"Go&Change
M. Kloibhofer:
Mein Name ist Magdalena Kloibhofer. Ich komme von Go & Change. Bevor ich über uns spreche, möchte ich erstmal sagen, dass es mir sehr nahe geht, was ich heute von Ihnen allen gehört habe. Über Ihre Geschichte und Kulturen, und Berichte brutaler Verfolgung, in China, im Irak, in Korea, in vielen anderen Ländern auf der Welt. Ich danke Ihnen für die Offenheit, Ihre schmerzhaften Erfahrungen mit uns zu teilen, und für Ihren Mut. Es ist mir eine Ehre, heute unter Ihnen zu sein und uns als Gemeinschaft vorzustellen. Danke Michael, dass Du uns hier zusammengebracht und diesen Raum eröffnet hast.
Ich bin in Österreich und in Deutschland aufgewachsen, in dem Glauben, dass hier bei uns die Welt in Ordnung ist. In meiner Jugend war ich begeistert von Amnesty International und wollte später dort arbeiten, weil ich erschüttert war, dass es Menschen gibt, die für ihre Überzeugung, für ihren Glauben, für Gewissensentscheidungen eingesperrt und sogar gefoltert werden.
Dr. Eckert:
Ich bin Dr. Till Eckert.
Ich bedanke mich bei dir, Michael, sowie den Organisatoren, für die Einladung und die Möglichkeit, hier zu sprechen. Ihr habt „mal eben“ ein wichtiges Event aus dem Boden gestampft um Menschen, die in ihrer Religion oder Weltanschauung verfolgt werden, eine Stimme zu geben. Danke!
Ich selbst arbeite als Arzt in einem Krankenhaus, sowie als Notarzt, und mein Alltag besteht aus Krankheit, Leid und Extremsituationen, durch die ich schmerzhafterweise viele Menschen allein durchgehen sehe. Umso mehr glaube ich, dass Gemeinschaft die dringend notwendige Antwort auf zentrale Themen des Lebens ist.
Als Freund der Gemeinschaft verfolge ich die aktuellen Entwicklungen aufmerksam und mache mir insbesondere Gedanken über die Situation meines Freundes Kai sowie dessen medizinische Versorgung während seiner Haft.
M. Kloibhofer:
Wir sind von Go & Change heute mit 11 Leuten hier, und sind etwa 20 Menschen im engeren Kreis. Wir arbeiten an einer Kultur, die auf Liebe ausgerichtet ist und in der wir lernen wollen, Verantwortung für uns selbst, für die Welt um uns herum und unseren Beitrag zu einer friedlicheren Welt zu übernehmen. Das heißt, wir fangen bei uns selbst an!
Wir sind vor über zehn Jahren aus einem Freundeskreis um unsere Gründer Kai und Felix entstanden. Immer mehr Menschen kamen zu ihren Treffen, in denen sie eine besondere Qualität der Kulturarbeit für Liebe und Frieden erlebt haben, die unmittelbar an unseren zwischenmenschlichen Interaktionen ansetzt.
Seit 2017 leben wir in einem ehemaligen Kloster in Unterfranken. Dort haben zeitweise um die 90 Menschen mit uns gelebt, hunderte von Gästen gingen ein und aus, bis zur Coronazeit und den Medienkampagnen, von denen ich gleich noch sprechen werde. Wir haben dort einen großen Garten und leben mit knapp 100 Tieren – Katzen, Vögeln, Enten, Minischweinen, Pfauen, Ponys, Eseln, Wallabys – das sind kleine Kängurus – und einigen mehr.
Also, warum stehen wir heute hier?
Wir sind keine Religionsgemeinschaft. Unsere Gemeinschaft steht in der Tradition von alternativen Lebensgemeinschaften, wie Ökodörfern oder Kommunen. In den letzten etwa 100 Jahren haben sich viele solcher Gruppen in Europa und in Deutschland gefunden, und sehr viele haben Hetze und Verfolgung erlebt. Heute ist es subtiler als zu Zeiten der Inquisition, es wird eher Rufmord verübt.
Es gibt eine Blaupause, ein Skript, wie alternative Lebensgemeinschaften und religiöse Gemeinden, die nicht zu den großen Amtskirchen gehören, immer wieder angegriffen werden.
Erster Schritt: Die Weltanschauungsbeauftragten der großen Kirchen schlagen Alarm aufgrund angeblicher Sektengefahr. Die Medien machen auf die Gruppe aufmerksam, bezeichnen sie als umstritten und zeichnen das Bild einer missbräuchlichen Führung und ausgebeuteter Mitglieder, die keine eigene Meinung mehr haben und gleichzeitig als Opfer und als Täter dargestellt werden.
In den letzten 5-6 Jahren sind mehr als 200 extrem diffamierende Medienberichte über uns erschienen, von der Lokalzeitung bis zu SZ, Bild oder RTL. Neben berufsmäßigen Hetzern wie den genannten Weltanschauungsbeauftragten sind es hauptsächlich ehemalige Mitglieder die die Gemeinschaft verlassen mussten, die daran mitwirken und uns am härtesten bekämpfen. Dasselbe habe ich auch von anderen Gemeinschaften mitbekommen.
Nächster Schritt: Die Ämter und Behörden werden aktiv. Vom Gesundheitsamt bis zum Veterinäramt gab es Besuche und Versuche, Fehler bei uns zu finden.
Häufig wird das Jugendamt aktiv, um die Schwächsten zu treffen, die Kinder. Es wird immer wieder versucht, alternativen Gemeinden und Lebensgemeinschaften die Kinder wegzunehmen. Das ist auch uns passiert und so haben wir dich, Michael, kennengelernt.
Das Jugendamt geht so heftig gegen uns vor, dass sich aktuell keine Familie mit Kindern mehr traut, bei uns zu leben. Dahinter steht, so ergibt es sich aus den Akten, politischer Druck des örtlichen Landrates. Wir kämpfen dafür, dass sich das wieder ändert.
Dritter Schritt: Neben den Kindern wird vor allem die Leitung angegriffen, um Gemeinschaften zu destabilisieren. Gründer finden sich häufig in einseitig geführten Gerichtsverfahren wieder, die von extremer Vorverurteilung in den Medien begleitet werden.
Wir haben bereits vier Großrazzien erlebt, teils mit vermummten Polizisten mit gezogenen Waffen, bereit Gewalt gegen uns anzuwenden.
Unser Freund und Gründer Kai, der wichtigste Inspirator und die treibende Kraft hinter unseren stärksten und erfolgreichsten Entwicklungsprozessen, ist seit Mai 2023 im Gefängnis. Zu seiner Situation wird Till gleich noch mehr berichten.
Warum werden wir so angegriffen?
Diese Hetze und dieses Rampenlicht hatten wir nicht erwartet, als wir angefangen haben im kleinen Kreis Kulturarbeit für Liebe und Frieden zu versuchen, um an schöneren Beziehungen und ehrlicher Begegnung zwischen uns zu arbeiten.
Ich habe viele Jahre für Nachhaltigkeit und Ethik in der Wirtschaft gearbeitet und habe festgestellt, dass wir die Lösungen für unsere ökologischen und sozialen Probleme, für Hunger und Krieg in der Welt bereits kennen – wir wenden sie nur nicht an. Es ist ein kulturelles Problem.
Aus Krieg in mir selbst und zwischen uns entsteht Krieg in der Welt und umgekehrt, der Krieg in der Welt hat über Generationen tiefe Wunden geschlagen in unseren Familien, in unsere Psyche, in unserer Seele, in unseren Herzen. Er befeuert weiter die Gewalt, die wir auch selbst ausüben.
Unsere Erfahrung ist, dass wir das beenden können, wenn wir uns in Liebe diesen alten Wunden zuwenden, um sie zu verstehen und zu heilen, und zusammen im Vertrauen durch die dort gespeicherten schmerzhaften Gefühle hindurchgehen zu einem schöneren Miteinander. Auf diesem Weg sind wir uns in den letzten Jahren sehr nahegekommen.
Wir sprechen über alles, über Tabuthemen, über Gefühle, Sexualität, Macht, psychische Krankheit, über Liebe. Wir unterstützen uns bei der Erforschung unserer Wünsche und Potenziale, bei der Entfaltung unserer Fähigkeiten, der Verwirklichung von Lebensträumen. Und wir benennen die Grausamkeiten, die wir uns auf subtiler und weniger subtiler Ebene antun und die destruktiven Verhaltensweisen, die wir aneinander erkennen. Wir sprechen an, wo wir nicht friedlich sind, und unterstützen uns dabei, das zu verändern. Diese Reflektion kann zu Kränkungen führen. Und wenn aus dieser Kränkung zu viel Projektion und Hass resultiert, dann schicken wir die Menschen weg und bitten sie, erst wiederzukommen, wenn sie das verändern möchten. Erstmal weggeschickt zu werden, verstärkt bei vielen zunächst die Kränkung. Aus diesen Kränkungen ist viel Widerstand und Rache gegen uns entstanden, weil viele Menschen sich mit ihren Wunden arrangiert haben, ihre Schmerzen dort nicht fühlen möchten, und sich mit aller Gewalt dagegen wehren. Manche wollen uns ernsthaft zerstören und vernichten.

Dr. Eckert:
Vielen Dank Magdalena. Betroffen macht mich die Situation meines Freundes und Gemeinschaftsmitgründer Kai, der sich aus meiner Sicht aufgrund nicht zu Ende geprüfter Vorwürfe in Haft befindet. Dass weltweit immer wieder die gleichen Angriffe mit den gleichen Begriffen und immer wieder gleichen Phrasen gegen verschiedene Gemeinschaften und insbesondere ihre Gründer erfolgen, wie aktuell auch gegen die hier anwesende Gemeinschaft SCJ, beschäftigt mich. Dass dahinter ein System steckt, wird immer offensichtlicher. Michael hat mich gebeten zu dem folgenden einen Beitrag zu machen:
Kai, der wie kein anderer, den ich kenne, für elementare Werte einsteht und diese vorlebt, wurde von seiner ehemaligen Partnerin, einer jetzigen Aussteigerin, der Vergewaltigung und Körperverletzung angeklagt und in einem groß angelegten, m.E. einseitigen Gerichtsverfahren über 33 Verhandlungstage zu 2 Jahren und 9 Monaten Haft und einer Maßregel verurteilt. Im Fokus stand m.E. weniger die Tat selbst als mehr die Gemeinschaft und ihr „Guru“. Die Presse flankierte das Verfahren mit einer groß angelegten medialen Diffamierungskampagne mit über 100 Artikeln zum Verfahren, in denen die Gemeinschaft als gefährliche Psychosekte und Kai als gemeingefährlicher Guru dargestellt wird. Dieses Muster dürfte einigen hier bekannt vorkommen. Für Behörden und Politik, denen die Gemeinschaft schon lange ein Dorn im Auge war, war dies wohl ein gefundenes Fressen. Die gesamte Verhandlung hat meinen Glauben an die deutsche Rechtsstaatlichkeit zutiefst erschüttert und deswegen ist es mir ein Anliegen heute hier zu sprechen.
Kai war vor den Vorfällen, die zu seiner Verhaftung geführt haben, gesund und psychisch stabil.
U.a. durch seine damalige Partnerin, die laut ihren Aussagen seit ihrer Jugend Drogen konsumiert und die, wie sie vor Gericht einräumte, im Drogenrausch Kai wahnwitzige Geschichten über grausame Taten erzählte, glitt er immer mehr in eine schwere drogeninduzierte Psychose. Was in dieser Zeit passierte, ist bis heute nicht endgültig geklärt. So wurde er verhaftet. Doch statt Hilfe zu erhalten, wurde Kai weggesperrt und über ein ¾ Jahr isoliert und destabilisiert. Wegen vermeintlicher Verdunkelungsgefahr durfte er Gemeinschaftsmitglieder und Freunde weder sehen noch sprechen. Zudem wurde er im Zustand der Psychose mit aggressiven Mithäftlingen eingesperrt, die ihm mit Mord drohten und die Zelle im Wahn demolierten und die Wände mit Exkrementen beschmierten.
Die Ärzte und Psychiater im Gefängnis setzten Kai, der vor der Haft gar keine Medikamente einnahm, innerhalb von 3 ½ Monaten teils ohne jegliche medizinische Indikation auf 22 Medikamente, darunter 11 Psychopharmaka (!) mit teils stark süchtig machender und wesensverändernder Wirkung, nur um diese später wieder abrupt abzusetzen, was natürlicherweise schwere Entzugserscheinungen und eine weitere Verschlechterung seines Zustands zur Folge hatte. Und genau in dieser Zeit kam ein Gutachter vom Gericht, hat Kai begutachtet und die Weichen für den folgenden Prozess gestellt.
Gleichzeitig wurde er neun (!) Mal zwischen sechs Einrichtungen hin- und hergeschoben, und wo immer er hinkam, war durch die mediale und justizielle Stigmatisierung bereits vorab das Bild eines gefährlichen Sektenführers von ihm gezeichnet.
In der Haft war Kai mehrfach dem Tode nah.
In der JVA Würzburg wurden seine Beschwerden eine Woche lang ignoriert und nicht geglaubt – bis er komatös in der Zelle zusammenbrach. Es folgten drei Tage Intensivstation und Langzeitfolgeschäden.
Später erlitt er eine lebensbedrohliche Lungenentzündung mit Bluthusten, Atemnot und hohem Fieber, wo jeder normale Mensch ins Krankenhaus gekommen und mit Sauerstoff versorgt worden wäre. Hier hat der Arzt sogar eine einfache Notfalluntersuchung nicht durchgeführt – einmal, als es besonders schlimm war, hatte der Arzt Bereitschaft und wollte dafür nicht extra her kommen. Erst durch Einschreiten seiner Anwälte erhielt er Antibiotika und trägt bis heute bleibende Lungenschäden davon.
Während seiner Haftzeit entwickelte Kai chronische Krankheiten. Er erhält oftmals nicht die notwendige Therapie, offene Wunden werden nicht versorgt, trotz chronischer Schmerzen erhielt er monatelang gar keine oder die falschen Schmerzmittel, die meisten notwendigen Arztbesuche finden nicht oder mit teils jahrelanger Verspätung statt und es wird wiederholt nicht auf Notrufe reagiert. Zu Arztterminen wird er an Händen und Füßen gefesselt und von zwei Wachmännern durch die Innenstadt ins Wartezimmer geführt. Bei extrem hohen Sommertemperaturen wird er teilweise ohne ausreichende Frischluftzufuhr nahezu den ganzen Tag zu zweit in einer sehr kleinen Zelle eingesperrt. Trotz dreieinhalb Jahren sauberer Drogentests und ohne Suchtgeschichte gilt er als „drogenabhängig“; verweist er darauf, wird ihm „Uneinsichtigkeit in sein Drogenproblem“ vorgeworfen. Fragt er, welche Sucht denn zu therapieren sei, weiß keiner eine Antwort und die Therapie fällt aus. Schließlich wurde die Therapie seitens der Klinik ganz abgebrochen. Hierdurch wurde ihm fast ein ganzes Lebensjahr gestohlen! Anträge über diese Missstände verwinden oder werden nicht berücksichtigt und Kai – weil er sich beschwert, als Querulant abgestempelt.
So ist Kai seit bald 4 Jahren in Haft, obwohl er zu 2 Jahren und 9 Monaten verurteilt wurde. All das ist m.E. systematische Misshandlung, Schikane, Erniedrigung und öffentliche Bloßstellung – und letztlich eine fundamentale Verletzung von Menschenrechten und Menschenwürde. Genau deshalb sind wir heute hier.
Nicht nur für chronisch Kranke sind diese Haftbedingungen teilweise menschenunwürdig. Auch unabhängige Aufsichtsbehörden wie die Nationale Stelle zur Verhütung von Folter und andere NGOs haben sie wiederholt kritisiert.
Und in diesem System kann Macht missbraucht werden – etwa durch Schikanen oder die Verweigerung notwendiger Hilfe. Für mich überschreitet das eine Grenze und kann den Charakter von Folter oder Sadismus annehmen.
Und das findet statt! Ein Anstaltspsychiater soll Kai sinngemäß gesagt haben, dass er keine Hilfe bekommen werde, wenn er die Tat nicht jetzt gestehe. Bei einem Notarzteinsatz habe ich selbst erlebt, wie derselbe Arzt einem komatösen Patienten mit erheblicher Kraft ins Gesicht schlug, um mir zu demonstrieren, dass dieser nicht auf Schmerzreize reagierte. Als ich diesen Vorfall später einer Juristin schilderte, sagte sie mir, der Arzt sei für ein solches Verhalten bereits bekannt. Ich kann das nicht unabhängig beurteilen – aber die Aussage hat mich sehr nachdenklich gemacht.
Vermutlich gerade, weil Kai nicht eingeknickt ist und es die Gemeinschaft noch immer gibt, wird der Druck auf ihn und die Gemeinschaft m.E. immer weiter massiv erhöht. Auch dieses Muster dürfte vielen in diesem Saal bekannt sein.
Wir müssen nicht die gleichen Ziele haben, den gleichen Glauben teilen oder in allen Fragen einer Meinung sein. Aber wir können uns gegenseitig den Rücken stärken, wenn Menschen aufgrund ihrer Überzeugungen oder ihrer Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft angegriffen werden, und unter den immer wieder gleichen medialen, gesellschaftlichen oder staatlichen Druck geraten.

M. Kloibhofer:
Was uns gerade sehr den Rücken stärkt, ist die Zertifizierung durch FOREF. Das erste Mal widmet sich eine unabhängige Organisation unserem Fall, hört uns zu, sammelt Informationen von ALLEN Seiten, analysiert sie gründlich und nach wissenschaftlichen Standards. Laut den bisher veröffentlichten, vorläufigen Zwischenergebnissen erfüllen wir die wesentlichen Kriterien wie Kontrolle oder Guru-System nicht und sind somit keine „Sekte“.
Wir haben aus der Situation in kurzer Zeit viel gelernt, und uns in verschiedensten Bereichen rund um Gemeinschaftsprozesse, medizinische und juristische Sachverhalte Kompetenzen und konkrete Lösungen erarbeitet, die wir gerne weitergeben. Zugleich sind wir an euren Erfahrungen und Kompetenzen interessiert und würden gerne auch langfristig zusammenarbeiten und uns gegenseitig unterstützen, da wo wir angegriffen werden, und natürlich auch, wenn wir nicht angegriffen werden. Also lasst uns gerne in Austausch treten!
Vielen Dank."