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Menschenrechte statt Alarmrhetorik und Theologie als Waffe?

Menschenrechte statt Alarmrhetorik und Theologie als Waffe?
Symbolbild, KI generiert

Der Chrismon-Beitrag über Apokalypse und Islam des islamischen Theologen Mouhanad Khorchide greift ein heikles Thema auf. Sobald Theologie mit Waffe, Endzeit und Bedrohung verbunden wird, entsteht schnell mehr als Analyse. Denn Worte ordnen nicht nur ein, sie schaffen auch Verdachtsräume.

Aus Sicht eines Verteidigers der Menschenrechte gilt deshalb eine klare Linie: Religion darf beschrieben und kritisiert werden. Sie darf aber nicht so dargestellt werden, dass aus Gläubigen eine verdächtige Gruppe wird. Mit diesem Maßstab lässt sich der Text fair prüfen.

Worum es in dem Artikel geht, und warum die Zuspitzung problematisch ist

Der Beitrag zeichnet nach, wie apokalyptische Motive im Islam politisch nutzbar gemacht werden können und wie aus Theologie ein Werkzeug der Gewalt wird. Das ist ein reales Problem, wenn Extremisten religiöse Bilder für Machtzwecke missbrauchen. Heikel ist jedoch die Sprache. Gerade die Kopplung von Islam, Apokalypse und Waffe aktiviert Angstbilder und kann größer wirken als die beschriebenen Fälle.

Theologie ist nicht automatisch Gewalt

Religiöse Texte, Predigten und politische Gewalt sind nicht dasselbe. Zwischen Glauben und Tat liegen Auslegung, Machtinteressen und Organisation. Wer das nicht trennt, verwechselt Religion mit Ideologie. Dann wird aus einer Strömung rasch ein Urteil über Millionen Gläubige.

In den vergangenen Monaten kursierte in einigen sunnitischen Kreisen, insbesondere unter Predigern in sozialen Medien, die sich sowohl gegen iranische und schiitische Akteure als auch gegen Israel positionieren, eine angebliche Prophezeiung. Sie wird dem Propheten Mohammed zugeschrieben. Darin geht es um das bevorstehende Auftreten einer endzeitlichen Gestalt, die im islamischen Kontext als "Daddschāl" bezeichnet wird und der angeblich "70.000 Juden aus Isfahan", einer Stadt im heutigen Iran, folgen sollen. Dass diese Prophezeiung jetzt geteilt wird, steht natürlich vor dem Hintergrund der aktuellen Spannungen im Nahen Osten.

Warum pauschale Aussagen über den Islam Menschen treffen

Solche Verkürzungen treffen nicht nur Ideen, sondern Menschen. Muslime geraten leichter unter Generalverdacht, im Alltag, in Medien und vor Behörden. Das berührt Religionsfreiheit, Würde und den sozialen Frieden. Kritik an radikalen Gruppen ist nötig, die Abwertung einer ganzen Religion ist es nicht.

Interessant für unsere Frage ist die Figur des Daddschāl. Sie wird oft als eine Art Gegenfigur zur Wahrheit verstanden, vergleichbar mit dem Antichristen in christlichen Traditionen.
Soft brush strokes in subtle colors evoke open discussion atmosphere in bright room.
Bemerkenswert ist auch, dass nach islamischer Überlieferung ausgerechnet Jesus (Isa) den Daddschāl am Ende besiegen wird. Jesus spielt im Islam also nicht nur eine wichtige Rolle als Prophet, sondern erscheint hier auch als entscheidende Figur im Kampf gegen Täuschung und Unwahrheit.

Was Leserinnen und Leser aus der Debatte mitnehmen sollten

Religiöse Themen verdienen doppelte Aufmerksamkeit. Einerseits gibt es gefährliche Instrumentalisierungen. Andererseits ist der Islam keine einheitliche politische Lehre, sondern eine vielfältige Religion. Parallelen zum Christentum sind vorhanden.

Wer sauber liest, fragt immer, ob ein Milieu beschrieben wird oder eine ganze Glaubensgemeinschaft. Echte Aufklärung braucht diese Präzision, weil ungenaue Bilder Vorurteile nähren und Medien dafür Verantwortung tragen.

Beachtenswert ist meines Erachtens die Erkenntnis, dass das Böse eher die menschengemachte Täuschung ist.

Die Fähigkeit des Menschen, Täuschung zu produzieren und ihr zu erliegen.

Denn das ist die Realität: Theologie und Religion werden dann zur Waffe, wenn Feindbilder religiös aufgeladen werden und Menschen im Namen der Wahrheit (die sie selbst definieren) andere entmenschlichen.

Symbolbild des Daddschal

Insoweit ist der Artikel von Mouhanad Khorchide ein wichtiger Diskussionsbeitrag, auch über Religionsgrenzen hinweg.

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

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