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Zwischen Glaubenspraxis und Generalverdacht: Der Fall einer „Santería-Sekte“ auf Teneriffa

Zwischen Glaubenspraxis und Generalverdacht: Der Fall einer „Santería-Sekte“ auf Teneriffa
Symbolbild, mit Nano Banana /Gemini erstellt

In den vergangenen Tagen rückte eine Gemeinschaft im Norden Teneriffas in den Fokus polizeilicher Ermittlungen. Was in den Schlagzeilen reißerisch als „Zerschlagung einer gefährlichen Sekte“ gefeiert wird, wirft bei genauerem Hinsehen fundamentale Fragen zum Schutz der Religionsfreiheit auf. Als Verteidiger dieses Grundrechts müssen wir uns fragen: Handelt es sich hier um den notwendigen Schutz von Opfern oder um eine Kriminalisierung unkonventioneller Lebensentwürfe?

Notwendigen Schutz von Opfern oder um eine Kriminalisierung unkonventioneller Lebensentwürfe

Die Vorwürfe im Überblick

Die Ermittlungen der Nationalpolizei stützen sich auf eine Reihe von Anschuldigungen, die das Bild einer repressiven Organisation zeichnen. Die Hauptvorwürfe gegen die Gruppierung und ihr Führungspersonal lauten:

Während kriminelle Handlungen wie Betrug oder Nötigung zweifellos verfolgt werden müssen, ist die bloße Existenz strenger Regeln – wie etwa Kleidervorschriften – in vielen Weltreligionen (man denke an Klöster oder orthodoxe Gemeinschaften) völlig legal (Ausnahme Frankreich). Die Grenze zwischen freiwilliger Hingabe und Zwang ist oft eine Frage der Perspektive.

Was ist die Santería?

Um den aktuellen Fall einordnen zu können, ist es wichtig, die religiöse Basis zu verstehen, auf die sich die Gruppe beruft: die Santería (auch bekannt als Regla de Ocha).

Die Santería ist eine synkretistische, afroamerikanische Hauptreligion insbesondere auf Kuba, die während der Kolonialzeit in der Karibikentstand. Sie ist eine faszinierende Verschmelzung aus Yoruba-Traditionen (Sklaven aus Westafrika brachten ihren Glauben an die Orishas (Götter/Naturkräfte) mit in die Neue Welt) und dem Katholizismus. Um ihren Glauben vor den Kolonialherren zu verbergen, maskierten die Gläubigen ihre Orishas hinter katholischen Heiligen. So wurde beispielsweise Shango mit dem Heiligen Barbara gleichgesetzt.

Wodurch zeichnet sich die Santería aus?

Gläubige pflegen eine persönliche Beziehung zu bestimmten Gottheiten (Orishas), die jeweils für bestimmte Naturphänomene oder menschliche Eigenschaften stehen.

Zeremonien beinhalten oft Trommelmusik, Tanz und rituelle Speiseopfer, um die Gunst der Orishas zu erlangen.

Grundsätzlich spielt die Farbe Weiß eine zentrale Rolle. Frisch Initiierte (sogenannte Iyawos) tragen oft ein Jahr lang ausschließlich Weiß als Zeichen der spirituellen Reinheit und Neugeburt.

Die Religion ist in autonomen „Häusern“ (Ilés) organisiert, die von Priestern (Santeros oder Babalaos) geleitet werden.

Ein Plädoyer für Differenzierung

Die Santería ist eine weltweit praktizierte, anerkannte Religion mit Millionen von Anhängern. Auch wenn die katholische Kirche diese Form der Mischreligion nicht anerkennt, wird sie gleichwohl toleriert.

Wenn nun eine kleine Gruppe auf Teneriffa wegen krimineller Delikte im Fokus steht, darf dies nicht dazu führen, eine ganze Glaubensrichtung unter Generalverdacht zu stellen. Hier fehlt mir eine deutliche Abgrenzung im Ausgangsartikel.

Der Begriff der „Sekte“ wird in den Medien oft als moralische Keule genutzt, um alles „Fremde“ zu diskreditieren. Wahre Religionsfreiheit bedeutet jedoch, dass der Staat nicht über den Wahrheitsgehalt oder die „Sinnhaftigkeit“ ritueller Kleidung oder spiritueller Hierarchien zu urteilen hat. Ermittlungen müssen auf harten Fakten basieren, nicht auf dem Unbehagen gegenüber einer exotischen Glaubenspraxis. Nur so bleibt die Freiheit des Gewissens gewahrt.

Zudem bleiben wie so oft Belege für das Vorliegen einer Sekte unbenannt, so dass man sich blind auf die Nachrichten verlassen muss - was selten gut ausgeht. Es könnte also durchaus sein, dass "Sekte" erneut nur als "Kampfbegriff" verwendet wurde.

Quellen

Teneriffa News

Wikipedia

Michael Langhans

Michael Langhans

Executive Director FOREF Deutschland, Volljurist, Familienrechtsexperte und Menschenrechtsaktivist.

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