Es ist ein Trend, der sich wie ein Lauffeuer durch die westlichen Demokratien frisst, und die jüngste Entwicklung bei Alaska Airlines (wie das Magazin Schwulissimo berichtet) zeigt auf erschreckende Weise, wie weit er bereits fortgeschritten ist. Ein US-Berufungsgericht hat entschieden, dass zwei ehemalige Flugbegleiterinnen ihre Klage wegen angeblicher „religiöser Diskriminierung“ weiterverfolgen dürfen. Sie waren gefeuert worden, nachdem sie im internen Firmennetzwerk massiv gegen LGBTIQ+-Rechte und den geplanten Equality Act gewettert hatten. Ihre Argumentation? Die Kündigung verletze ihre christlichen Überzeugungen.
Das Ganze offenbart ein tiefgreifendes, strukturelles Problem: Die Religionsfreiheit wird im 21. Jahrhundert zunehmend als juristischer Freifahrtschein für alles missbraucht – insbesondere für persönliche Egogänge, mangelnde Professionalität und als Schutzschild gegen vielleicht berechtigte Kündigungen.
Das Recht auf Diskriminierung im Namen Gottes?
Der Fall zeigt die ganze Absurdität der Debatte. Die Flugbegleiterinnen Lacey Smith und Marli Brown äußerten im Intranet ihres Arbeitgebers die Sorge, ein Gesetz für gleiche Rechte von queeren Menschen würde „die Kirche gefährden“, „Sexualstraftäter begünstigen“ und die „Unterdrückung der Religionsfreiheit fördern“. Alaska Airlines zog daraufhin die Reißleine. Wer die grundlegende Menschenwürde von Kolleginnen, Kollegen oder Fluggästen infrage stellt und Hassmythen verbreitet, verstößt schlicht gegen firmeninterne Antidiskriminierungsrichtlinien. Davon ist nicht die eigene Überzeugung betroffen, weil man ja jederzeit einen anderen Arbeitgeber suchen kann.
Dass ein Gericht nun geurteilt hat, es spiele keine Rolle, ob diese Äußerungen überhaupt mit religiösen Texten untermauert werden können, ist ein fatales Signal. Es öffnet Tür und Tor für eine gefährliche Argumentationskette: Ich kann jede noch so krude, diskriminierende oder unprofessionelle Meinung äußern, solange ich hinterher behaupte: „Das ist mein Glaube.“
Zudem ist dies ein Thema der negativen Religionsfreiheit: Andere müssen nicht meinen Glauben und meine Überzeugung teilen und müssen damit nicht belastet werden.
Vom Grundrecht zum Ego-Schutzschild
Eigentlich soll die Religionsfreiheit Minderheiten schützen und die freie Ausübung des Glaubens garantieren. Doch immer öfter wird sie von konservativen Kräften und Organisationen – im aktuellen Fall dem First Liberty Institute – als Waffe benutzt, um sich über geltende Regeln und das friedliche Miteinander hinwegzusetzen.
Es geht hier nicht um Glaube. Es geht um das persönliche, private Einstellung und den Anspruch, die eigene Intoleranz über die Werte eines modernen Arbeitgebers zu stellen und in die Arbeit einzubringen.
Wenn Angestellte gefeuert werden, weil sie gegen die vertraglich vereinbarte Unternehmenskultur verstoßen, dann ist das keine „religiöse Verfolgung“. Es ist die logische Konsequenz aus unprofessionellem Verhalten am Arbeitsplatz. Wer im Job das eigene Ego nicht im Zaum halten kann und interne Plattformen für ideologische Kulturkämpfe nutzt, muss mit den Konsequenzen leben.
Wo bleibt die Freiheit der anderen?
Wenn die Religionsfreiheit so weit gedehnt wird, dass sie zum ultimativen Kündigungsschutz mutiert, hebelt sie andere Grundrechte systematisch aus. Was ist mit der Freiheit der LGBTIQ+-Mitarbeiter bei Alaska Airlines, an einem Arbeitsplatz frei von Anfeindungen zu arbeiten? Was ist mit der Vertragsfreiheit eines Unternehmens, das selbst entscheiden möchte, für welche Werte es einsteht?
Wenn Gerichte anfangen, jede persönliche Befindlichkeit und jeden egozentrischen Social-Media-Post nachträglich mit dem Stempel der „Religionsfreiheit“ zu adeln, verliert dieses hohe Gut jegliche Glaubwürdigkeit. Religion darf nicht als Joker genutzt werden, um sich aus der Verantwortung für das eigene Handeln zu stehlen. Wer Toleranz für den eigenen Glauben einfordert, muss zuerst einmal lernen, die Existenz anderer Menschen zu tolerieren.