Das Zitat habe ich aus der Rezension des wohl nur auf italienisch erhältlichen Buches «Kein Guru – Sekten und ihre Verteidiger» von Luigi Corvaglia. Dabei wird die Behauptung aufgestellt, dass Verteidiger von Sekten (richtiger wäre der neutrale Begriff Verteidiger der Religionsfreiheit) angeblich auf Menschen keine Rücksicht nehmen. Dass hier ein erheblich rechtliches Erkenntnisdefizit vorliegt, sollte jeder wissen, der sich mit Verfassungsrecht auskennt und der Tatsache, dass in Deutschland die Religionsfreiheit eben selbst schrankenlos ist. Nur verfassungsimmanente Schranken gelten dann noch. Auf die Rechte des Einzelnen kommt es daher nur an, wenn dadurch Verfassungsrecht verletzt wird, was es zu beweisen, nicht zu behaupten gilt.
Verteidiger, die sich für freiheitlich halten, schützen zwar die Interessen einer «Sekte», stehen aber den Rechten der Mitglieder gleichgültig gegenüber.
Die obige Aussage ist also letztlich Hate-Speech, aber auch verständlich. Denn würde man sich mit der Rechtslage auseinandersetzen, würde man ggf. erkennen, wie ahnungslos man durch das Meer der Verfassungsregeln steuert.
Aber ich habe noch ein weiteres solches Zitat, das die Qualität solcher Aufklärung verdeutlicht:
Eine der grössten Errungenschaften der modernen Gesellschaften ist die Anerkennung und der Schutz der Religionsfreiheit. Diese hat ihre Grenzen jedoch dort, wo Missbrauch, der von der modernen Gesellschaft verurteilt wird, durch totalitäre Gruppierungen beginnt. Man darf sich in diesen Fällen nicht hinter dem Grundrecht der Religionsfreiheit «verstecken», um «Sekten» und ihr Vorgehen zu verteidigen oder «Sekten»-Kritiker pauschal anzugreifen. Es ist grotesk, wenn sich gerade totalitäre Gruppierungen, die ihre Mitglieder missbrauchen, auf dieses Recht berufen, um sich der Kritik zu entziehen.
Ich habe noch nie eine pauschale Kritik an Sekten-Kritikern erlebt, sehr wohl aber viele pauschale, unwissenschaftliche und unbelegte Kritik an "Sekten". Hier wird also gespiegelt, um die eigene Unzulänglichkeit zu verschleiern.
Der Kampf um die Glaubhaftigkeit ist die Frage
Das Problem bei "Sekten-Verteidigern" ist dabei doch eigentlich der Kampf um die Glaubhaftigkeit (und -würdigkeit von Aussteigern/Apostates) und die Deutungshoheit derselben. Kritische Köpfe wie Massimo Introvigne wissen dabei natürlich, dass Glaubwürdigkeit und Glaubhaftigkeit differenziert zu betrachten und letztere bei vier Augen Situationen schwerer zu belegen sind.
Oder anders formuliert: Selbst Experten können ohne irgendwelche Fakten Wahrheit von der Lüge nur insoweit unterscheiden, als es die Wahrscheinlichkeitsrechnung hergibt (50%). Der Jurist Dr. Johannes Makepeace hat hierzu in seiner Dissertation "Der Polygraf als Entlastungsbeweis" wissenschaftliche Quellen einer Meta-Studie zusammengetragen. Aber zitieren wir ihn wörtlich:
"So ergab eine Meta-Studie aus dem Jahr 2008, dass professionelle Aussagebeurteiler wie Polizeibeamte, Staatsanwälte und Richter Trefferquoten zwischen lediglich 45 und 60 Prozent im Erkennen von Lügen anhand eigener Erfahrung erzielen können. (...) Das entspricht etwa der Zahl, die Bond und DePaulo für nicht-professionelle Aussagebeurteiler ermitteln konnten. Der für Vrij nennenswerte Unterschied zwischen Fachleuten und Laien: Erstere neigen dazu, sich maßlos zu überschätzen."
zitiert nach Makepeace, Der Polygraf als Entlastungsbeweis 2023, S. 177
Ja, die Quote hat sich leicht von 50 auf bis zu 60% verschoben, was aber im Toleranzbereich liegen dürfte.
Relevant ist dabei doch die These von Vrij, die auf Sektenbeauftragte und -berater sicherlich einfach zu übertragen ist:
Nennenswerter Unterschied zwischen Fachleuten und Laien: Erstere neigen dazu, sich maßlos zu überschätzen
zitiert nach Makepeace, Der Polygraf als Entlas
Genau das ist das eigentliche Problem, und deshalb verwundert es nicht, dass InfoSekta auf diese Aspekte nicht eingeht. Mir sind zum Beispiel keine Sektenverfahren bekannt, an denen ich selber beteiligt war, bei denen Glaubwürdigkeitsbegutachtungen eingeholt worden wären. Hingegen werden "Sektenmitglieder" grundsätzlich als weniger glaubwürdig und lügend dargestellt - egal wie sehr das ihrem Religionsverständnis widerspricht.
Es entscheiden also Richter anhand der oben statistisch festgestellten Wahrscheinlichkeit, manipuliert durch ein Sektennarrativ und Opfer/Täter.