In Anlehnung an den Originaltitel in der NOZ „Man darf Scientology keinesfalls unterschätzen“
FRANKFURT / MÜNCHEN. Jahrzehntelang galt die Gruppierung Scientology in Deutschland als ein zentrales Beobachtungsobjekt der Sicherheitsbehörden. Nun hat das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) einen Kurswechsel vollzogen (wir berichteten): Die Organisation wird nicht mehr als eigener bundesweiter Phänomenbereich geführt. Als Begründung führt die Behörde an, dass die Gruppierung massiv an gesellschaftlicher Relevanz verloren habe. Die Mitgliederzahl stagniere auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau von geschätzten 3.600 Personen. Eine andere, nämlich meine Leseart: Das ist der einfachste Weg, sich aus der Verantwortung zu ziehen und aufzugeben, ohne Fehler einzuräumen.
Entwarnung oder Trugschluss?
Während Vertreter der Organisation diesen Schritt öffentlich als Reorganisation und Prestigegewinn interpretieren, warnen "Experten" vor voreiligen Schlüssen. Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, sieht in der nachlassenden öffentlichen Aufmerksamkeit keineswegs ein Erlöschen der Aktivität. Leider allerdings hat er seit Jahren keine Kontakte zu Scientology aufrechterhalten, eine Feldforschung, wie er sie auf seiner Webseite ankündigt, ist mir nicht bekannt.
Zwar behalten verschiedene Verfassungsschutzämter auf Landesebene insbesondere in Bundesländern mit größeren Standorten die Gruppierung weiterhin im Blick, sagen sie. Wirkliche Erkenntnisse sind aber nicht bekannt.
Werden Sektenexperten auch vom Verfassungsschutz überwacht? Ihr Verhältnis zur Religions- und Weltanschauungsfreiheit ist nicht einmal ambivalent i.S. §3 I Nr. 1, 4 BVerfSchG - Michael Langhans, Volljurist
Zudem betont das Bundesamt, dass die Überwachung nicht gänzlich eingestellt, sondern auf eine personenbezogene Beobachtung umgestellt wurde - was de lege lata dann auch bei "Experten" wie Dr. Pöhlmann, die den Hass auf die Religionsfreiheit als Verfassungsgrundrecht in ihren Handlungen nach außen tragen (so auch im NOZ-Artikel), erfolgen müsste.
Neue Anwerbestrategien? Tarnorganisationen und Social Media
Dass Scientology in den klassischen Medien seltener Schlagzeilen macht, soll nach diesem Artikel auch mit einer gezielten Änderung der Werbestrategien zusammenhängen. Aber auch hierüber haben wir schon berichtet. Leider beschränkt sich die Rechercheleistung oft auf "Abschreiben" und "Wiederholen", was der wissenschaftlichen Qualität der Erkenntnisse nicht zuträglich ist. Eine Begründung, weshalb es "Tarn- und Vorfeldorganisationen" sein sollen, fehlt. Dass dort zuvörderst für Scientology geworben wird, wird auch nicht behauptet. Es wird einfach nur immer so vor sich hingeredet, weil man bei bestimmten Stichwörtern Aufmerksamkeit erhält und damit die Existenz der eigenen Arbeitsstelle rechtfertigt. Initiativen mit unverdächtigen Bezeichnungen wie „Sag Nein zu Drogen“ oder „Der Weg zum Glücklichsein“ fungieren eben nicht als Brückenköpfe im Bereich der Lebenshilfe, Coaching-Angebote und Drogenprävention, sondern setzen wie viele andere Organisationen ("keine Macht den Drogen") gesellschaftlich wünschenswerte Aspekte um.
Ergänzend dazu beklagt man sich, dass die Scientology Kirche "verstärkt" auf soziale Medien setzt, um durch junge, nahbare Akteure und positive Erfahrungsberichte das historische Stigma abzubauen und ein Bild von Transparenz zu vermittelt. Dass dies auch moderne Kirchen so handhaben, wird "vergessen" zu erwähnen. Was also ist an social Media so schlimm? Richtig, jedermann kann sich seine eigene Meinung machen, auch kritisch hinterfragen. Die Zeiten, als die Predigt von der Kanzel den Konsum der BILD-Zeitung ersetzt hat, sind eben lange vorbei (ich persönlich mag den Charme von Scientology Minnesota und Frau Scientologin je auf TikTok, aber ebenso sehr auch z.B. Regens und Rookie).
Ergebnis: Neue Erkenntnisse gibt es nicht, weil es - offenbar - keine neuen Erkenntnisse gibt.
Finanzielle und psychologische Aspekte
Das System baut laut Pöhlmann auf einer schrittweisen Qualifizierung auf, bei der unter anderem das sogenannte E-Meter eingesetzt wird, um negative Erfahrungen aufzuspüren. Wer die höchsten Stufen – wie die Stufe OT VIII, die unter anderem auf dem gruppeneigenen Schiff „Freewinds“ vermittelt wird – erreichen möchte, investiert nach Schätzungen von Aussteigern und Experten oft sechsstellige Euro-Beträge. Schade, dass er im Gegenzug nicht die Kummulation der Kirchensteuer über ein Leben zusammenrechnet. Und ja, beide "Steuern" bezahlen Menschen nicht zwingend freiwillig, sondern in Deutschland durch ihre Taufe, der sie selbst oft nicht zugestimmt haben. Austritt ist dabei schwerer als Eintritt. Auch eine Messe lesen kostet, oder eine kirchliche Hochzeit. Ganz zu schweigen, wenn kirchliche Leistungen aufgrund "untunlichen Lebenswandels" verweigert werden (Kommunion für Geschiedene, Segen für queere Menschen usw.)
In seiner fachlichen Einordnung bleibt die Benennung umstritten. Richtig ist, dass Scientology den Status einer Religionsgemeinschaft hat. Meiner bescheidenen Anschauung nach, in Umsetzung von Art. 137 WRV lautet:
"Die Freiheit der Vereinigung zu Religionsgesellschaften wird gewährleistet. Der Zusammenschluß von Religionsgemeinschaften innerhalb des Reichsgebiets unterliegt keinen Beschränkungen".
Für mich ist "keine Beschränkung" eindeutig definiert. Umfasst davon dürfte sicherlich sein die Unerheblichkeit einer Meinung eines Konkurrenzbetriebes. Während wissenschaftliche Diskussionen sicherlich alles dürfen, da dies vom Aspekt der Wissenschaftsfreiheit umfasst ist, sprechen wir hier von der Arbeit eines "Weltanschauungsbeauftragten" (der im übrigen gelernter Missionstheologe ist), der Interviews gibt, ohne sich vorab aktuelle Informationen zu erholen.
Ich bin der Meinung, dass sich solche "Sekten-" oder "Weltanschauungsbeauftragte" einer theologischen Einschätzung enthalten müssen, da dies den Kernbereich der Religionsfreiheit, hier das Existenz- und Ausübungsrecht, berührt. Statista führt jedenfalls Scientology als normale religiöse Bewegung auf. Man kann gefährliche Praktiken kritisieren, nicht aber den Glauben, den man nicht versteht oder verstehen will. Und das ist hier der Kern des Problems: Konkrete Aussagen hat Dr. Pöhlmann nicht, außer, dass die christlichen Kirchen Jahr für Jahr an Mitglieder verlieren - was sie damit eher, seiner Argumentation nach, mit Scientology vergleichbar macht als ihm lieb und bewusst ist.
Fazit
Scientology ist eine Kirche mit allen Rechten und Pflichten, die die Weimarer Verfassung und das Grundgesetz hierfür zur Verfügung stellen. Konkurrenzreligionen sollten daher inhaltlich argumentieren, nicht pauschalieren. Und man sollte Meinungen nicht mit Fakten verwechseln. Was aber beinahe unverzeihlich ist, ist dass Dr. Pöhlmann wie eigentlich in jeder mir bekannten Quelle es versäumt, darauf hinzuweisen, dass sich Scientology schon vor vielen Jahren zu den Menschen- und Grundrechten bekannt hat. Pauschale Kritik läuft daher fehl, er müsste konkrete Fehler in der Umsetzung beweisen.
Quelle
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