Was wir bei Sektenkritik immer wieder erleben sind Vorwürfe, die - egal ob bewiesen oder nicht - auf eine bestimmte Situation zurückzuführen sind, auf ein Erleben im der Vergangenheit. Diese Situation wird dann zwingend immer wieder vorgehalten und hieran das Sektiererische begründet. Gleichwohl verkennen viele Sektenberater und Aussteiger, dass alle Religionen und Weltanschauungen einem Wandel unterworfen sind. Oder um das unangenehme Beispiel zu bringen: Hexenverbrennungen sind seit dem 1. April 1775 in Deutschland nicht mehr im Repertoire der katholischen Kirche vorhanden. Hierauf kann man also heute, über 250 Jahre später, keinen Sektenvorwurf mehr begründen, auch wenn das damalige Unrecht damit nicht erledigt ist.
Change: Da ist der Name auch Programm
Ähnlich ist es bei Go&Change. Der Name "Change" ist nicht nur Programm, sondern durch die "Entwicklungsgemeinschaft" auch federführend für ihre experimentelle Form der Lebensqualität. Jedes Experiment geht daher mit dem Risiko des Scheiterns einher, nur um neu und verbessert aus der Situation zu erwachsen.
Vielzahl und die hohe Taktfrequenz der Wechsel
Und genau das unterscheidet Go&Change von vielen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften: Die Vielzahl und die hohe Taktfrequenz der Wechsel.
Dabei wurde mir die folgende Dokumentation zur Verfügung gestellt:
Veränderungen in der Gemeinschaft Go&Change seit Mai 2023
Wir entwickeln unsere Kultur und Organisationsstrukturen fortlaufend weiter, um bestmögliche Lösungen zu finden.
Mindestens 50 wesentliche Veränderungen
"In den expliziten Vereinbarungen und Organisationstrukturen der Gemeinschaft haben wir seit Mai 2023 mindestens 50 wesentliche Veränderungen umgesetzt. Darunter mindestens sechs grundlegende Veränderungen an unseren Leitungsstrukturen (z.B. kompetenzbasiertes Leitungsteam, Rotation, Frauen- und Männerrat, stärkere Bereichsleitungen), mindestens vier größere Veränderungen in der Gestaltung der Sozialstrukturen (z.B. Sabbatjahr statt Rauswurf, zeitweise Frauen- und Männerwohnungen, externe Therapie) und mindestens sechs gewichtige Anpassungen unserer wenigen grundlegenden Gemeinschaftsregeln für die Gestaltung der alltäglichen Lebensweise (z.B. Grundsatzentscheidungen gegen jede Form physischer Gewalt und Drogenkonsum).
Neben den beschriebenen grundlegenden und größeren Veränderungen gab es in deren Entwicklung oder Umsetzung, sowie auch unabhängig davon eine Vielzahl permanenter kleinerer Anpassungen, Variationen und Weiterentwicklungen in allen Bereichen.
Darin ebenfalls nicht enthalten sind zahlreiche personelle Veränderungen in Zuständigkeiten und Verantwortungsbereichen.
Gemeinschaftliche Entscheidungen, Vereinbarungen und Gewohnheiten in der Alltagsgestaltung, Zuständigkeiten, Abläufe, Organisationsstrukturen, Umgangsweisen mit sozialen Situationen, usw. ändern sich nahezu täglich.
Allein die Wohnsituation zeigt diese Dynamik, mit über 100 unterschiedlichen Wohnkonstellationen zwischen Mai 2023 und März 2026."
Prüfung der Richtigkeit dieser Situationen
Selbstverständlich muss man prüfen, ob die Aussagen so richtig und nachweisbar sind. Dabei mussten wir multimodal vorgehen.
Erstens habe ich meine eigenen Erfahrungen mit der Änderungsbereitschaft von Go&Change gemacht. Im Rahmen meiner Evaluation habe ich selbst vorgeschlagen, Drogenfreiheit zu postulieren und Bekenntnis zu Verfassung und Recht und Ordnung abzugeben - was ohnehin nie in Frage stand. Beides rannte offene Türen ein bzw. die Drogenfreiheit war schon umgesetzt, nicht aber postuliert.
Zweitens erlebte ich eine von den Razzien und den Verfahren gegen Kai K. betroffene Gemeinschaft, die so etwas nie wieder erleben möchte.
Drittens habe ich Änderungen in der Struktur (wer wohnt wo, wer ist wofür Ansprechpartner) selbst miterlebt.
Die obigen Aussagen entsprechen also meiner eigenen Recherche und Erfahrung.
Relevanz der Änderungen auf das Sektennarrativ
Die obigen Änderungen sind auch relevant für das Sektennarrativ. Zumindest unsere Merkmale aus der Zertifizierung R2, R3, S2, S4, S9 sind (negativ) betroffen und sprechen gegen eine Sekte (wechselndes Führungsgremium spricht gegen einen Guru usw.)
Vergangenheit gegen Gegenwart und Zukunft
Vorwürfe der Vergangenheit können daher nicht mehr ohne weiteres aktuell vorgehalten werden, ohne diese in die aktuelle Situation einzuordnen.
Weitere Artikel zu Go&Change sind im Dossier verlinkt oder über den Tag aufrufbar.