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Und natürlich ist Herr Pöhlmann nicht einverstanden mit der Nichtbeobachtung von Scientology

Und natürlich ist Herr Pöhlmann nicht einverstanden mit der Nichtbeobachtung von Scientology
Montage Screenshots des Artikels, Literaturliste Pöhlmann und der Webseite der Weltanschauungsbeauftragten
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Wir hatten gestern darüber berichtet, dass das BfV Scientology nicht mehr gesondert beobachten will. Heute meldet sich dann via Evangelisch.de "Sektenbeauftragter" Matthias Pöhlmann - zumindest lässt sich der "Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsfragen bei der bayerischen evangelischen Landeskirche" so im Artikel nennen - zu Wort.

Lassen wir einmal außen vor, dass die Religionsfreiheit in jede Richtung gilt. Wenn also die evangelische Kirche für sich Sonderrechte in Anspruch nimmt, dass sich der Staat in innerkirchliche Angelegenheiten (Selbstverwaltungsrecht, eigenes Arbeitsrecht) nicht einzumischen hat, dann gilt dies auch anders herum, nämlich dass sich eine Kirche nicht in Behördenangelegenheiten einzumischen hat.

Aber wie immer bin ich ja gerne bereit zuzuhören, was für tiefschürfende Argumente von Herrn Pöhlmann kommen. Aber wollen wir erst sein Selbstverständnis als "Experte" zitieren:

"Aufgaben des Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen Als Landeskirchlicher Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen beobachte ich die Entwicklung religiöser und weltanschaulicher Gruppierungen im Kontext der Gegenwartskultur. Als evangelischer Theologe analysiere und deute ich diese Entwicklungen aus der Perspektive eines christlichen Wirklichkeitsverständnisses. In meinen Analysen und Bewertungen stütze ich mich auf Quellenmaterial, interne und externe Literatur, Fachpublikationen (auch interdisziplinär), Erfahrungsberichte Betroffener, Internet-Recherchen und eigene Feldforschung. Meine Ergebnisse stelle ich Betroffenen und Interessierten zur Verfügung. Dies geschieht in persönlicher Beratung, in Vorträgen, Seminaren oder bei Fortbildungsveranstaltungen. Zu den Zielgruppen meiner Arbeit zählen: Multiplikatoren, Lehrer/innen, Erzieher/-innen, Journalisten /-innen. Darüber hinaus publiziere ich meine Einschätzungen in Artikeln und Fachbeiträgen."

(Quelle)

Wer hats bemerkt? Gespräche mit Andersgläubigen sieht er als irrelevant, seine Ergebnisse sind nur für "Betroffene und Interessierte". Auch andere von uns beobachtete und begleitete Weltanschauungsgemeinschaften wie Go&Change wurden von Herrn Pöhlmann schon eingeordnet. Insoweit kann ich sagen: Den "Change" bei Go&Change hat er offensichtlich nicht mitbekommen oder mit uns Kontakt aufgenommen. Aber das ist ja denklogisch, basiert der christliche Glaube doch just darauf, dass man glaubt und eben nicht "weiss".

Unter dieser Maßgabe sind seine Ergebnisse zu bewerten: Die Scientology-Kirche sei

Veröffentlicht zu Scientology hat er zuletzt 2006, wenn man seiner Literaturliste glauben schenken will: "Sind Sie hier, um die Organisation zu stören?". Zu Besuch in der neu eröffneten Scientology-Zentrale in Berlin, in: Materialdienst der EZW 3/2007, 97-101 [mit Andreas Fincke]. Die Liste scheint allerdings von 2014 zu sein und bestätigt damit indirekt den Verdacht von wenig aktueller Kenntnis.

Nun, Herr Pöhlmann: Wie demokratisch wird die Ordination in der evangelischen Kirche in Deutschland erteilt?

Darüber könnte man einen Aufsatz schreiben, oder über die Papst-Wahl oder ähnliches. Dann würde man aber einige seiner eigenen Argumente verlieren.

Die Ordination wird nämlich nicht basisdemokratisch erteilt. Und das Bischofsamt? Auch nur partiell, weil doch nicht alle Mitglieder der Landessynode demokratisch gewählt, sondern manche "berufen" sind. Und: Ihre aktuellen Scientology-Kenntnisse fußen worauf? Welche aktuellen, wissenschaftlich nachprüfbaren Erhebungen haben sie hierzu durchgeführt?

Der Schwerpunkt der Arbeit liege inzwischen auf "Neben- und Tarnorganisationen", wie zum Beispiel die "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte" oder auch die beiden Kampagnen "Sag Nein zu Drogen, Sag ja zum Leben" oder "Der Weg zum Glücklichsein", erläuterte Pöhlmann.

Das ist für mich eine ehrliche Meinung. Offenbar scheut man hier die Konkurrenz in der Drogenberatung, die ja durch Krankenkassen und andere öffentliche Mittel finanziert wird.

Die Entscheidung des Bundesamtes für Verfassungsschutz erwecke "den gefährlichen Eindruck", als sei Scientology eine Weltanschauungsgemeinschaft wie andere, sagte Pöhlmann, der Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen bei der bayerischen evangelischen Landeskirche ist. Es sei aber nach wie vor so, dass Scientology viele seiner Mitglieder in enorme psychische und finanzielle Abhängigkeiten stürze: "Diese Organisation missachtet unter anderem das Grundrecht auf freie Meinungsäußerungen massiv."

Welcher gefährliche Eindruck? Wenn wir Religionsfreiheit als unteilbares Recht ansehen, steht es einem Konkurrenzbetrieb (die evangelische Kirche ist ja die "Sekte" der katholischen Kirche, die wiederum "Sekte" des Judentums ist, wenn man vom einer Abspaltung bzw. Schulrichtung einer Ausgangsreligion ausgeht) schlicht nicht zu, anderen Glauben zu bewerten.

"Viele" Mitglieder, aber nicht alle (warum eigentlich nicht alle) würden in Abhängigkeit gestürzt - konkrete Beispiele, wie so oft, werden nicht genannt. Wie eigentlich immer in dieser "Sektenberatung" wird nicht neutral jede Richtung gleich bewertet, meist sind "Aussteiger" trotz des persönlichen Grolls glaubwürdige Zeugen, Mitgliedern wird oft pauschal "Lügen" unterstellt.

Wie so oft verbleibt es also bei den bekannten, oberflächlichen und meist nicht belegten Behauptungen. Zudem wird der Kunstkniff genutzt, dass man auf eigentlich rechtliche Bewertungen kritisiert, für die man als Weltanschauungsbeauftragter kaum die fachliche und die rechtliche Befähigung hat, nur um dann im Meinungs- und Werturteilbereich mit der eigenen Linie und dem Sektennarrativ hausieren zu gehen.

Ich finde es einfach Schade, dass man statt ausgewogener Argumentation nur altbekannte Behauptungen von sich gibt, um eben "mal wieder" zitiert zu werden. Aber da liegt die Verantwortung weniger bei der Eitelkeit des interviewten, sondern mehr beim Publizisten, der sich nicht die Mühe macht ausgewogen zu berichten oder Scientology zu den Vorwürfen Pöhlmanns zu befragen - was natürlich dem Pressecodex zuwiderläuft.

Wie immer gilt: Wer für sich die Religionsfreiheit in Anspruch nimmt, sollte vorallem anderen dieses Recht auch zubilligen und nicht absprechen. Grenzen, also Schranken-Schranken, verfassungsimmanente Widersprüche und Probleme aufzudecken wäre staatliche Aufgabe. Selbstjustiz, und sei es nur mediale, ist insoweit illegitim.

Aber das verwundert kaum, wenn der Artikel mit "Sekten-Experte warnt vor Scientology" beginnt und damit den Tonfall vorgibt. Ein Sektenexperte, der nicht vor einer Sekte warnt, macht sich überflüssig.

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

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