Der von uns untersuchte Artikel der Main-Post ist symptomatisch für das Sektennarrativ in Deutschland. Die Main-Post schafft es wieder, viel zu schreiben und wenig zu sagen – insbesondere aber nur die Hälfte der Wahrheit und ein paar bewusste Fehlinformationen der Öffentlichkeit.
Wie es dazu kommt? Weil man nicht alle Seiten hört, was seit der wegweisenden Arbeit von Eileen Barker aber notwendig wäre und in rechtsstaatlichen Systemen ohnehin Standard ist oder der Pressekodex vorgibt (Ziff. 1 und 2).
Inhalt des Artikels der Main-Post zusammengefasst
Gericht verweigert Bewährung: Früherer Leiter der Lülsfelder Gemeinschaft in Haft
Der ehemalige Anführer der in Lülsfeld ansässigen Gemeinschaft „Go&Change“, Kai K., wurde Mitte März 2026 in eine Justizvollzugsanstalt überstellt. Damit verbüßt der 44-Jährige nun eine reguläre Haftstrafe, nachdem er zuvor rund zweieinhalb Jahre im Maßregelvollzug untergebracht war.
Noch gravierendere Taten – unter anderem soll er eine 31-Jährige dreimal bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und dabei sexuell misshandelt haben – soll er dagegen im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen haben.
Was nicht erwähnt wird: Das Verfahren hierüber ist nicht rechtskräftig. Die Justizverwaltung scheint hier dem Oberlandesgericht zuvorkommen zu wollen und Fakten zu schaffen. Ein fairer Artikel würde hierauf hinweisen.
Zudem ist streitgegenständlich ein mehrtägiges Verhalten von zwei Erwachsenen Menschen, die gemeinsam Drogen konsumiert und sexuell interagiert haben, auch wenn Grenzen überschritten scheinen. Der Artikel suggeriert aber mehrere unabhängige Straftaten, indem er so ungenau bleibt.
Obwohl eine erfolgreiche Therapie im deutschen Rechtssystem häufig zur Aussetzung der Reststrafe auf Bewährung führt, lehnte das Gericht einen entsprechenden Antrag der Verteidigung ab. Kai K. muss daher die verbleibende Strafe im Gefängnis absitzen, was laut Staatsanwaltschaft bis Februar 2027 dauern kann.
Was nicht erwähnt wird: Das Verfahren hierüber ist nicht rechtskräftig. Künftige Bewährungsoptionen sind möglich.
Veränderungen in der Gemeinschaft
Parallel zu den juristischen Entwicklungen gab es personelle Wechsel im Trägerverein der Gemeinschaft, dem „Gemeinschaft(s)formen e.V.“:
Ausscheiden aus dem Vorstand: Kai K. ist Ende 2025 offiziell aus der Vorstandschaft des Vereins ausgeschieden.
Aktuelle Führung: Die Vereinsspitze besteht weiterhin aus dem Sprecher Felix Krolle sowie einem weiteren 50-jährigen Mitglied.
Frühere Verfahren: Gegen das aktuelle Führungsduo wurde zuvor wegen des Vorwurfs ermittelt, ein Kind von Kai K. vor dem Jugendamt versteckt zu haben; dieses Verfahren wurde gegen Geldauflagen eingestellt.
Was nicht erwähnt wird: Das Verfahren hätte ohnehin im Hinblick auf die Rechtsprechung des EuGH mit einem Freispruch geendet, wie ich bereits hier geschildert hatte. Auch damals war auffällig: Die Main-Post recherchiert nur eine Seite. Ohnehin gibt es einen rechtlichen Unterschied zwischen Go&Change als Entwicklungsgemeinschaft und dem Verein, so dass die Aussagen einer "neuen Führerschaft" ungenau sind und bewusst polemisch-negativ sind. Dasselbe gilt für die Konnotation als "Guru" im Header der Artikelüberschrift.
Situation vor Ort
Die Gemeinschaft bewohnt weiterhin das ehemalige Kloster „Maria Schnee“ in Lülsfeld. Während Aussteiger in der Vergangenheit Vorwürfe wie Psychodruck und Drogenmissbrauch erhoben, wird das Leben hinter den Klostermauern aktuell als ruhig beschrieben, man bekomme nichts mit. Über die derzeitigen internen Abläufe liegen keine gesicherten Informationen vor.
Was nicht erwähnt wird: Natürlich liegen andere Informationen vor. Diese sind auch transparent gemacht. Hier berichten wir über Go&Change und das neue Hinweisgebermeldesystem. Zudem haben wir darauf hingewiesen, dass viele Behauptungen von Sektenberatungsstellen schlicht falsch sind, gleichwohl wiederholt werden. Erstaunlich dabei ist es ohnehin, dass "man" nichts mitbekomme im Ort. Die uns bekannten Nachbarn , die regelmäßig das Kloster besuchen oder Kontakte mit Menschen dort haben, schätzen das nämlich anders ein.
Hinweise zur Einordnung des Berichts:
Dem gesamten Artikel liegen nur die Tatsachenbehauptungen zugrunde, dass Kai K. in den Regelvollzug überstellt wurde und dass es einen Wechsel in der Vereinsführung gab.
Sichtweisen der Verteidigung oder der Gemeinschaft wurden, wie presserechtlich bedenklich, aber in Sektenverfahren üblich, nicht eingeholt.
Die weiteren Aussagen des Artikels sind unzutreffend, lassen relevante Details weg oder verschweigen Aspekte, die die Gemeinschaft in einem positiven Licht erscheinen lassen.
Die Kernaussage "Was sich aktuell hinter den Klostermauern tut, ist weitgehend unklar." ist gelogen. Wer sich die Mühe macht, unsere Arbeit sowie die darin begründete Transparenz zu lesen, der weiß, wie der aktuelle Sach- und Rechtsstand ist. Aber im Sektennarrativ darf man wohl nicht erwarten, dass die Menschen neutral recherchieren.
Ohnehin bleibt erneut unklar, was die ausgeurteilten Straftaten von Kai K. mit der Gemeinschaft zu tun haben.
Und: Weitere Informationen, die wir aus rechtlichen Gründen noch nicht teilen können, lassen durchaus den Schluss zu dass da rechtlich einiges im Argen liegt. Aber es wäre Aufgabe neutraler Presse, hier zu ermitteln und zu berichten. Unsere Aufgabe ist "nur" die Sicherstellung der Religions- und Weltanschauungsfreiheit.
Weitere Infos zu Go&Change hier im Cornerstone-Artikel der Entwicklungsgemeinschaft mit weiteren Links.