Bewertung der Berichterstattung der WAZ vom 05.05.2026
"SEK stürmt Wera Forum: Ein tiefer Einblick in die Recherche zur Sekte"
Was am 30. Juli 2025 mit einem großangelegten Einsatz eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) im Duisburger Stadtteil Großenbaum begann, hat sich laut WAZ zu einer "langjährigen Recherche" über die Hintergründe der Religionsgemeinschaft „Wera Forum“ entwickelt. Während die Behörden wegen des Verdachts auf illegalen Waffenbesitz ermittelten und den Begriff "Sekte" vermeiden, rückt die WAZ in einem neuen Artikel die Struktur der Gemeinschaft in den Fokus der öffentlichen Debatte.
Der SEK-Einsatz und die behördlichen Ermittlungen
Anlass des polizeilichen Zugriffs im Sommer 2025 war der Verdacht auf Verstöße gegen das Waffengesetz. Bei der Durchsuchung des Gebäudes stellten die Einsatzkräfte unter anderem zwei Luftgewehre, eine Schreckschusswaffe, einen Taser sowie ein Nunchaku sicher. Obwohl nur wegen illegalem Waffenbesitz ermittelt wurde, wurden kistenweise Unterlagen und elektronische Datenträger für die weiteren Ermittlungen beschlagnahmt. Die Staatsanwaltschaft hält sich aufgrund des laufenden Verfahrens mit detaillierten Auskünften derzeit zurück.
Das Sektennarrativ der WAZ: Warum "Experten" von einer Sekte sprechen
Die Einordnung des Wera Forums als Sekte durch die WAZ stützt sich auf Einschätzungen von "Experten" und Berichten zahlreicher Aussteiger. Der Multimodale Ansatz von Barker scheint unbekannt:
Teilnehmende Beobachtung: Sie lebte zeitweise in den Gemeinschaften.
Tiefeninterviews: Sowohl mit aktiven Mitgliedern als auch mit Aussteigern.
Kontrollgruppen: Sie verglich die Mitglieder mit Menschen ähnlichen Alters und Hintergrunds, die keine „Moonies“ waren.
Dass ein Weltanschauungsbeauftragter Kontakte an die Presse vermittelt, ist bedenklich. Neutralität wird hier durch subjektive Vorauswahl ersetzt.
Die Pflicht zur neutralen Berichterstattung
In einem Rechtsstaat unterliegt die Presse der Pflicht zur sorgfältigen und neutralen Berichterstattung. Dies ist besonders bei komplexen Themen wie Religionsgemeinschaften von Bedeutung, um Vorurteile zu vermeiden und die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten zu wahren.
Das Wera Forum selbst weist die Vorwürfe der Voreingenommenheit gegen die Medien zurück und wirft der Berichterstattung mangelnde Objektivität vor. Die Leitung der Gemeinschaft fordert eine „angemessene Korrektur“ der Darstellung und zweifelt die journalistische Unabhängigkeit an, insbesondere wenn Informationen auf anonymen Quellen („gut informierte Kreise“) basieren.
Die Redaktion der WAZ betont hingegen, dass der Quellenschutz ein hohes Gut der Pressefreiheit darstellt, um Informanten vor möglichen Konsequenzen zu schützen. Dennoch bleibt es die Aufgabe des Journalismus, alle Informationen einer rechtlichen Prüfung zu unterziehen und nur das zu veröffentlichen, was ausreichend belegt werden kann. Das laufende Gerichtsverfahren zwischen Vertretern des Wera Forums und der Presse wird zeigen, wie die juristische Bewertung dieser Spannungsfelder ausfällt.
Die Einlassung von Pastor Epp auf Youtube
Das Video mit dem Titel "Sektenvorwurf & Polizeigewalt - Dieser Pastor rechnet mit Deutschland ab!" ist ein ausführliches Interview des Formats „Ketzer der Neuzeit“ mit dem russlanddeutschen Pastor Alexander Epp.
Hier ist eine Zusammenfassung der wesentlichen Inhalte und Aussagen.
Hintergrund des Videos ist ein Polizeieinsatz. Die Polizei stürmte morgens um 6:00 Uhr die Wohnung des Pastors sowie die Gemeinderäume seiner christlichen Gemeinde. Alexander Epp berichtet von erheblicher Gewaltanwendung (ähnliches berichten auch andere "Sekten" bei Polizeieinsätzen). Ihm wurde laut eigenen Angaben die Tür aufgesprengt, die Nase gebrochen und er wurde blutig geschlagen. Epp zieht einen scharfen Vergleich zwischen dem heutigen Deutschland und der ehemaligen Sowjetunion. Er äußert sich schockiert darüber, dass er in Deutschland physische Gewalt durch Behörden erfährt, während er in der Sowjetunion eher bürokratische Vorladungen erhielt.
Das Video beleuchtet die theologische Selbsteinordnung der Gemeinde, die oft als "Sekte" stigmatisiert wird. Die Gemeinde hat Mennonitische Wurzeln. Epp erklärt die Geschichte der Mennoniten und Baptisten, die aufgrund ihrer Ablehnung des Militärdienstes und der Erwachsentaufe (Glaubenस्तaufe) historisch oft verfolgt wurden. Die Gemeinde versteht sich als bibeltreu und unpolitisch. Ihr Fokus liegt auf einem Leben nach christlichen Werten, fernab staatlicher Einmischung in Glaubensfragen.
Weiter berichtet Epp ausführlich über seine Vergangenheit, was seinen heutigen Blick auf Freiheit und Glauben erklärt. Er war in der Sowjetunion als Bibelschmuggler aktiv und schildert, wie die Familie ihren Glauben im Geheimen ausleben musste, oft versteckt vor dem eigenen Vater, der sich vom Glauben losgesagt hatte, um Repressalien zu entgehen. Er thematisiert die Geschichte der Russlanddeutschen, die durch Fleiß oft wirtschaftlich aufstiegen, was wiederum Verfolgung durch sozialistische Systeme nach sich zog.
Epp kritisiert, dass das Christentum im Westen "gemütlich" geworden sei und viele Christen ihren Eifer verloren hätten. Er äußert tiefes Misstrauen gegenüber dem aktuellen staatlichen System in Deutschland und sieht Parallelen zu autoritären Strukturen, die religiöse Minderheiten unter dem Vorwand des "Sektenverdachts" diskreditieren.
Wesentliche Aussagen Epps zusammengefasst:
Der Pastor sieht den Polizeieinsatz als einen Akt staatlicher Willkür und Einschüchterung gegen eine unliebsame religiöse Gruppe.
Trotz der Gewalt und der rechtlichen Auseinandersetzungen (es laufen Ermittlungen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt sowie wegen Körperverletzung im Amt) betont Epp, dass es eine "Ehre" sei, für den Glauben zu leiden.
Das Video endet mit einem gemeinsamen Gebet, in dem auch für die beteiligten Polizisten gebetet wird, in der Hoffnung, dass diese die "Wahrheit" erkennen.
Das Video dient primär als Plattform für Epp, seine Sicht der Dinge darzustellen und vor einer aus seiner Sicht drohenden Erosion von Religionsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit in Deutschland zu warnen.
Unabhängig von öffentlichen Diskussionen gilt:keine staatliche Einstufung als Sekte
keine Beobachtung durch staatliche Behörden
keine Aberkennung der Gemeinnützigkeit
kein Verbot oder behördliches Vorgehen gegen die Gemeinde als Organisation
(Webseite Wera Forum)
Das typische Sektennarrativ in der WAZ und typische Fehler der Presse
Erneut fällt auf, dass der Dreiklang der religionssoziologischen Arbeit nicht erfüllt wird. Neutrale Stimmen wie Kunden, Freunde und Familie (Nicht Mitglieder!) kommen nicht zu Wort. Wenn ich lese, dass der WAZ "Weltanschauungsbeauftragte", also Menschen die von Konkurrenzreligionen beschäftigt und bezahlt werden, Kontakte zugeführt werden, ist dies bedenklich, weil nicht neutral. Die Beeinflussung durch Gespräche kann so nicht ausgeschlossen werden.
Der Artikel bleibt, wie viele solcher Sektenartikel, flach und ist eine Beweihräucherung der WAZ für sich selber. Um Inhalte, Fakten, Sektenkritierien und Belege dafür geht es schon lange nicht mehr. Daher ist es befremdlich, erneut mit dem Sekten-Keyword Werbung zu machen, das man als Ergebnis vorweg stellt. Besser wäre es, mit ausgewogener Berichterstattung und einer transparenten Argumentation für die eigene Arbeit Werbung zu machen.
Weitere Quellen: