Einleitung: Wenn historisches Gedenken zum medialen Tribunal wird
Die Debatte um das historische Gedenken im Berliner Tiergarten hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Anlass ist die Errichtung eines Mahnmals für die im Nationalsozialismus und in der DDR verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas. Eigentlich ein Akt der historischen Gerechtigkeit gegenüber einer zutiefst dezimierten Opfergruppe. Doch für Qualitätsmedien wie Der Spiegel reicht selbst der blanke Terror des NS-Regimes nicht aus, um ohne den reflexartigen Zeigefinger zu berichten (ähnliches hatten wir hier schon berichtet beim MDR - hat da jemand Kampagnenjournalismus gesagt? Nein. Dann habe ich mich verhört.).
Unter dem provokanten Titel „Wie gedenkt man Opfern, die auch Täter sind?“ lässt das Magazin die Autorin Stefanie de Velasco zu Wort kommen und betreibt damit eine gefährliche Form der Relativierung. Warum schafft es ein vermeintliches Leitmedium nicht, NS-Opfer schlicht als Opfer zu würdigen, ohne sofort in den diskreditierenden „Sekten“-Modus zu verfallen? Bei genauerer Betrachtung offenbart diese Berichterstattung ein tief sitzendes gesellschaftliches und psychologisches Problem. Dass man dann solche Hassrede hinter Bezahlschranken versteckt, finde ich hingegen schon wieder lustig. So wird man nicht "gezwungen", alles zu lesen, was bei diesen Temperaturen sehr entspannend sein kann.
Das Mahnmal im Tiergarten: Journalistische Grenzüberschreitung und Täter-Opfer-Umkehr
In dem Spiegel-Artikel wird die Errichtung einer Skulptur, die an das unvorstellbare Leid und die Standhaftigkeit der Zeugen Jehovas im Angesicht der NS-Diktatur erinnern soll, instrumentalisiert, um eventuelle private Traumata und theologische Kritik bar eigener Fachkunde zu verhandeln. Ausgerechnet der Begriff der „Standhaftigkeit“ – der Kern ihres Überlebenswillens und Widerstands gegen Hitler – wird im medialen Begleittext (unter anderem auf Social-Media-Kanälen des Spiegels) als negatives Merkmal einer „Sekte“ umgedeutet.
Wer den historischen Begriff des Opfers mit Verweisen auf interne religiöse Regeln oder unglückliche Kindheitserfahrungen verwässert, betreibt eine perfide Täter-Opfer-Umkehr. Anstatt die Einzigartigkeit des NS-Unrechts anzuerkennen, wird die Plattform genutzt, um eine anerkannte Religionsgemeinschaft pauschal als „totalitäres Universum“ zu diskreditieren. Dass man hier durchaus an den Grenzen der Holocaust-Verharmlosung argumentiert, hat man in der eigenen eingeschränkten Denkweise offenbar ausgeblendet.
Die Psychologie der Empörung: Schwarz-Weiß-Denken und das Defizit an Aufmerksamkeit
Die Heftigkeit, mit der das Thema in den Medien und Kommentarspalten ausgeschlachtet wird, lässt tief blicken. Hinter dem lautstarken Echo und dem zwanghaften Bedürfnis, „Sekte“ zu rufen, steckt meist kein echtes Aufklärungsinteresse, sondern eine handfeste psychologische Dynamik und fehlende Aufmerksamkeit. Schrei Sekte, Hexe oder Religion, und die Meute der Bluthunde, brav abgerichtet zum Gehorsam, kommt angerannt.
Gefangen im binären Denkmuster
Menschen, die in einem starren Schwarz-Weiß- oder Links-Rechts-Denken gefangen sind, vertragen keine Ambiguität. Für sie darf ein historisches Opfer keine Facetten haben, die nicht in ihr vorgefertigtes Weltbild passen. Wenn eine Gruppe nicht den gängigen gesellschaftlichen Strömungen entspricht, muss sie pathologisiert und ausgegrenzt werden. Das Etikett „Sekte“ dient hierbei als intellektuelle Abkürzung, um sich nicht mit der Tiefe des Glaubens auseinandersetzen zu müssen.
Eingeschränkte Impulskontrolle und die Suche nach Bestätigung
Die mediale Dynamik unserer Zeit belohnt die schnellste und schärfste Empörung. Wer unter einer literarisch eingeschränkten Impulskontrolle leidet, nutzt Gelegenheiten wie diesen Spiegel-Artikel als emotionales Ventil. Die psychologischen Hintergründe sind so banal wie traurig:
Kompensation von Aufmerksamkeitsdefiziten
Wer im realen Leben keine Beachtung oder Anerkennung erfährt, sucht sich im digitalen Raum emotionale Triggerpunkte, um durch radikale Abgrenzung Aufmerksamkeit zu generieren.
Virtue Signaling ohne Risiko
Es erfordert keinen Mut, sich an einer christlichen Minderheit abzuarbeiten. Die Zeugen Jehovas verhalten sich politisch neutral, üben keine Gewalt aus und schlagen medial nicht aggressiv zurück. Sie sind das perfekte Ziel für Menschen, die ihren „Gratismut“ zur Schau stellen wollen.
Warum sich Kritiker gern an denen abarbeiten, die ihnen nichts getan haben
Der Fall zeigt exemplarisch, wie vermeintlich wehrlose Gemeinschaften zur Projektionsfläche für persönliche und gesellschaftliche Frustrationen werden. Die Zeugen Jehovas leben friedlich, zahlen Steuern und halten sich an die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland. Sie sind sogar als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt, was in Österreich z.B. hindern würde, dass die an (Vorsicht! Kann Spuren von Ironie und Nüssen enthalten!) Qualität dem Spiegel in nichts nachstehende Abschreibewerkstatt der Bundessektenstelle nicht einmal zuständig wäre nach österreichischem Recht.
Dennoch werden sie Opfer einer medialen Hetze, die in anderen Kontexten – etwa bei anderen religiösen Minderheiten – sofort als unerträgliche Hassrede eingestuft würde.
Sich an Menschen abzuarbeiten, die niemandem etwas getan haben, ist die leichteste Form der Selbstaufwertung. Indem der ehemalige ethische Kompass Der Spiegel solchen Narrativen eine prominente Bühne bietet und das Gedenken an ermordete Menschen mit einer Generaldebatte über deren Glaubensgemeinschaft verknüpft, verlässt er den Pfad des seriösen Journalismus.
Fazit: Zeit für journalistischen Anstand und Differenzierung, Zeit für FOREF, Zeit für Religionsfreiheit!
Ein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus sollte ein Ort des Innehaltens und des Respekts sein. Wenn selbsternannte (auch hier referiere ich nur die oftmalige Bezeichnung geistiger Führer als "selbsternannt" in der Presse) Leitmedien wie Der Spiegel diesen Raum nutzen, um mit Begriffen wie „Sekte“ Klicks zu generieren und das Aufmerksamkeitsbedürfnis einer impulskontrollgestörten Minderheit zu bedienen, beschädigen sie die deutsche Erinnerungskultur, den Frieden in der Gesellschaft, und beschmutzt nachhaltig ein wichtiges Grundrecht wie die Religionsfreiheit. Es mag sein, dass diese dem einen oder anderen ein Dorn im Auge ist, aber noch müssen wir in Deutschland mit unserem wunderbaren Rechtsstaat "leben" - und das liese sich gut tun, würde man die Regeln akzeptieren und einhalten.
Es ist an der Zeit, das moralisierende Schwarz-Weiß-Denken abzulegen. Die Würde des Menschen – und insbesondere das Andenken an die Opfer von Diktaturen – darf nicht zum Spielball für persönliche Defizite und mediale Klickjagd werden.
Und genau dafür gibt es FOREF als unermüdlichen Kämpfer für die Freiheit des Einzelnen, die Religionsfreiheit. Insoweit bedanken wir uns beim Sektenspiegel für unsere nachhaltige Legitimation.
Dieser Artikel erschien auch in English auf Substack.