Diese Medienkritik an der Sensationslust muss sein. Denn bei einer objektiven Berichterstattung über einen Kongress muss man den Begriff "Sekte" oder "sektenähnlich" nicht verwenden. Den Begriff „Sekte“ bei Berichtserstattungen zu gebrauchen und zu missbrauchen ist ein berufsethisches Problem von Journalisten, meint Michael Langhans.
Denn wenn eine Religionsgemeinschaft ein Großevent veranstaltet, das zehntausende Menschen bewegt, sollte sachliche Information im Vordergrund stehen. Der im August 2026 stattfindende dreitägige Kongress der Zeugen Jehovas im Hamburger Volksparkstadion mit über 75.000 erwarteten Teilnehmenden und rund 5.000 internationalen Delegierten bietet eigentlich reichlich substanziellen Inhalt für eine fundierte Berichterstattung über das Programm.
Doch in Teilen der Medienlandschaft zeigt sich ein altbekanntes Muster: Anstatt den historischen Hintergrund, die aufwendige Organisation oder das eigentliche Programm sachlich zu beleuchten, greifen Berichte wie die von Medienhäusern wie dem RND oder dem NDR oft vorschnell zum diffamierenden „Sekten-Narrativ“. Der Begriff „Sekte“ wird ohne argumentative Notwendigkeit eingebettet und ohne inhaltliche Bezüge oder gar nachprüfbare Recherche eingestreut – mit dem primären Ziel, Aufmerksamkeit zu generieren und Klicks zu steigern. Dass dabei nicht nur objektive Berichterstattung, sondern auch die Religionsfreiheit auf der Strecke bleiben, scheint egal.
Fakten statt Framing: Was beim Kongress in Hamburg wirklich geschieht
Der dreitägige internationale Kongress steht unter dem Motto „Ewiges Glück“ und ist logistisch wie historisch ein bedeutsames Ereignis:

Historischer Bezug:
Die Veranstaltung erinnert an die Versammlung auf der Hamburger Moorweide im Jahr 1946. Damals kamen 4.000 Überlebende des NS-Regimes zusammen, um nach Jahren schwerer Verfolgung ein Zeichen für Frieden und Einheit zu setzen.
Erinnerungskultur:
Tausende Teilnehmende können das das Event auch für Besuche und Online-Führungen in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme nutzen, um der Opfer der NS-Diktatur aus den eigenen Reihen zu gedenken.
Gemeinschaftsleistung:
Über 10.000 freiwillige Helfer engagieren sich für den Ablauf, bereiten Unterkünfte vor und haben das Stadion im Vorfeld gereinigt.
Trotz dieser Faktenlage rückt in manchen medialen Beiträgen nicht das eigentliche Geschehen in den Fokus, sondern eine pauschale Kategorisierung.
Das Sekten-Narrativ: Boulevard-Strategie statt Fachjournalismus
Der Begriff „Sekte“ ist in der Religionswissenschaft sowie in der Rechtswissenschaft seit langem umstritten und wird aufgrund seiner abwertenden, emotionalisierenden Wirkung kaum noch verwendet. Fachleute sprechen stattdessen von neuen religiösen Bewegungen oder nutzen die offizielle Bezeichnung als Religionsgemeinschaft.
Wenn Medien den Begriff dennoch unnötig und unkritisch verwenden, geschieht dies meist aus folgenden Gründen:
1. Clickbaiting und Aufmerksamkeitsökonomie
Im digitalen Journalismus zählt jede Sekunde und jeder Klick. Wörter wie „Sekte“ bedienen tief sitzende Klischees und erzeugen sofortige Neugier oder Reizüberflutung. Sie dienen als Schlagwort (Clickbaiting), um die Verweildauer und Werbeeinnahmen zu maximieren.
2. Mangelnde inhaltliche Recherche
Anstatt sich mit den Themen der Vorträge am Kongress oder der Dogmatik, den tatsächlichen Strukturen oder dem soziologischen Profil der Glaubensgemeinschaft auseinanderzusetzen, wird ein pauschaler Stempel aufgedrückt. Eine differenzierte Auseinandersetzung erfordert Aufwand – die Verwendung eines Reizwortes hingegen nur wenige Tastenanschläge und ist klicktechnisch effektiver.
3. Entkopplung vom eigentlichen Thema
Besonders auffällig ist, dass der Begriff oft völlig kontextlos genannt wird. Weder gibt es im Rahmen der Berichterstattung über ein Stadiontreffen einen direkten Anlass noch eine fachliche Begründung. Die Benennung erfolgt isoliert, ohne Argumente oder Belege zu liefern, wie diese Klassifizierung überhaupt zustande kommt.
Die juristische und gesellschaftliche Realität
Dass die Verwendung des Begriffs nicht nur journalistisch unsauber, sondern auch faktisch irreführend ist, zeigt der rechtliche Status: In Deutschland sind die Zeugen Jehovas seit Jahren als Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) anerkannt. Dieser Status wird vom Gesetzgeber erst nach eingehender Prüfung der Steuerehrlichkeit, Verfassungstreue und rechtlichen Struktur verliehen. Sie sind damit keine Sekte, weil sie vom Status her mit der sie kritisierenden evangelischen Kirche vergleichbar sind und deren verfassungstreue geprüft ist. Sie sind damit auch nicht destruktiv, unabhängig von Meinungen, die jeder haben darf.
Wer diese Einordnung ignoriert und reflexartig auf das Wort „Sekte“ zurückgreift, betreibt keinen neutralen Berichtsservice, sondern bedient Vorurteile auf Kosten der Ausgewogenheit.
Fazit: Plädoyer für differenzierten Journalismus
Ein Großereignis wie der Kongress im Volksparkstadion verdient eine Berichterstattung zu Inhalten, wie auch beim Katholikentag, eine Berichterstattung die informiert, statt zu reißerischen Reflexen zu greifen. Die pauschale Verwendung des Sektenbegriffs mag Schlagzeilen generieren und Aufrufzahlen steigern – sie untergräbt jedoch das Vertrauen in die mediale Sorgfaltspflicht. Leserinnen und Leser haben einen Anspruch auf Fakten, historische Einordnung und sachliche Analyse statt unbegründeter Stigmatisierung. Journalisten sollten zudem ethischen Journalismus betreiben.
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