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Keynote Michael Langhans 22.08.2026

Keynote Michael Langhans 22.08.2026
Photo: privat

"Vielen Dank für die warmen Willkommensworte und die wunderbare Einführung in den heutigen Nachmittag.

Liebe Gäste, liebe Sprecher, ich freue mich, Sie so zahlreich hier versammelt zu sehen. Religionsfreiheit ist es ein präsentes Thema, nicht nur in der Welt sondern auch hier vor Ort in Deutschland im Herzen von Europa.

Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat nicht zu Unrecht den Tag zum Gedenken an die Opfer von Gewalttaten aus Gründen der Religion oder des Glaubens ins Leben gerufen. 2019 war aber sicher nicht absehbar, wie akut das Thema auch heute sein wird. Die Kanonikerin Clair Amos sagte hierzu 2024: „Es wäre ein Fehler zu behaupten, dass die derzeitigen Kriege (…) nur auf die Religion zurückzuführen sind. Ebenso falsch wäre es aber zu erklären, die Religion spiele bei diesen (…) Konflikten (…) keine Rolle“. Oliver Marquard hat im Sonntagsblatt ausgeführt zum gescheiterten Anschlag auf Donald Trump: „Nicht nur religiöser Fanatismus ist gefährlich – auch verbreitete christliche Denkmuster könnten Gewalt begünstigen.“

Aktuell sitzt mir Lee man-he, Gründer von Shincheonji und von HWPL, ein Friedensmediator in U-Haft. Wie zynisch kann man einen Gedenktag der UN einläuten, wenn man am Vortrag die Anhörungen in dieser Causa thematisiert? An Zufälle glaube ich als Jurist nicht, insbesondere nicht an solche. Und dann wird das von Ministern und Konkurrenzreligionen kommentiert, bis man von „falschen Propheten“ spricht. Mediale Gewalt im Kampf um die Deutungshoheit?

Gewalt ist dabei nicht nur die körperliche, sondern auch die psychische, nicht nur die tatkräftige, sondern auch die institutionelle, Medien nutzen das Sektennarrativ in allen Ländern der Welt und vervollständigen wissentlich oder unwissentlich staatlich gewünschte Assimilierung. Die Uiguren, von denen wir heute Vertreter begrüßen dürfen, erleben das in China. Die Jesiden, auch deren Vertreter seien herzlich begrüßt, erleben es, insbesondere durch die Verhinderung von Abschiebestopps in Deutschland. Auch Untätigkeit kann Gewalt sein oder zu Gewalt führen. Oder die Scientology Kirche, der deutschen liebste Sekte, muss ich wohl nichts erzählen, zu deutlich ist der Sektenfilter in aller Gedächtnis, doch zu wenig die Auswirkungen auf die Einzelnen. So hat jeder hier heute eine Geschichte zu erzählen, die unsere Pluralität aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet. Allein, es muss gehört werden!

Dabei verschwinden Argumente oft, bevor Dialoge entstehen können, weil sie ungehört bleiben und niemand darüber berichtet. Gemeinschaften öffnen sich oft nicht, was dann als fehlende Transparenz bezeichnet wird.

FOREF als überkonfessionelle, neutrale und unabhängige Organisation setzt sich seit 2005 dafür ein, dass die Religions- und Weltanschauungsfreiheit geschützt wird. Doch sie ist nichts wert ohne Meinungs- und Pressefreiheit, dass also hierüber sachlich und ergebnisoffen berichtet werden darf und berichtet wird.

Ich freue mich daher auf viele persönliche, gar intime Berichte aus der Welt und aus Deutschland und lade sie herzlich ein, in der Pause und danach den Dialog zu suchen, auf dass es nicht heute bei dieser einen Flamme bleibt. Dankeschön."Wenn man, wie ich, zehn Jahre im Bereich neue religiöse Bewegungen fachlich unterwegs ist, Menschen in Gemeinschaften, Kirchen und Religionen trifft und vor Gericht vertritt, dann erlebt man mehr, als ich in diesem Beitrag erzählen könnte. Bewegende Momente wie Menschen, die weinen, aber nicht wegen des Unrechts, das ihnen widerfährt, sondern weil man ihnen endlich zuhört, bleiben in Erinnerung.

Gelten normale rechtsstaatliche Grundsätze in Verfahren, den Medien, der Öffentlichkeit, wenn es um sogenannte Sekten geht? Spätestens wenn dieses Wort fällt, fallen auch die Rolltore in den Herzen der Menschen herab und verschließen sich, ganz automatisch.

Meine Arbeit als Jurist, in der Zusammenarbeit mit Medien, aber vorallem Gerichten und Menschen ist es dabei immer, denjenigen Gehör zu verschaffen, denen niemand zuhören möchte. Und ich bin Realist genug, um Ihnen heute sagen zu können: Das Problem beschränkt sich nicht auf neue religiöse Bewegungen oder Minderheiten. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem geworden.

Ich möchte Ihnen einige Beispiele aus meiner Praxis mitteilen:

Zum Beispiel ist es so, dass in Verfahren von neuen religiösen und weltanschaulichen Bewegungen, egal welche Vorwürfe, Gemeinschaften oder deren Mitglieder beweisen müssen, dass die Vorwürfe unwahr sind, während gemeinhin die Unschuldsvermutung gilt und der Rechtsstaat beweisen müsste, was tatsächlich passiert ist. Der terminus „Sekte“ führt hier aber eine Beweislastumkehr contra legem herbei, und Justizia ist dabei nicht nur blind, sondern bisweilen auch taub oder stumm. Geht es dabei noch um Menschen oder das Recht? Oder geht es im Kern nicht mehr nur darum, die eigene Auffassung über alles zu stellen?

Dann gab und gibt es da die Macht von heimlichen Aufnahmen in religiösen Gebäuden, unter Verstoß gegen jeden ethisch-juristischen, journalistisch-religiösen Grundsatz. Niemand fordert dabei, dass Religion über dem Gesetz steht, aber sie sollte auch nie unter dem Gesetz stehen. Und daher sollte man nicht heimlich Aufnahmen in religiösen Gebäuden machen und diese ggf. nachbearbeiten.

Beweise werden in solchen Verfahren weitestgehend ignoriert, wenn überhaupt vorhanden. Ein Beispiel? Wir konnten bei den zwölf Stämmen nicht nur Beweisen, dass Dokumente verändert vorgelegt wurden oder dass es keine gefährliche Körperverletzung vorlag. Hat es die Presse und die Öffentlichkeit interessiert? Mitnichten. Die Schlagzeile war gefallen, Änderungen unerwünscht.

Wer positiv für seine Gemeinschaft spricht, wird grundsätzlich als unehrlich dargestellt, während ehemalige Gemeinschaftsmitglieder und negative Aussteiger plötzlich glaubwürdige Generalzeugen sind. Auf eine wissenschaftliche Prüfung, was denn die Wahrheit ist, zum Beispiel über Mittel der Aussagepsychologie oder den Polygraphen wird verzichtet, obwohl statistisch Richter und Staatsanwälte nur zwischen 46% und 60 Prozent Wahrheit von der Lüge unterscheiden können. Ähnliches gilt dann für Öffentlichkeit und Presse, wobei der nennenswerte Unterschied zwischen Fachleuten und Laien nach Vrij ist: Erstere neigen dazu, sich maßlos zu überschätzen.

Dabei möchte ich gar nicht auf persönliche Angriffe eingehen wie „sind sie jetzt auch Mitglied dieser Sekte“, weil sich der Anstand in solchen Verfahren ohnehin in Grenzen hält und ich lächelnd darüber hinwegsehe. Immerhin, man scheint meine Arbeit nicht zu mögen, und aus Sicht des Gegners wäre das doch ein großes Lob für mich, oder?

Aber warum ist das denn so? Warum muss, wie wir unlängst nochmals erinnern mussten, vor 40 Jahren irgendjemand von der Offenbach Post einen Beitrag zu einer Pressekonferenz gegen die Vereinigungskirche so sehr verschlimmern, dass sich der eigene Journalist vor vor dem hiesigen Oberlandesgericht distanziert und sagt „kriminelle Vereinigung habe ich weder gehört noch geschrieben“. Die Fakten wurden also einfach verdreht und skandalisiert, ohne skrupel, ohne eigene Kenntnis. Und dieser Apfel der Sünde dauert bis heute fort und wurde in einer Dokumentation seit 2025 mindestens 14x wiederholt.

Denn genau das ist das Problem mit dem Sektennarrativ: Erschaffen ist es schnell, richtiggestellt nur selten.

Vor 28 Jahren wollte die Enquete-Kommission erreichen, dass wir den Begriff „Sekte“ nicht mehr verwenden. Manchmal hält sich der Staat daran, und sicherlich einige aus dem Publikum wissen aus ihren eigenen Akten, dass dem nicht immer so ist. Aber eine Verlagerung in die Presse löst das Problem nicht, liebe Zuhörer. Aufklärung kann dieses Problem lösen, oder eben endlich zuhören, alle Seiten hören, Neutrale wie Insider und Outsider.

Doch wird diese einfache Erkenntnis, die Eileen Barker mit ihrer Studie über die „Moonies“ aufgestellt hat, gefliessentlich ignoriert.

Natürlich sind auch Gemeinschaften nicht unschuldig an diesem Dilemma: Aus Ehrfurcht vor der Skandalisierung redet man lieber gar nicht mit der Presse, und diese kann sich zurecht über mangelnde Transparenz beklagen – so wie sich Gemeinschaften über mangelnde Recherche beklagen. Go & Change ist in der ZEIT:Verbrechen als Glaubensgemeinschaft betitelt. Wenn aber die Absenz von Recherche zur Normalität wird, dann muss das Fehlen von Kooperation Realität werden und wir streiten darüber, wer wem nicht zuhört.

Die Wahrheit ist eben: Am Schlagwort Sekte kommt in Deutschland keiner vorbei. Und egal, wie oft wir über Hassrede sprechen, die oft genutzt wird um Unruhe zwischen Religionen zu stiften, ausmerzen lässt sie sich an dieser Stelle kaum.

Zu viele Sektenexperten verdienen daran, dass sie eben nicht zuhören und das Narrativ bedienen, dass die Presse braucht. Als Dr. Pöhlmann sich nach der Entscheidung des Verfassungsschutzes zu Scientology in der Presse äußerte, dass für ihn die Scientology-Kirche immer noch gefährlich sei, vergaß er zu erwähnen, dass er seit Jahren keinen Kontakt zu dieser hat. Nächstenliebe scheint mir das nicht zu sein.

Dabei zeigt doch die Historie, dass wir Gemeinschaften nicht bis in die Ewigkeit klassifizieren können. Oder wer verliert heute noch ein Wort über das Kreuz- und Fahnengefecht 1606/1607 in Donauwörth, meiner Heimat, als die Evangelischen die Katholischen bei einer Markusprozession überfielen (oder die Katholiken dies provozierten…). Weiss jemand, dass das den 30 jährigen Krieg ausgelöst hat? Reduzieren wir diese großen christlichen Gemeinden auf Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und Kindesmissbrauch, oder können wir es in diesen Fällen.

Warum aber denken ich, dass ich sprechen darf und die Wahrheit weiss?

Natürlich habe ich dazu auch nur Informationen. Was DIE Wahrheit ist, mag unser Schöpfer wissen. Aber: Ich erhalte Informationen.

Weil ich – welch Wunder – zuhören kann und zuhören will.

Weil ich Zeit habe oder sie mir nehme.

Weil ich Menschen liebe und sie annehme, wie sie sind.

Niemand muss perfekt sein, das unterscheidet uns ja von den Göttern.

Oder wie es eine Freundin einmal so treffend, frech und pointiert formulierte: “Michael, Du bist manchmal ein Engel, aber kein Heiliger”.

Ich finde, das trifft es ganz gut. Ich bin nur ein normaler Mensch, der versucht das richtige zu tun und zu helfen.

Und dieses richtige beginnt immer im Zuhören, eine Fähigkeit, die immer mehr verloren geht im Algorithmus von YouTube und Tiktok. 3 Sekunden haben sie Zeit in Social Media, um die Aufmerksamkeit ihres gegenübers zu erreichen. Geschichten eines Lebens lassen sich da kaum erzählen.

Heute werden wir viele Möglichkeiten haben, zuzuhören. Und ich wünsche mir, dass daraus Gespräche werden. Niemand muss den anderen verstehen oder seine Motive gutheißen. Niemand muss glauben, was ein anderer glaubt.

Aber jeder muss es respektieren, dass Freiheit heisst, dass es Gemeinsamkeiten und Getrenntes gibt.

„Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden," sagte die Atheistin Rosa Luxemburg. Und: “Reden ist unser Privileg. Wenn wir ein Problem haben, das wir nicht durch Reden lösen können, dann hat alles keinen Sinn.”

Ich möchte ergänzen „und Zuhören“. Wenn wir ein Problem haben, das wir nicht durch Reden und Zuhören lösen können, dann hat alles keinen Sinn.

Wenn wir ein Problem haben, das wir nicht durch Reden und Zuhören lösen können, dann hat alles keinen Sinn.

In diesem Sinne glaube ich, dass dieses atheistische Wort hervorragend geeignet ist, diesen wunderbaren Nachmittag in Schwung zu bringen. Obwohl sie nämlich einen Glauben an Gott ablehnte, betonte sie in ihrer Schrift Kirche und Sozialismus, dass die Sozialdemokratie den persönlichen Glauben der Menschen achte und volle Gewissensfreiheit fordere. Denn: Niemand sollte wegen seiner religiösen Überzeugungen verfolgt oder herabgesetzt werden.

Vielen Dank fürs Zuhören. Ihre Ohren werden es nicht bereuen."

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

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