Der Fall Arno Wollensak bewegt noch immer die Gemüter, wenn alte Schlagzeilen in den Medien auftauchen. Der aus Oerlinghausen stammende Gründer der umstrittenen Gemeinschaft „Licht-Oase“ entzog sich jahrelang der deutschen Justiz, die wegen gravierender Vorwürfe des Kindesmissbrauchs gegen ihn ermittelte. Seine Flucht endete 2016 gewaltsam in Südamerika: Wollensak wurde an einem Strand nahe der uruguayischen Hauptstadt Montevideo ermordet aufgefunden – gefesselt und erstickt. Die genauen Hintergründe seiner Tötung blieben bis heute ungeklärt.
Mediale Gratwanderung: Information oder Sensationslust?
Dass Vorfälle dieser Tragweite journalistisch aufgearbeitet werden, ist unbestritten. Dennoch stellt sich bei der erneuten Veröffentlichung von einer Dekade alten Schlagzeile die Frage nach dem tatsächlichen gesellschaftlichen Mehrwert. Ohne neue ermittlungstaktische Erkenntnisse oder aktuelle gesellschaftliche Aufhängung gibt es sachlich kaum einen Grund, solche Fälle wiederholt aufzugreifen – außer um der reinen Sensation willen. Das Schüren von Voyeurismus und das Bedienen von Klickzahlen auf Kosten vergangener Tragödien verzerrt den sachlichen Diskurs.
Wann die Bezeichnung „Sekte“ berechtigt ist
Gleichzeitig darf die Kritik an medialer Sensationslust nicht dazu führen, strukturierte Missstände zu verharmlosen. Wenn innerhalb einer geschlossenen Gemeinschaft Missbrauch stattfindet und dieser durch die internen Hierarchien, ideologische Isolation oder die Machtfülle einzelner Führungspersonen ermöglicht, gefördert oder systematisch gedeckt und religiös begründet wird, ist die Nutzung des Begriffs „Sekte“ fachlich und gesellschaftlich vollkommen gerechtfertigt (vgl. Wikipedia "Wollensak rechtfertigte sogar seine sexuellen Vergehen an minderjährigen Sektenmitgliedern damit, dass diese einen spirituellen „Wachstumsschritt“ für sie bedeuten würden", Quelle). Denn dann liegt eine unbestreitbar destruktive Gemeinschaft vor, was "Sekten" von "gesellschaftlich stigmatisierten Gruppen" unterscheidet.
In solchen Fällen dient die Bezeichnung nicht der pauschalen Stigmatisierung, sondern der präzisen Beschreibung von gefährlichen Gemeinschaftsstrukturen, die das Individuum entmachten und Schutzräume für Straftaten schaffen.