Tirana. Der albanische Premierminister Edi Rama überraschte vor der UN-Generalversammlung mit einer geopolitischen und religionspolitischen Ankündigung: In der albanischen Hauptstadt Tirana soll ein souveräner Kleinstaat für den liberalen Sufi-Orden der Bektaschi entstehen. Auf einem Areal von rund 11 Hektar – etwa einem Viertel der Fläche des Vatikans – plant die albanische Regierung eine Enklave, die dem mystischen Bektaschi-Orden eigenen Staatsstatus gewähren würde.
Die Initiative zielt laut Rama darauf ab, das albanische Modell der religiösen Toleranz weltweit zu stärken und ein internationales Signal für einen friedlichen, moderaten Islam zu senden. Doch der Vorstoß stößt nicht nur auf internationale Neugier, sondern auch auf skepsisgeprägte Fragen bezüglich Verfassungsrecht, geopolitischer Folgen und innerreligiöser Spannungen.
Der Bektaschi-Orden: Ein moderater Zweig im Islam
Der Bektaschi-Orden, im 13. Jahrhundert in der Türkei entstanden, gehört zu den mystisch geprägten Sufi-Traditionen. In Albanien bildet die Gemeinschaft nach den Sunniten, Orthodoxen und Katholiken die viertgrößte Religionsgemeinschaft und blickt auf eine lange Tradition der gesellschaftlichen Vernetzung und Vielfalt zurück.
Der Orden ist bekannt für seine tolerante Auslegung des Glaubens:
- Es gibt keine strengen Kleidervorschriften für Frauen.
- Frauen nehmen gleichberechtigt an religiösen Zeremonien teil.
- Der Konsum von Alkohol ist nicht verboten.
- Der Fokus liegt auf Nächstenliebe, persönlicher Spiritualität und ethischer Entfaltung.
Das geplante Staatsoberhaupt, der derzeitige Führer des Ordens Edmond Brahimaj („Baba Mondi“), kündigte an, dass Entscheidungen in der Enklave im Geist der Liebe und Moderation getroffen würden. Der Zwergstaat soll eigene Pässe ausstellen, eine Verwaltung führen und ein diplomatisches Korps unterhalten, jedoch weder über ein Militär noch über eine Polizei verfügen.
Argumente der Befürworter: Ein Leuchtturm der Toleranz
Unterstützer der Initiative – allen voran Premierminister Edi Rama und Führungspersönlichkeiten des Bektaschi-Ordens – betonen das geopolitische Potenzial des Projekts:
- Gegenpol zu Extremismus: In einer Zeit wachsender religiöser Polarisierung könne der Kleinstaat ein weltweit sichtbares Symbol für moderaten und friedlichen Islam darstellen.
- Aufwertung Albaniens: Albanien wird seit jeher für sein gelebtes Miteinander verschiedener Konfessionen geschätzt. Die Staatsgründung würde diese Rolle als Brückenbauer festigen.
- Schutz der religiösen Identität: Nach historischer Verfolgung (unter anderem durch Atatürk in der Türkei in den 1920er Jahren und das totale Religionsverbot im kommunistischen Albanien) erhielte die Bektaschi-Gemeinschaft ein geschütztes geistiges Zentrum.
Bedenken und Kritik: Verfassungsfragen und Bedenken anderer Strömungen
Trotz der im Diskurs hervorgehobenen Friedensbotschaft werfen Rechtsexperten und religiöse Vertretungen offene Fragen auf:
- Säkularismus und Verfassungsrecht: Kritiker in Albanien bemängeln, dass der Vorstoß überraschend und ohne breiten gesellschaftlichen oder parlamentarischen Diskurs angekündigt wurde. Die albanische Verfassung garantiert die Trennung von Staat und Kirche – die Bevorzugung einer einzelnen Glaubensgemeinschaft durch eigenen Gebietsstatus werfe staatsrechtliche Fragen auf.
- Protest sunnitischer und türkischer Bektaschi-Vertreter: Vertreter sunnitischer Verbände sowie Bektaschi-Gruppierungen in der Türkei äußerten sich kritisch. Sie argumentieren, dass der Islam keine vatikanähnliche Hierarchie benötige und dass der Glaube nicht an territoriale Souveränität geknüpft werden sollte.
- Gefahr von Präzedenzfällen: Internationale Beobachter fragen, ob die Schaffung religiöser Zwergstaaten politisch Schule machen könnte und welche diplomationsrechtlichen Auswirkungen die Anerkennung durch andere Staaten haben wird.
Fazit
Die Vision eines souveränen Bektaschi-Staates in Tirana oszilliert zwischen mutiger Friedensdiplomatie und komplexer Staatsrechtsdebatte. Ob der „muslimische Vatikan“ Realität wird, hängt maßgeblich von den juristischen Entwürfen, der Abstimmung im albanischen Parlament sowie der Resonanz in der internationalen Staatengemeinschaft ab.