Die Debatte um den Einfluss einiger religiöser Bewegungen auf die Politik hat durch Berichte über prominente Persönlichkeiten in Washington eine neue Dynamik erhalten. Im Fokus internationaler und deutschsprachiger Medienberichte – wie unlängst bei t-online thematisiert – steht vermehrt das Verhältnis zwischen der profilierten US-Politikerin Tulsi Gabbard und der Glaubensgemeinschaft Science of Identity Foundation (SIF) sowie deren Gründer Chris Butler. SIF gilt als Ableger der International Society for Krishna-Consciousness.
Bei genauerer Betrachtung der Narrative entpuppt sich die vermeintliche Enthüllungsstory schnell als altbekanntes Muster: der gezielte Einsatz stigmatisierender Begrifflichkeiten zur politischen Diskreditierung, gepaart mit journalistischem Click-Bait ohne fundierte Informationen oder gar Beweise.
Normales Lobbying rechtfertigt den „Sekten“-Begriff nicht
In der Berichterstattung wird häufig suggeriert, die Beratung einer Politikerin durch religiöse Mentoren oder die Orientierung an spirituellen Werten sei per se verdächtig oder gar gefährlich. Dabei wird bereitwillig auf den soziologisch vagen und abwertenden Begriff der „Sekte“ zurückgegriffen. Fakt ist jedoch: Politisches Lobbying, der Austausch mit zivilgesellschaftlichen Gruppen und die Einholung von Ratschlägen gehören zum Kernbereich des demokratischen Prozesses. Solange keine Gesetze verletzt werden, ist die Beratung durch spirituelle Lehrer oder religiöse Netzwerke ein vollkommen legitimer Vorgang, der das Grundrecht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit widerspiegelt.
Die Verleihung des Stigmas „Sekte“ dient in diesem Kontext meist nicht der sachlichen Aufklärung, sondern der bewussten Ausgrenzung unliebsamer Akteure. Das Label wird strategisch genutzt, um religiöse Minderheiten zu pathologisieren und ihre Partizipation am öffentlichen Leben zu delegitimieren.
„Wer politische Einflussnahme per se zum Kriterium für die Stigmatisierung als ‚Sekte‘ erhebt, müsste folgerichtig auch etablierte Großkirchen und traditionelle Religionsgemeinschaften infrage stellen.“
Zweierlei Maß: Politischer Einfluss etablierter Religionen
Die fundamentale Doppelmoral der aktuellen Berichterstattung wird im direkten Vergleich mit traditionellen Glaubensgemeinschaften deutlich. Weltweit, und ganz besonders in Europa und Deutschland, machen etablierte Religionen ihren Einfluss vollkommen offen und institutionell verankert politisch geltend. Man muss in der deutschen Parteienlandschaft nicht lange suchen: Große Volksparteien tragen ein stolzes „C“ für christlich im Namen und betonen fortwährend das christliche Menschenbild als Fundament ihrer Gesetzgebungsinitiativen - unabhängig von der Frage, ob diese Einstellung faktisch so christlich stattfindet.
Kirchenvertreter sitzen in Rundfunkräten, halten regelmäßige Konsultationen mit Regierungsvertretern ab und nehmen über Verbände direkten Einfluss auf ethische, soziale und familiäre Gesetzgebungsverfahren. Dieses etablierte Lobbying wird als integraler Bestandteil der demokratischen Kultur akzeptiert.
Wenn jedoch eine Politikerin wie Tulsi Gabbard, die sich zum vorderasiatisch-hinduistischen Kulturkreis bekennt, Rat bei Vertretern der Science of Identity Foundation sucht, wird dies im westlichen Diskurs sofort zur nationalen Sicherheitsbedrohung hochstilisiert. Diese selektive Empörung offenbart eine tief sitzende Voreingenommenheit gegenüber religiösen Minderheiten.
Washingtoner Realität: Keine Spur von Isolation
Ein weiteres Standardnarrativ über sogenannte „Sekten“ ist das Bild der totalen sozialen Isolation und der mangelnden mentalen Autonomie ihrer Mitglieder. Auf eine Persönlichkeit wie Tulsi Gabbard – die als Kongressabgeordnete, Offizierin der Nationalgarde und hochrangige Regierungsberaterin im Zentrum der weltweiten Macht agiert – trifft dieses Klischee offenkundig in keiner Weise zu.
Wer sich in den hochkompetitiven Netzwerken Washingtons behauptet, internationale diplomatische Beziehungen pflegt und Spitzenämter bekleidet, lebt nicht in einer isolierten Blase. Die Behauptung, solche Personen seien willenlose „Marionetten“ im Hintergrund agierender Gurus, entbehrt jeglicher soziologischen und praktischen Realität. Sie unterschätzt nicht nur die intellektuelle Unabhängigkeit der Betroffenen, sondern dient schlichtweg dazu, sachliche politische Differenzen auf eine vermeintliche psychische Abhängigkeit umzuleiten.
Click-Bait und die Erosion journalistischer Standards
Warum also halten sich diese Narrative so hartnäckig? Die Antwort liegt in der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Sensationelle Schlagzeilen über „geheimnisvolle Kulte“, „spirituelle Mentoren“ und „Strippenzieher“ generieren verlässlich Klicks und Reichweite.
Spoiler: Deshalb verzichten auch wir nicht auf den Begriff "Sekte", um im Wettbewerb nicht unsichtbar zu bleiben.
Anstatt komplexe geopolitische Positionen oder sachliche Kritik an politischen Entscheidungen zu transportieren, verlegen sich viele Medien auf das Bedienen von Vorurteilen und Ängsten.
Das Forum für Religionsfreiheit (FOREF) fordert daher eine Rückkehr zu einem fairen und neutralen Journalismus, der das verfassungsmäßige Recht auf Religionsfreiheit respektiert. Die Diskreditierung politischer Gegner über ihre religiöse Identität gefährdet den pluralistischen Diskurs und spaltet die Gesellschaft entlang weltanschaulicher Linien.