Die Menschenrechtslage in Nigeria steht erneut im Fokus der internationalen Gemeinschaft. Ende Juni 2026 hat der Oberste Gerichtshof des Landes die mit Spannung erwartete Anhörung im Fall eines jungen Sufi-Musikers kurzfristig und ohne Angabe eines neuen Termins abgesagt. Der Künstler befindet sich seit mehr als sechs Jahren in Haft, weil er seinen Glauben in Liedtexten ausgedrückt hat. Ihm droht nach wie vor die Todesstrafe wegen angeblicher Blasphemie.
Die Absage der Verhandlung, die formell mit einer neuen Verwaltungsvorgabe begründet wurde, stellt einen schweren Rückschlag für den Schutz der Religionsfreiheit und der Menschenrechte in Westafrika dar.
Der Fall: Todesurteil wegen WhatsApp-Nachricht
Der Fall zieht bereits seit Jahren internationale Aufmerksamkeit auf sich. Im Jahr 2020 wurde der Musiker im nordnigerianischen Bundesstaat Kano festgenommen, nachdem er selbst verfasste Liedtexte über den Messengerdienst WhatsApp geteilt hatte. Die lokalen Behörden stuften die Inhalte als „blasphemisch“ ein. Die darauffolgenden Ereignisse verdeutlichen die dramatischen Ausmaße der religiösen Verfolgung in der Region: Ein aufgebrachter Mob brannte das Haus der Familie des Musikers nieder, und ein Scharia-Gericht verurteilte ihn in einem Verfahren ohne Rechtsbeistand zum Tode durch Erhängen.
Zwar hob der Oberste Gerichtshof des Bundesstaates Kano das Urteil im Jahr 2021 aufgrund schwerer Verfahrensfehler auf, ordnete jedoch gleichzeitig eine Neuverhandlung unter demselben umstrittenen Gesetz an. Seitdem die Verteidigung im Jahr 2022 Berufung eingelegt hat, verbleibt der junge Mann in Haft – ein Zustand, der von Menschenrechtsorganisationen scharf kritisiert wird.
Blasphemiegesetze als Instrument der Unterdrückung
Nigeria gehört weltweit zu den wenigen Staaten, die Blasphemie unter bestimmten Umständen mit dem Tod bestrafen. Insbesondere in den nördlichen Bundesstaaten stehen diese Gesetze im direkten Widerspruch zu den in der nigerianischen Verfassung garantierten Grundrechten.
Menschenrechtsexperten und Organisationen wie ADF International, die den Fall juristisch unterstützen, warnen vor den weitreichenden Konsequenzen dieser Gesetzgebung. Blasphemiegesetze fungieren in der Praxis oft als Hebel, um religiöse Minderheiten – sowohl innerhalb des Islams als auch christliche Gruppen – systematisch zu kriminalisieren und mundtot zu machen. Jede weitere Verzögerung des Verfahrens legitimiert den Fortbestand dieser gefährlichen Rechtsnormen.
Die erneute Vertagung zeigt, dass der juristische Weg zur Abschaffung der Blasphemiegesetzgebung in Nigeria lang und steinig ist. Wenn Nigeria international als ein Staat wahrgenommen werden möchte, der die Meinungsfreiheit und die Freiheit des Glaubens respektiert, muss die Zentralregierung dringend handeln.
Für Organisationen wie FOREF bleibt der Fall ein zentrales Mahnmal dafür, dass das Menschenrecht auf Religionsfreiheit weltweit und ohne Kompromisse verteidigt werden muss. Die internationale Gemeinschaft darf nicht nachlassen, Druck auf die nigerianischen Behörden auszuüben, um das Leben des Musikers zu retten und willkürliche religiöse Strafen endgültig zu beenden.