Zum Inhalt springen

Schutzmaßnahme oder Selbstzensur? Der Druck auf religiöse Minderheiten im indischen Chhattisgarh

Schutzmaßnahme oder Selbstzensur? Der Druck auf religiöse Minderheiten im indischen Chhattisgarh
Symbolbild, KI generiert (Gemini)

DHAMTARI / WIEN – Vor mehreren christlichen Gotteshäusern im indischen Bundesstaat Chhattisgarh hängen seit Kurzem Hinweisschilder in Hindi, deren Inhalt auf den ersten Blick überrascht: Der Zutritt zum Gottesdienst sei auf Christen beschränkt. Die Warnung richtet sich explizit an Angehörige anderer Religionen. Was wie eine Ausgrenzung wirkt, ist nach Angaben lokaler Kirchenvertreter eine reine Vorsichtsmaßnahme. Grund dafür ist eine drastische Verschärfung der Gesetzgebung gegen vermeintlich erzwungene oder betrügerische Religionswechsel.

Hintergrund: Das neue „Religionsfreiheitsgesetz 2026“

Im April 2026 trat der überarbeitete Chhattisgarh Freedom of Religion Act in Kraft. Die Regierungsmehrheit im Bundesstaat – getragen von der hindunationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) – begründet die Verschärfung mit dem Schutz der Bevölkerung vor unlauteren Bekehrungsversuchen. Das Gesetz sieht bei Verstößen wie angeblich erzwungenen oder durch Täuschung bewirkten Konversionen erhebliche Haftstrafen vor, die in gravierenden Fällen bis hin zu lebenslanger Freiheitsstrafe reichen können.

Befürworter des Gesetzes argumentieren, dass finanzielle Anreize, soziale Versprechungen oder Fehlinformationen genutzt würden, um einkommensschwache Bevölkerungsschichten oder Angehörige indigener Gemeinschaften (Adivasi) zum Religionswechsel zu bewegen. Demnach diene die Regelung dem Erhalt des sozialen Friedens und dem Schutz der traditionellen Kultur.

Die Sorge vor Falschbeschuldigungen und Übergriffen

Minderheitenvertreter und Menschenrechtsorganisationen bewerten das Gesetz hingegen kritisch. In über 40 Kirchen verschiedener Konfessionen wurden als Reaktion auf die Rechtslage Hinweisschilder angebracht. Diamond Philus, Generalsekretär des Dhamtari District Christian Forum, betonte gegenüber dem Nachrichtendienst UCA News, man wolle niemanden abweisen, jedoch das Risiko von Anschuldigungen minimieren: Wer als Nichtchrist eintrete, tue dies „auf eigene Gefahr“.

Hintergrund dieser Befürchtungen sind wiederholte Zwischenfälle, bei denen Gruppen hindunationalistischer Aktivisten Gottesdienste und kirchliche Versammlungen aufsuchten, um Vorwürfe illegaler Missionierung vor Ort zu überprüfen. Die Befürchtung der Kirchen besteht darin, dass bereits die reine Anwesenheit von Nichtchristen bei einem Gottesdienst als Indiz für einen versuchten Bekehrungsversuch missdeutet oder gezielt zur Anzeige gebracht werden könnte.

Juristische Schritte vor dem Obersten Gerichtshof

Die christliche Minderheit macht in Chhattisgarh etwa zwei Prozent der rund 30 Millionen Einwohner aus. Organisationen wie die All India Catholic Union (AICU), die Millionen von Katholiken vertritt, sehen durch die aktuelle Praxis das verfassungsmäßig garantierte Recht auf freie Religionsausübung nach Artikel 25 der indischen Verfassung gefährdet.

Die AICU sowie weitere Bürgerrechtsgruppen haben Klage vor dem Obersten Gerichtshof Indiens eingereicht. Sie machen geltend, dass die gesetzlichen Bestimmungen aufgrund vager Formulierungen Raum für Missbrauch böten und zu einer Stigmatisierung religiöser Minderheiten führten.

Ausblick: Eine Bewährungsprobe für den Pluralismus

Der Konflikt im Bundesstaat Chhattisgarh verdeutlicht die anhaltenden Spannungen zwischen dem staatlich formulierten Anspruch, Bürger vor unlauterer Missionierung zu schützen, und der Verpflichtung, das Grundrecht auf Glaubens- und Versammlungsfreiheit zu wahren. Die anstehende juristische Prüfung durch den Obersten Gerichtshof Indiens wird von Beobachtern als richtungsweisend für den Umgang mit religiösen Minderheiten im Land eingestuft.

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

Alle Artikel

Weitere in International

Alle anzeigen

Weitere von Michael Langhans

Alle anzeigen