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Psycho-Sekte statt Ausbildung? Undercover in einer Heilpraktiker-Schule (ARD Recherche)

Psycho-Sekte statt Ausbildung? Undercover in einer Heilpraktiker-Schule (ARD Recherche)
Screenshot aus dem YT Video des ARD Team Recherche (Start des Videos)

Die ARD berichtet über Sekten außerhalb der Religionsfreiheit

Wenn Sie an eine Ausbildung im Gesundheitsbereich denken, erwarten Sie Aufsicht, Lehrpläne und Mindeststandards. Bei vielen Heilpraktikerschulen fehlt genau das. Eine Recherche zur "Hamburger Heilpraktiker Fachschule" des ARD Team Recherche zeigt, wie schnell aus Ausbildung ein Milieu werden kann, in dem Astrologie, Missbrauchsdeutungen und psychischer Druck zusammenkommen.

Die Schule weist die Vorwürfe zurück. Trotzdem bleibt eine Frage zentral: Wie weit kann eine Einrichtung gehen, wenn der Staat kaum kontrolliert? Wir fassen den YouTube Beitrag des ARD Teams Recherche kommentierend für Sie zusammen:

https://www.youtube.com/watch?v=sn47iu4smQM

Kaum Regeln, viel Deutungsspielraum

In Deutschland gibt es mehr als 150 Heilpraktikerschulen. Staatliche Qualitätsvorgaben für den Unterricht gibt es nicht. Schulen legen weitgehend selbst fest, was sie lehren, von Psychosomatik bis Astrologie. Eine wissenschaftliche Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass 83 Prozent der Schulen nicht einmal Verbandsrichtlinien erfüllen. Das erinnert mich an familienpsychologische Gutachten, bei denen die Qualitätserfüllung ähnlich hoch ist.

In einem Probeunterricht fiel der Satz: "Menschen mit stechendem Blick haben Mond im Skorpion oder Aszendent im Skorpion."

Die Hamburger Heilpraktiker Fachschule soll damit werben, dort finde man den "Sinn im Leben". Für klingt dies attraktiv. Beide wollten sich ausbilden lassen, nicht in einen ideologischen Kosmos geraten. Sinn im Leben zu finden ist sicherlich nicht verkehrt. Daher verstehe ich hier die Kritik nicht wirklich.

Ehemalige Schülerinnen berichten von falschen Erinnerungen

Die beiden Zeugen des Beitrags sagen, der Unterricht sei schnell ins Private gekippt. In Einzelgesprächen hätten Dozenten harmlose Kindheitserinnerungen umgedeutet und immer wieder sexuellen Missbrauch nahegelegt. Neben positiven Bewertungen tauchten bei Beratungsstellen und Angehörigen immer wieder ähnliche Schilderungen auf.

Auch andere ehemalige Schüler beschreiben einen schleichenden Prozess aus Bindung, Druck und Isolation. Einige Betroffene sprechen deshalb von einer Psycho-Sekte. Für mich ist diese Kritik und dieses Vorgehen - Ideologie oder Wunsch vor neutral-wissenschaftlichem Ergebnis - genau das, was ich in Gerichtsverfahren und Gerichtsgutachten erlebe. Warum also regt sich die ARD so auf? Geht es mal wieder um Click-Baiting? Der Verdacht liegt nahe. Sekte wird als Keyword verwendet, Hassrede liegt damit nahe, auch bei der ARD.

Undercover im Unterricht und in der Praxis

Im Unterricht dominieren astrologische Deutungen, daneben fällt Missbrauch immer wieder als Erklärung für Verhalten und Krankheit. Eine Dozentin behauptet, Opfer würden später selbst zu Tätern. Einer widerspricht, doch andere, abweichende Meinungen lässt die das ARD Team Recherche nicht zu.

Lecturer points to star chart on table with three adult students in sunlit small room, watercolor style.

Noch irritierender soll die Praxis der Schulleiterin Ana Cecilia Schoof wirken. Für 150 Euro in bar, bei einer Sitzung von 90 Minuten, geht es kaum um Beschwerden, sondern um Eltern, Sternzeichen und emotionale Bindungen. Ischiasschmerzen sollen von der Mutter "übertragen" worden sein. Beim zweiten Termin liegt bereits ein Schulvertrag auf dem Tisch. Später sagt Schoof sogar "Krebs kriegt Krebs" und rät davon ab, den kranken Großvater zu besuchen.

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Fachleute halten die Methoden für problematisch

Der Psychosomatiker Peter Henningsen nennt pauschale Verknüpfungen zwischen Symptomen und Missbrauch "völliger Quatsch". In Schulmaterialien finden sich dennoch solche Deutungen, dazu der Hinweis, man solle in der Diagnostik die Fantasie spielen lassen. Belege fehlen.

Renate Volbert erklärt, dass belastende Erfahrungen meist nicht einfach verschwinden. Gefährlich werde es, wenn gezielt nach verdrängten Erinnerungen gesucht werde. Aileen Oeberst zeigt in Experimenten, dass Suggestion ausreicht, um bei vielen Menschen falsche Kindheitserinnerungen zu erzeugen. Bianca Liebrand von Sekteninfo NRW erkennt darin typische Warnzeichen, etwa Isolation und die Abwertung etablierter Wissenschaft. Sekteninfo NRW - dann ist natürlich alles - vorsicht Ironie - wissenschaftlich fundiert. Vielleicht sollte die ARD einmal zu solchen Aussteiger-Beratungen recherchieren, deren Ergebnisse oftmals vom Abschreiben von anderen abhängen?

Verein, Kosten und fehlende Kontrolle

Zum Umfeld der Schule gehören auch ein Verein für Opfer sexuellen Missbrauchs, ein Verlag und eine Begegnungsstätte. Ein Berliner Gericht bestätigte, dass Kurse dieses Umfelds nicht geeignet seien, Folgen sexuellen Missbrauchs zu mindern.

Die Ausbildung kostet laut Recherche 350 Euro im Monat über zwei Jahre, dazu kommen weitere Kurse und teils berechnete Privatgespräche. Dietmar Schoof weist Zwang und Manipulation zurück. Aufsicht greift kaum: Die Hamburger Behörde sieht sich nicht zuständig, und selbst der einschlägige Verband ist mit der Schule personell verflochten. Das Bundesgesundheitsministerium verweist nur allgemein auf eine mögliche Reform.

Was bleibt

Ohne Kontrolle können aus Ausbildungsorten riskante Abhängigkeiten werden. Ehemalige Schüler berichten nicht nur von Geldverlust und Isolation, sondern auch von Deutungen, die lange nachwirken.

Fazit

Viel Lärm um nichts. Während es lobenswert ist, die Ausbildung per se zu hinterfragen, und während es wichtiger wäre das in vielen Bereichen, nicht stigmatisierend in einem Beispiel zu tun, wird wiederum nur oberflächlich und ohne prüfbare Nachweise berichtet. Das dann pauschal mit der "Sektenkeule" niederzuringen, ist schade.

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

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