Das Bild des muslimischen Mannes in westlichen Gesellschaften ist häufig von Stereotypen geprägt. Die Debatte um Kultur, Religion und Männlichkeit bewegt sich oft zwischen Vorurteilen und sozialer Realität. Der islamische Theologe Mouhanad Khorchide und Experten wie der Kriminologe Ahmed Ajil fordern eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Frage: Macht die Religion Männer zu Machos?
Ich als Jurist im Familienrecht sehe davon eher das Gegenteil: Dass dieses Vorurteil, das Männer pflegen (!), negativ als Wahrheit vorausgesetzt und die faktische Wahrheit nicht mehr erforscht wird.
In gesellschaftlichen Diskursen der Gegenwart wird das Thema „muslimische Männlichkeit“ hochengagiert diskutiert. Auf der einen Seite stehen verhärtete Klischees über dominante Verhaltensweisen, auf der einen Seite progressive Stimmen innerhalb des Islams, die alternative, sensible Rollenbilder stark machen. Und: In einer sich wandelnden Welt wandeln sich auch muslimische Männer. Es gibt sie, die, die liebevoll allein erziehen. Wieso auch nicht?
Um die Dynamiken hinter den behaupteten patriarchalen Verhaltensstrukturen zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Wechselwirkungen zwischen theologischen Quellen, kulturellen Prägungen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
Die theologische Perspektive: Kennt der Koran keine Machos?
Ein zentraler Ansatzpunkt für eine Neudefinition liefert der islamische Theologe Mouhanad Khorchide in seinem Werk „Jenseits der Härte – warum der Koran keine Machos kennt“.
Khorchide argumentiert, dass problematisches Verhalten wie Dominanz, emotionale Härte und Kontrollansprüche keineswegs im Kern der religiösen Texte verankert sind. Vielmehr verweist er auf koranische Propheten als Vorbilder für eine Männlichkeit, die durch Eigenschaften wie Verletzlichkeit, Sensibilität und Hilfsbereitschaft geprägt ist. Auch historisch fundierte Familienstrukturen, in denen Frauen eigenständig agierten und Männer im Haushalt mitwirkten, stützen die These, dass der Islam als Religion kein inhärentes „Macho-Gen“ besitzt.
Gleichzeitig räumt Khorchide ein, dass problematische Männlichkeitsstrukturen in Teilen durchaus religiös legitimiert wurden. Über Jahrhunderte etablierte, patriarchal geprägte Interpretationen heiliger Texte haben Verhaltensweisen verfestigt, die Machtstrukturen begünstigen. Der Theologe fordert daher eine kritische Reflexion und eine bewusste Abkehr von einer Auslegung, die Härte als Stärke definiert.
Was er vergisst: Das ist nicht die einzige Wahrheit. Viele Männer leben nach einem anderen System, eben nicht machohaft.
Religion versus Kultur: Woher stammen patriarchale Rollenbilder?
In der sozialwissenschaftlichen und kriminologischen Forschung wird betont, wie komplex die Trennung zwischen religiösen Dogmen und soziokulturellen Traditionen ist.
Experten wie der Kriminologe Ahmed Ajil weisen darauf hin, dass traditionelle Männlichkeitsbilder oft tiefer in regionalen und familiären Kulturen verwurzelt sind als in der Theologie. Väter, die primär als emotionale Ernährer und unanfechtbare Autoritäten auftreten, prägen nachfolgende Generationen durch gelerntes Verhalten. Dieser Erziehungsstil findet sich weltweit in traditionellen Gesellschaften unabhängig von der jeweiligen Religionszugehörigkeit. Ist das aber ein Islamphänomen? Mitnichten. Kinder lernen durch Nachahmung, da spielt nicht der Koran eine Rolle, sondern das freiwillige Rollenverständnis der Eltern.
Ein oft übersehener Aspekt ist die psychologische Reaktion auf gesellschaftlichen Druck. Wenn Männern aus Migrationsbiografien von der Mehrheitsgesellschaft permanent signalisiert wird, sie seien eine „Bedrohung“ oder per se „patriarchal“, kann dies zu einer Trotzreaktion führen oder die Vorurteile erst begründen. Dieses Phänomen, verstärkt durch geopolitische Zäsuren wie die Ereignisse nach dem 11. September 2001, führt mitunter dazu, dass Betroffene die ihnen zugeschriebene Rolle der Härte erst recht annehmen (sogenannte Protest-Männlichkeit) oder dass man ihnen das Gegenteil nicht glaubt.
Fazit: Eine differenzierte Debatte ist notwendig
Die Frage, ob der Islam Männlichkeit negativ beeinflusst, lässt sich nicht beantworten. Während traditionelle, oft missbräuchliche Textinterpretationen und kulturelle Prägungen patriarchale Hierarchien stützen, bieten die Kernquellen der Religion gleichzeitig Raum für progressive, empathische Rollenmodelle. Letztlich leben viele das nach, was sie zuhause mitbekommen haben.
Eine lösungsorientierte Diskussion erfordert es, Missstände klar zu benennen, wozu auch das westliche Vorurteil dieser toxischen Männlichkeit gehört, ohne dabei in rassistische oder kulturalisierende Stereotype zu verfallen.
Nur durch die Anerkennung dieser Vielschichtigkeit kann eine nachhaltige Veränderung der Rollenbilder gelingen.