Die Debatte um die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie reißt nicht ab. In seiner aktuellen Kolumne auf chrismon.de unternimmt der liberale islamische Theologe Mouhanad Khorchide den Versuch, demokratische Grundwerte direkt im Koran zu verankern. Seine Kernthese: Die erste Sünde der Schöpfungsgeschichte – die Verweigerung des Teufels (Iblis), den Menschen anzuerkennen – sei im Grunde der erste Akt der Antidemokratie. Doch so charmant dieser hermeneutische Brückenschlag auch sein mag, hinterlässt das Ergebnis bei genauerer Betrachtung erhebliche Zweifel. Eine kritische Replik.
Der Ansatz: Demokratie durch liberale Koran-Auslegung
In seinem Beitrag „Islam und Demokratie: Was der Koran dazu sagen kann“ argumentiert Mouhanad Khorchide, dass eine moderne Demokratie zwar ohne Religion begründet werden kann, aber massiv von einer liberalen Religion profitiert. Er zieht dafür die koranische Erzählung heran, in der Iblis (der Teufel) sich weigert, sich vor dem neu erschaffenen Menschen zu verneigen.
Für viele gläubige Musliminnen und Muslime stellt sich zudem eine andere Frage: Stehen Menschenwürde, Freiheit und demokratische Werte auch im Einklang mit meiner Religion? (Korchide aaO)
Für Khorchide liegt hier die Wurzel politischer Sprengkraft: Die Sünde bestehe nicht primär im Ungehorsam gegenüber Gott, sondern in der Weigerung, die Gleichwertigkeit des anderen Menschen anzuerkennen. Demokratie brauche genau dieses „gelernte Herz“, das Vielfalt und Pluralismus akzeptiert. Der Islam, so das implizite Ergebnis, liefere somit das ethische Fundament für demokratisches Bewusstsein.
Das mag paradox klingen: Demokratie lebt von Menschen, die ihre Freiheit nutzen. Aber sie lebt ebenso von Menschen, die sich von etwas Höherem als ihren eigenen Interessen korrigieren lassen (Korchide aaO)
Kritik: Warum das theologische Ergebnis die Realität verfehlt
Obwohl Khorchides Engagement für einen reformierten, humanistischen Islam wichtig ist, greift sein optimistisches Ergebnis in dreifacher Hinsicht zu kurz:
1. Selektive Hermeneutik
Das größte Problem dieses Ansatzes ist die hochentwickelte, aber stark selektive Textauswahl. Der Koran ist ein vielschichtiges Werk, das im 7. Jahrhundert in spezifischen historischen Kontexten (Mekka und Medina) entstand. Neben Passagen, die interpretatorisch für Toleranz geöffnet werden können, existieren zahlreiche Verse, die klare Hierarchien vorgeben – zwischen Gläubigen und Ungläubigen, zwischen Männern und Frauen oder in Bezug auf rechtliche und politische Ordnungen (Stichwort: Souveränität Gottes und Volkssouveränität).
Eine demokratische Ethik allein aus der Iblis-Erzählung abzuleiten, blendet die systemischen Hürden aus, die der traditionelle Textbestand für ein modernes Demokratieverständnis bereithält.
2. Das Paradoxon der Volkssouveränität
Demokratie basiert im Kern auf dem Prinzip: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Im klassischen islamischen Staats- und Rechtsverständnis gilt jedoch die Hakimiyya – die absolute Souveränität Gottes. Wenn Gesetze im Namen einer göttlichen Instanz als unveränderlich deklariert werden, kollidiert dies unweigerlich mit dem parlamentarischen Prinzip einer Demokratie, in der Gesetze durch den menschlichen Diskurs frei verhandelbar und revidierbar sein müssen. Diesen fundamentalen Widerspruch löst Khorchides Fokus auf die rein moralische „Herzensbildung“ nicht auf.
3. Theorie vs. gelebte Realität weltweit
Khorchide betont zu Recht, dass es „den“ Islam nicht gibt, sondern die Bandbreite von fundamentalistisch bis liberal reicht. Wenn das theologische Ergebnis jedoch lautet, dass der Koran quasi zur Demokratie hinführt, klafft eine gewaltige Lücke zur empirischen Realität. In weiten Teilen der islamisch geprägten Welt tun sich theokratische oder autoritäre Regimes leicht damit, ihre Herrschaft ebenfalls mit dem Koran zu legitimieren. Solange die liberale Interpretation im akademischen Elfenbeinturm des Westens verbleibt und die Masse der Gläubigen weltweit nicht erreicht, bleibt das Ergebnis ein theoretisches Wunschdenken.
Fazit: Interessante theoretische Ansätze
Der Versuch, den Islam durch innovative Exegese demokratiefähig zu schreiben, ist ein ehrenwertes theologisches Projekt. Die Idee ist wunderbar und die Argumenation schlüssig. Doch das Ergebnis im chrismon-Artikel greift zu kurz, weil es strukturelle und dogmatische Konflikte zwischen religiöser Offenbarung und säkularer Verfassungsrealität durch moralische Appelle ersetzt. Zudem wäre damit auch das Problem der Religionsfreiheit und der negativen Religionsfreiheit unklar, wenn man beides auf das Wort Gottes (gleich ob Tora, Bibel oder Koran) zurückzieht.
Demokratie profitiert nicht zwangsläufig von Religion, sondern vor allem von einer erfolgreichen Säkularisierung, die die Religion in die Schranken des privaten Glaubens verweist. Eine demokratische Gesellschaft darf nicht darauf warten, bis Theologen den Koran „demokratiekonform“ uminterpretiert haben – sie muss die universellen Menschenrechte und das Grundgesetz als absolut verbindlich einfordern, unabhängig von religiösen Quellentexten und damit im Interesse der Religionsfreiheit, die Verfassungen nicht definiert, sondern ergänzt.