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Go&Change eine Sekte?

Go&Change eine Sekte?
Bild des Schaukastens von Go&Change in Lülsfeld
Veröffentlicht:

Auftragsgemäß haben wir begonnen, zu prüfen, ob und in welchem Umfang die Entwicklungsgemeinschaft Go&Change eine "Sekte" ist bzw. sein kann (ausführliches Dossier hier). Dabei ist uns natürlich bewusst, dass der Sektenbegriff zu ungenau ist. Gleichzeitig fordern viele Gerichtsverfahren iM Bereich Religionsfreiheit mit vielen Vorurteilen eine systematische Prüfung.

Sektenkriterien der evangelischen Kirche

In einem ersten Schritt haben wir die Fragebögen der evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD, Download hier) an Mitglieder von Go&Change ausgeteilt. Insgesamt 17 Rückläufer konnten wir erzielen.

Beispiel eines ausgewerteten Fragebogens der evangelischen Kirche Bayern, das ein Mitglied:in von Go&Change ausgefüllt und kommentiert hat
Fortsetzung des Fragebogens

Nunmehr liegen 17 Rückantworten auf die Ausfüllung des Fragebogens vor. Die statistische Auswertung kommt zu folgendem Ergebnis:

Auswertung der Fragebögen

Klar wurde dabei, dass viele Menschen der Entwicklungsgemeinschaft Go and Change unzufrieden mit dem Fragebogen sind, was sich in diesem Beispiel z.B. findet:

Ein Fragebogen
Aus einem anderen Fragebogen

Die Antworten sind hier gezählt, selbst wenn die Antwort einschränkend war.

Beispielsweise hat jemand bei "Die Gruppe ist hierarchisch..." den Nachsatz "Die Struktur ist mehr oder weniger totalitär" durchgestrichen:

Auszug aus einem Fragebogen

Wir haben das Ankreuzen trotzdem gezählt, da die Bewertung der Endanalyse vorbehalten bleibt.

Ähnliche Streichungen ergeben sich aus den folgenden Beispielen:

Auszug aus einem Fragebogen
Auszug aus einem weiteren Fragebogen

Auch dieses Beispiel wurde gezählt, obwohl der Kommentar "teilweise" und das Ankreuzen im Klammern die Bewertung in Frage stellen.

Auszug aus einem Fragebogen

Spannend ist der Kommentar in diesem Fragebogen:

Auszug aus einem Fragebogen

Der oder die Ausfüllende widersetzt sich dem Absolutheitsanspruch und relativiert die tendenziöse Aussage "behauptet". Wir fürchten, dass viele Menschen diese Nuancen in der Formulierung nicht oder Fehlerinterpretieren oder nicht richtig lesen.

Das Ergebnis zeigt, wie wenig aussagekräftig die Fragebögen sind; die Formulierungen sind auf einen Spezialfall hingedreht, den man selten zu 100% unterschreiben kann. Auch die Auswertung ist zudem eine Bewertungsfrage und damit vom Blickwinkel und der Erwartung des Auswertenden abhängig.Dabei darf nicht verkannt werden, dass die Antworten nur anhand des "Ankreuzens" ausgewertet wurden, nicht nach Kommentaren:

Das erklärt die Gefahr solcher Fragebögen: Nur oberflächliches Lesen führt zu einem schnellen Kreuz und damit einem falschen Eindruck und Ergebnis.

Stellungnahmen von der alten Go&Change Seite alle-seiten.org

Wir haben dann die Stellungnahmen auszuwerten begonnen, die Mai/Juni 2020 verfasst und veröffentlicht wurden, inzwischen aber nicht mehr frei verfügbar sind. Ich darf hier auszugsweise zitieren:

Stellungnahme zu den erhobenen Vorwürfen gegen die Entwicklungsgemeinschaft Go & Change.

Seit mehr als 2 Jahren besteht regelmäßiger Kontakt und gegenseitige Unterstützung zwischen unseren beiden Gemeinschaften (go&change und ZEGG). Davon haben beide in den letzten Jahren viel profitiert. In den Corona-Zeiten entstand ein regelmäßiges Online Treffen zwischen Menschen aus Go&Change, ZEGG, Txxx und Fxxx Rxxx, die im Schweizer GEN-Netzwerk arbeitet. Es sind sehr befruchtende und befreundende Treffen. Wir arbeiten dort an einer gemeinsamen Ausrichtung über die Ziele der einzelnen Gemeinschaften hinaus .
Wir wollen unsere Kräfte zusammenschließen, um in dieser transformatorischen Zeit in der Welt für Klarheit und Liebe wirksam sein zu können.
Gerade als ich jetzt zu Besuch war, erschien der Artikel in der „Mainpost“, der in erschreckendem Maß vielen verleumderischen Artikeln entsprach, die in den Jahren 1986 bis ca. 2000 über unsere Gemeinschaft und später das ZEGG erschienen sind. Go&Change ist in den letzten Monaten nochmal mehr ihrem Selbstanspruch an Ehrlichkeit, Liebe und Kooperation gefolgt. Diese Haltung wurde auch von den Mitgliedern der Gemeinschaft eingefordert. Einige Gemeinschaftsmitglieder wollten aus verschiedenen Gründen diesen Weg nicht mitgehen und mussten daher die Gemeinschaft verlassen.
In meiner 30 jährigen Erfahrung als Seminarleiter und Coach von Gemeinschaften weltweit habe ich viel über Schatten gelernt. 2012 wurde ein Artikel dazu von mir dazu veröffentlicht (Link zur Anonymisierung gelöscht). Kurz erklärt verdrängen wir im Leben alles in den Schatten, was nicht zu unserem Lebenskonzept und Umfeld passt. Da sie damit aber nicht weg sind, werden sie auf andere projiziert und im Außen bekämpft. Das ist ein immer verrückter werdender Weg der Entfremdung von eigenen Lebensimpulsen. Es ist auch der Stoff für die im Artikel beschriebenen Vermutungen.
Ich meine darin ein wiederkehrendes Muster zu beobachten mit den immer gleichen Vorwürfen. Es macht mich traurig, dass jetzt schon wieder einem das Leben bejahenden Ansatz Sand ins Getriebe geworfen wird, statt in einen fairen und fragenden Dialog einzutreten. Das ist leider in diesem Fall wieder nicht geschehen. Mit meiner mehr als 30jährigen Erfahrung im Aufbau von Gemeinschaften stelle ich mich voll hinter die Menschen von Go & Change und kann keinen der Vorwürfe bestätigen.
Bei meinen Besuchen hatte ich in vollem Umfang freien Zugang zu allen Räumen und Treffen und fand ein hohes Maß von Fürsorge und liebevoller Klarheit in der Bewusstseinsarbeit vor. Von diesen Impulsen lasse ich mich gerade neu inspirieren, um auch unser Gemeinschaftsleben neu zu beleben und wahrhaftiger zu machen.
Als Coach und Supervisor für Gemeinschaften weltweit und als Träger der ZEGG Gemeinschaft stehe ich nach bestem Wissen und Gewissen zu Go & Change, damit sie diese Diffamierungen nicht mehr alleine tragen müssen.
Falls Sie an mich als Augen- und Ohrenzeugen, der nicht Teil der Gemeinschaft ist, noch Fragen haben, stehe ich gerne für Sie zur Verfügung.
xxxx (anonymisiert)

Das ist deshalb so interessant, weil dieser Beitrag dem widerspricht, was die ZEGG hier veröffentlicht:

Wie in unserer Stellungnahme vom 19.10.21 klargestellt, haben wir als Bildungszentrum schon zu diesem Zeitpunkt jegliche Kooperation mit der Gemeinschaft G&C eingestellt.
In der folgenden Zeit haben alle Gemeinschaftsmitglieder außer einem ihre Kontakte dorthin abgebrochen.

Und:

Das ZEGG wurde in seinen Anfangsjahren Anfang der 90er mit Sektenvorwürfen konfrontiert. Die meisten der damals erhobenen Vorwürfe waren falsch oder stark überzogen. Wir haben selbst erlebt, dass es Anfeindungen von Aussteiger:innen aus Frustration heraus gab, die ungeprüft übernommen wurden. Das bedeutet aber nicht, dass an solchen Vorwürfen nichts Wahres sein kann und entbindet nicht von genauerem Hinschauen.

Die Auswertung dieser Diskrepanzen wird auch Aufgabe von FOREF sein.

Insoweit werden wir die vielen Berichte in- und extern aufarbeiten.

Interview

Wir haben nunmehr mit Interviews begonnen, um den Besonderheiten konkret Rechnung zu tragen. Fragebögen sind hierzu nicht ausreichend geeignet, da zu allgemein.
Die ersten (auszugsweisen, nicht repräsentativen) Ergebnisse möchte ich hier bekanntgeben:

Q: Hat Go&Change Sie aktiv angeworben, oder war es Ihre eigene Initiative?
A: Es war ganz unsere eigene Entscheidung. Wir besuchten Vernetzungstreffen und entschieden uns schließlich, hierher zu ziehen. Niemand hat uns gedrängt oder angefleht, beizutreten.
Q: Was waren Ihre inneren Beweggründe, gerade diese Community zu wählen?
A: Mir wurde klar, wie viel psycho-emotionale Gewalt in der Alltagsgesellschaft normalisiert wird. Bei Go&Change sind soziale Räume geschützt, und es werden Grenzen gegen toxisches Verhalten gesetzt. Das hat mich herausgefordert, mich persönlich weiterzuentwickeln, und gab mir ein Gefühl von Ermächtigung und Selbstwert.
Q: Wie reagieren Sie auf Vorwürfe, dass die Methoden von Go&Change, wie nächtliche Diskussionsrunden, eine Form psychischer Gewalt seien?
A: Ich habe diese langen Nachtdiskussionen erlebt, aber sie entstehen aus dem Willen, Probleme zu lösen, nicht aus dem Wunsch zu schaden. Es geht darum, echten Frieden zu erreichen, indem Konflikte direkt angesprochen werden, auch wenn man dafür kurzfristig Bedürfnisse wie Schlaf zurückstellt.
Q: Wie ist die Community hierarchisch strukturiert?
A: Anfangs gab es einen größeren Führungskreis. Nach einigen Monaten, in denen ich Verantwortung übernommen hatte, wurde ich gebeten, der Führung beizutreten. Es gibt keine formellen Wahlen; es basiert darauf, Verantwortung zu übernehmen und fürs Kollektiv zu sorgen, was dann von der Community akzeptiert wird.
Q: Wie sehen Sie die Kritik und Vorwürfe ehemaliger Mitglieder?
A: Viele Menschen verlassen die Community, weil sie ihre eigenen negativen Eigenschaften nicht erkennen und die harte innere Arbeit scheuen. Es ist für sie einfacher, eine Opferrolle einzunehmen, unterstützt von externen Beratern, und die Führung zu beschuldigen, statt Verantwortung zu übernehmen.
Q: Wo sehen Sie sich und die Community in fünf Jahren?
A: Ich sehe mich hier wohnen. Ich erwarte weiterhin externe Angriffe, aber wir werden gewachsen sein, unseren Lebensraum verbessert haben und die Früchte der schönen Gemeinschaft genießen, die wir aufgebaut haben.

Einen ersten Überblick werden wir veröffentlichen, sobald ausreichend Daten erhoben und ausgewertet sind. Dies gilt nicht nur für Mitglieder, sondern nach unserer Vorgehensweise auch für neutrale Personen und Aussteiger.
Die Frage, ob Go&Change eine Sekte ist, haben sich diese hier selbst gestellt.

Weitere Artikel zu Go&Change sind im Dossier verlinkt oder über den Tag aufrufbar.

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

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