Zum Inhalt springen

The Journal of CESNUR (Vol. 10, Nr. 3) zusammengefasst

The Journal of CESNUR (Vol. 10, Nr. 3) zusammengefasst

CESNUR, das Zentrum für Studien über neue Religionen (italienisch Centro Studi sulle Nuove Religioni, CESNUR, englisch Center for Studies on New Religions), hat das aktuelle Journal veröffentlicht.

Ich darf die sehr lesenswerten Artikel vorstellen wie folgt (das Original ist auf Englisch veröffentlicht und kann hier heruntergeladen werden).

Die vorliegende Ausgabe widmet sich schwerpunktmäßig der rechtlichen und medialen Behandlung neuer religiöser Bewegungen, insbesondere im Kontext Japans, Russlands und Frankreichs.

Inhalt der Artikel

  1. "A Death Penalty: the Tokyo High Court Unification Church Decision" von Massimo Introvigne.
  2. "Unification Church: Japan’s Dissolution Order and International Law" von Patricia Duval.
  3. "Beyond the Leader: Guilt by Association and Stigma in New Religious Movements" von María Vardé.
  4. "A Dubious Category: 'Spiritual Abuse'" (Research Note) von Massimo Introvigne, Luigi Berzano und Márk Nemes.
  5. "Scientology, Media Rituals, and the Manufacture of Anti-Cult Consensus: A Case Study of France TV’s 'Scientology, the Empire of Secrecy' (2026)" (Research Note) von Rosita Šorytė.

Eine Analyse der aktuellen CESNUR-Ausgabe

Titel: Globale Trends der Stigmatisierung: Wenn Rechtsstaatlichkeit hinter Anti-Sekten-Narrative zurückfällt

Die aktuelle Ausgabe von The Journal of CESNUR (Band 10, Ausgabe 3) zeichnet ein besorgniserregendes Bild der weltweiten Religionsfreiheit. Die wissenschaftlichen Beiträge analysieren, wie staatliche Institutionen und Medien zunehmend diskreditierte Konzepte wie "Gehirnwäsche" oder vage neue Kategorien wie "spirituellen Missbrauch" nutzen, um unpopuläre religiöse Minderheiten zu sanktionieren.

Japan: Das "Todesurteil" gegen die Vereinigungskirche

Im Zentrum steht die Entscheidung des Obergerichts Tokio vom 4. März 2026, die Auflösung der Familienföderation (früher Vereinigungskirche) als Religionsgemeinschaft zu bestätigen. Massimo Introvigne kritisiert dieses Urteil als "Todesstrafe" für eine religiöse Körperschaft. Das Gericht stütze sich dabei nicht auf strafrechtliche Verurteilungen der Organisation – was in Japan jahrzehntelang Voraussetzung für eine Auflösung war –, sondern lediglich auf zivilrechtliche Vergleiche und Urteile. Besonders problematisch sei die Wiederbelebung der Theorie der "mentalen Manipulation" (Gehirnwäsche), die in der internationalen Wissenschaft längst als pseudowissenschaftlich gilt.

Patricia Duval ergänzt diese Analyse aus völkerrechtlicher Sicht. Sie argumentiert, dass die Auflösung eine unverhältnismäßige Einschränkung der Religions- und Vereinigungsfreiheit darstelle und gegen den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte verstoße.

Russland und Argentinien: Sippenhaft und Stigmatisierung

María Vardé untersucht am Beispiel der Verfolgung von Konstantin Rudnew und den Zeugen Jehovas in Russland, wie Medienkampagnen und "Pseudo-Experten" genutzt werden, um Narrative von Kriminalität zu konstruieren. Dabei werde oft das Prinzip der "Schuld durch Assoziation" angewandt, um ganze Gemeinschaften für das Handeln Einzelner oder gar für rein theologische Abweichungen zu bestrafen.

Die Gefahr vager Rechtsbegriffe: "Spiritueller Missbrauch"

Eine Research Note von Introvigne, Berzano und Nemes warnt vor der Einführung des Begriffs "spiritueller Missbrauch" in das Rechtssystem. Während echter Missbrauch (physisch, sexuell oder finanziell) durch bestehende Gesetze geahndet werden müsse, sei die Kategorie des "spirituellen Missbrauchs" oft zu subjektiv und vage. Dies lade dazu ein, normale religiöse Praktiken wie Beichte oder Disziplinarmaßnahmen zu pathologisieren und die Autonomie von Religionsgemeinschaften zu untergraben.

Mediale Vorverurteilung in Frankreich

Abschließend analysiert Rosita Šorytė eine Fernsehdokumentation über Scientology in Frankreich. Sie stellt fest, dass öffentliche Medien oft "Anti-Sekten-Orthodoxien" bestätigen, anstatt komplexe religiöse Realitäten unvoreingenommen darzustellen. Solche Formate trügen maßgeblich zur Herstellung eines gesellschaftlichen Konsenses bei, der Diskriminierung legitimiert.

Unser Fazit:

Die Beiträge verdeutlichen, dass die Religionsfreiheit kein statisches Gut ist. Wenn Gerichte beginnen, Theologie zu bewerten oder psychologische Theorien ohne empirische Basis als Beweismittel zuzulassen, geraten die Fundamente der liberalen Demokratie ins Wanken.

Wir empfinden die Artikel als äußerst lesenswert.

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

Alle Artikel

Weitere in International

Alle anzeigen

Weitere von Michael Langhans

Alle anzeigen