Am 06.10.2026 hatte ich das Vergnügen, eine der beiden Reden zur Eröffnung der Wanderausstellung beizusteuern. Die Ausstellung wurde zum 80. Mal in Deutschland, diesmal in Frankfurt am Main, eröffnet. Da die Inhalte der Ausstellung mein Fachgebiet im Familienrecht mitbetreffen, gleichzeitig KVPM aber oft aus religiösen Gründen, weniger aus inhaltlicher Kritik heraus diskriminiert wird, veröffentliche ich meine Rede hier und auf meinem Familienrechtsblog.

"Sehr geehrte Damen und Herren,
wir alle kennen das Märchen: Der Kaiser trägt angeblich prächtige Kleider, die nur Kluge sehen können. Keiner wagt zu widersprechen, bis ein Kind ruft: „Aber er hat ja gar nichts an!“
Genau darum geht es in dieser Ausstellung, passenderweise in der Kaiserstraße in Frankfurt am Main. Was wir hier sehen, ist weder neu noch besonders. Es ist die Wahrheit, die jeder erkennen könnte, wenn er die Augen für die Missstände in der Psychiatrie öffnet.
Ich arbeite selbst täglich mit psychologischen und psychiatrischen Gutachten. Deshalb kann ich bestätigen: Diese Missstände setzen sich auf dem Papier und bei Gericht fort, weil zu viele Menschen sie zulassen. Sachverhalte werden ungeprüft übernommen. Diagnosen werden gestellt, ohne dass die Betroffenen exploriert wurden. Verschiedene Ärzte stellen zum selben Sachverhalt unterschiedliche Diagnosen. Und viele Gegenargumente werden schlicht ignoriert. Medikation ist da oft die einfachste Lösung, egal ob es Alternativen gibt oder was das mit den Menschen macht.
Ein Beispiel, das auch in einem der Videos hier vorkommt, sind die Rosenhan-Experimente, auch wenn die Studie wie alles, was zu Recht kritisiert, dann selbst als methodisch umstritten kritisiert wird. Anfang der 1970er-Jahre ließ der Psychologe David Rosenhan gesunde Menschen unterschiedlichster Berufe in psychiatrische Kliniken aufnehmen, er selbst war einer von ihnen. Beim Aufnahmegespräch gaben sie dieselben Auffälligkeiten an. Danach sollten sie sich völlig normal verhalten.
Das Ergebnis: Die Diagnose blieb bis zur Entlassung bestehen. Normales Verhalten, etwa Tagebuchschreiben, wurde als Symptom gedeutet. Hinzu kamen Herablassung und eine Stigmatisierung, die man nie wieder loswird. Entlassen wurden die von vorneherein gesunden Menschen weitgehend mit der Eingangsdiagnose – der Beweis, dass das Stigma länger lebt als echte wissenschaftliche Arbeit.
Seitdem hat sich einiges bewegt, zum Beispiel wurden die Diagnosekriterien überarbeitet. Aus meiner Sicht reicht das aber nicht. Die Mechanismen, die Rosenhan sichtbar gemacht hat, wirken bis heute fort: das Festhalten an einmal gestellten Diagnosen, der Mangel an echter Prüfung, die Macht der Eitelkeit, dass man als Psychiater nicht irrt – und ein verantwortungsloser Umgang mit dem, was uns Menschen ausmacht: Seele und Würde.
Lassen Sie uns deshalb die Botschaft dieser Ausstellung hinaustragen. Lassen Sie uns dafür sorgen, dass jeder erkennt: Der Kaiser der Psychiatrie steht nackt da, wenn er sich nicht mehr hinter dem DSM-5 und ICD-11 versteckt. Die Psychiatrie ist wichtig, wo sie Menschen in Krisen wirklich hilft. Aber sie ist teils gefährlich, aber jedenfalls erheblich reformbedürftig, und diese Reform beginnt damit, dass wir hinschauen und aussprechen, was wir sehen, egal was andere denken.
Ich freue mich, diese Ausstellung gemeinsam mit Ihnen zu eröffnen, und bedanke mich für den unermüdlichen Einsatz von KVPM, vorallem aber Euch, lieber Bernd und liebe Nicola, dass ihr denen Stimmen gebt, die keiner sonst hören will, egal wie laut sie schreien.
Danke."
Die Ausstellung findet vom 5.10.-11.10.2026 in Frankfurt am Main, Kaiserstr. 41 im 1. Stock statt (Eingang zwischen Kroren Restaurant und Restaurant Anjappar Chettinad).

Die Ausstellung ist sehr zu empfehlen, um die Zusammenhänge "moderner" Psychiatrie aufzuarbeiten und ihre Folgen für die Menschen aufzuzeigen.
Auch wenn ich nicht jede der dort geäußerten (überspitzten) Kritiken vollumfänglich teile, ist die Ausstellung doch ein wertvoller Beitrag für einen kritischen Diskurs mit Psychiatrie und den Folgen für die Menschen.
Betroffene können sich mit den anwesenden Ausstellungsbegleitern auch über die neuen Leitlinien der WHO, die erstaunlich wenig in Deutschland diskutiert sind.


