit Kollegen führt zudem nur dann zu einer Verbesserung der Qualität, wenn diese andere Quellen haben. Das immer wieder voneinander abschreiben ohne eigene oder aktuelle Erkenntnisse führt leider nicht zu der Hilfe, die die Beratenen eigentlich brauchen.
Zu den Zeugen Jehovas
Wenn man auf S. 24/25 das Verhalten der Zeugen Jehovas zum Thema Bluttansfusionen als eigenen Schwerpunkt benennt, dann verwundert mich, dass man "nur googelt" (S. 25, "im neuesten Lagebericht ... (auf jw.org)")
Ohnehin halte ich es für problematisch, wenn ein Tendenzbetrieb wie InfoSekta sich fragt, ob "das Bluttransfusionsverbot biblisch haltbar" sei, da hier in die Religions- und Gewissensfreiheiten eingegriffen wird und auch nur die eigenen Argumente gelten dürfen - genau das, was man der Gruppierung unterstellt. Ich lese hier ein starkes Bemühen, das Haar in der Suppe zu finden, um das eigene Narrativ der letzten Jahre aufrechtzuerhalten statt einfach freudig die Lehränderung anzunehmen. Alle Religionen haben in den letzten Jahrhunderten vieles geändert, von der faktisch abgeschafften Hexenverbrennung bis hin zu keinen christlichen Kreuzzügen mehr. Wird da dann auch kritisiert, dass das kaum kommuniziert wird und dass dann Menschen umsonst gestorben sind?
Auf S. 11 benennt man dann als Beratungsthemen
Die mit Abstand meisten gruppenspezifischen Anfragen betreffen die Zeugen Jehovas (23 %). Bemerkenswerterweise stammen 74 % davon von ehemaligen Mitgliedern. Sie leiden oft noch Jahre nach dem Ausstieg unter starken Selbstzweifeln und der schmerzhaften Trennung von der Familie, die in der Organisation verbleibt und «soziale Ächtung» praktiziert. Neben direkt Betroffenen wenden sich auch Fachpersonen aus Therapie und Sozialarbeit an die Fachstelle: Sie begleiten Ausgestiegene oder Noch-Mitglieder und wünschen sich ein besseres Verständnis und Impulse für die Praxis. Vereinzelt melden sich auch aktive Mitglieder, die ihre belastende Situation mit einer aussenstehenden Person besprechen oder auf Missstände innerhalb ihrer Versammlung hinweisen möchten.
Konkret benannt sind nur Selbstzweifel und Trennung von der Familie, Phänomene psychologischer Natur, die gerade nicht zwingend auf die Religion zurückzuführen sein müssen - was InfoSekte auch nicht behauptet.
Bei den Zeugen Jehovas wird dann auf der Unterseite die Änderung zur Bluttransfusion in den Artikel "Zeugen Jehovas – eine kritische Einschätzung" von 2015, überarbeitet 2023 nicht eingebunden und insoweit falsch informiert. Änderungen sind nicht kenntlich gemacht, was unwissenschaftlich ist. Zudem - siehe oben Bluttransfusion - wird hier genau das gemacht, was man bei den Zeugen Jehovas kritisiert: Änderungen nicht deutlich kenntlich machen. Ob es daran liegt, dass man heimlich Fehler ausgemerzt hat, kann ich nicht sagen.
Zu Scientology
Schlimmer wird es mit Scientology. Dort wird nur "kritisiert" (S. 12):
Bezüglich Scientology stehen vor allen die öffentliche Missionstätigkeit und Aktivitäten im Gesundheitsbereich, die Anwerbung oder Mitgliedschaft von Familienmitgliedern sowie Fragen zu einzelnen Untergruppen im Fokus
Lassen wir einmal außen vor, dass ein Verein, der laut Erfolgsrechnung zu knapp 50% von Spenden lebt, Werbung anderer Projekte als problematisch sieht. Joer wäre es wünschenswert, aber eben auch angreifbar, wenn man konkret benennen würde, was einen stört. Kampagnen wie gegen Drogen sind nicht exklusiv durch Scientology geführt. Der DFB (Deutscher Fussball Bund) unterstützte lange Zeit "Keine Macht den Drogen". Viel wichtiger finde ich die z.B. Boyens Media erfolgte Kritik durch Scientology Hamburg zu vergleichbarer Kritik:
Fast 1,7 Millionen Aufklärungshefte habe der Verein in den vergangenen zehn Jahren in und um Hamburg verteilt. „Dass diese Aktion zur Mitgliedergewinnung genutzt werden soll, ist absurd“, erklärt Busch. „Man würde Brot für die Welt oder der Caritas ja auch nicht unterstellen, dass sie über dieses Engagement Mitglieder werben.“
Das messen mit zweierlei Maß ist oft ein Problem der Sektenberatung. Und genau damit wird in der Regel die notwendige Aufklärung vor destruktiven Gemeinschaften erschwert oder gar zunichte gemacht.
Natürlich kann man immer alles kritisieren, wie im obigen Artikel auf Watson (das auch das Sektenblog betreibt). Man muss aber nicht jede andere Ansicht oder Darstellung dämonisieren. Gerade die im Watson-Artikel kritisierte Verallgemeinerung ist doch das täglich Brot der Sektenberatung.
Und: Auch wenn oft auf anderen Seiten und Berichten der Eindruck erweckt wird, Scientology wäre bei dieser Drogenprävention nicht erkennbar, widerspricht dies den Webseiten:
Die Stiftung wird von der Scientology‑Kirche und Scientologen international unterstützt, um diese Materialien weltweit bereitzustellen. Unsere Arbeit selbst ist weltlich, sachlich und ausschließlich auf Drogenprävention ausgerichtet.
In einem fairen Bericht sollte man soviel Transparenz dann auch erwähnen.
Zu anderen Gemeinschaften
Andere Gemeinschaften sind vorallem namentlich erwähnt, um die Keywords abzudecken(was ich hiermit auch tue, um des Click-Baits willen):
International Christian Fellowship ICF, Erste Liebe Kirche, Fortified City Church, Missionswerk Mitternachtsruf, Gideonbund, Freikirchen, Kinder Gottes (Die Familie), die Mormomen, die Vereinigungskirche (die so auch in der Schweiz nicht mehr heißt, wenn man wissenschaftlich und korrekt arbeiten möchte) und Shincheonji.
Zu den meisten dieser Gemeinschaften scheinen keine aktuellen Erkenntnisse vorzuliegen. Zur Vereinigungskirche gibt es unter keinem denkbaren Namen einen Eintrag auf InfoSekta, ebensowenig zu Gideonbund, Missionswerk Mitternachtsruf, Fortified City Church, Freikirchen, Erste Liebe Kirche usw.
Die nachprüfbaren Infos sind daher sehr gering und genügen selten wissenschaftlichen Maßstäben.
C. FOREFs Wünsche
FOREF wünscht sich neutrale Beratungen auf fachlich hohem Niveau ohne Populismus. Dazu gehört ein wissenschaftlicher Mindeststandard, der beim Sammeln von Unformationen eingehalten werden muss, insbesondere neutrale Herangehensweise und nicht ergooglen von Informationen. Wir von FOREF sprechen mit Menschen, und wir halten dies für den einzigen, sauberen Weg, um ggf. auch Misstände anzusprechen und abzustellen. Für das Richten sind die Gerichte zuständig, nicht die Medien oder Anti-Cult-Berater.
Insoweit verschwiegt dieser Jahresbericht den Umgang der wirklichen Feldarbeit weitgehend und damit meiner Meinung nach auch, woher man die Kompetez zur Beratung ziehen möchte.